Diepholzerin auf Klassenfahrt in Berlin: Kerstin Wolff (geb. Zellhorst) erinnert sich an historische Momente

Ende der Vorstellung: „Die Mauer ist offen!“

30 Jahre ist es her, dass die Menschen friedlich die Mauer einrissen. Foto: Archiv Zellhorst

Diepholz – 30 Jahre ist der Fall der Mauer jetzt vergangenen, Ein einschneidendes, geschichtliches Datum und für die, die damals dabei waren, vermutlich ein Erlebnis, das sie zeitlebens nicht vergessen werden. Die damalige Schülerin Kerstin Zellhorst aus Diepholz (heute heißt sie Kerstin Wolff) hatte das Glück, den historischen Tag bei einer Klassenfahrt nach Berlin mitzuerleben. Aus Anlass des Mauerfalls erinnert sie sich an die Fahrt mit unerwartetem geschichtsträchtigem Wert.

„1989 lebte ich mit meinen Eltern und meinem Bruder Michael in Diepholz. Ich ging auf das Gymnasium in Lohne. Dorthin gingen damals viele Diepholzer Schüler und Schülerinnen, denn die Schulphilosophie und die Unterrichtsformen in der Diepholzer GFS und im Lohner Gymnasium waren doch sehr unterschiedlich und so gab es, mangels guter öffentlicher Verkehrsverbindungen zahlreiche Fahrgemeinschaften nach Lohne.

Pro Fahrt zahlte man dem Fahrer eine D-Mark. Der Wechsel von der GFS nach Lohne hat sich auch für mich gelohnt, seitdem ging ich gerne zur Schule und auch mein Notenquerschnitt verbesserte sich sichtlich und ich machte 1993 dort mein Abitur.

In der Woche, in der der 9. November 1989 lag, waren wir auf Klassenfahrt in Berlin. Mit dem Bus fuhren wir – mit dabei waren auch die Diepholzer Mitschülerinnen Wibke Reinsch und Heike Lisecki – über die damals noch zweispurige A 2 und die „Interzonenautobahn“ nach Berlin.

Eine ganze Woche wurden wir in verschiedensten Veranstaltungen und Besuchen über die Geschichte und besondere Situation Berlins unterrichtet. Dazu gehörten natürlich auch die Besichtigung der Mauer und der Blick vom Aussichtsturm hinüber nach Ostberlin.

Für Donnerstag, den 9. November stand der Besuch Ostberlins auf dem Programm. Morgens fuhren wir also mit unserem Bus über den Grenzübergang Checkpoint Charly durch die Mauer. Jede(r) von uns musste 20 DM West in 20 Mark Ost zwangsumtauschen. Dass wir mit die Letzten sein würden, die diesen Zwangsumtausch zur Aufbesserung der DDR – Devisen machen mussten, konnten wir nicht ahnen.

Nachmittags kehrten wir von unserem Ausflug in das graue Ostberlin in den bunten, lichterüberstrahlten Westen zurück. Abends besuchten wir ein Theaterstück. Mitten in der Vorstellung wurde diese plötzlich abgebrochen und eine sichtlich aufgeregte Stimme aus dem Lautsprecher sagte: „Wir brechen hiermit unsere Vorstellung ab. Die Mauer ist offen!“. Wir konnten es nicht glauben! Wir waren doch gerade noch in der DDR gewesen. Unsere Lehrer beschlossen sofort, dass wir alle zur Mauer fuhren. Dort angekommen fanden wir uns in einem riesigen Gewühl von jubelnden Menschen und viele standen auf der Mauer. Ich bin nicht hinaufgeklettert, schon allein weil ich wegen eines Armbruchs zwei Wochen zuvor den rechten Unterarm in Gips hatte aber auch, weil kaum noch Platz darauf zu bekommen war. Wir blieben in kleinen Grüppchen zusammen, es war unmöglich, in den Massen als Klasse zusammen zu bleiben. Auch die Lehrer hatte man bald aus den Augen verloren. Wir ließen uns treiben und genossen die einzigartige Stimmung. Irgendwann nachts trudelten wir dann nach und nach in unserer Unterkunft ein.

Der nächste Tag war recht chaotisch und ich weiß nicht mehr, ob der Plan für diesen Tag von unseren Lehrern eingehalten wurde.

Für den darauffolgenden Samstag war unsere Heimreise nach Diepholz angesetzt und wir dachten, dass wir im Laufe des Nachmittags zuhause ankommen würden.

Aber natürlich hatte niemand mit der sich westwärts rollenden Trabi – Welle gerechnet und so krochen wir mit unserem Bus in der unendlichen Autoschlange westwärts.

Damals gab es noch keine Handys und auch auf der Interzonenautobahn fand sich keine Möglichkeit unsere Eltern, die uns abholen wollten zu informieren, dass es sehr viel später werden würde. Erst im Westen, wenn man an der Raststätte einen Parkplatz und eine freie Telefonzelle fand, konnten wir die Zuhause Wartenden informieren, wo wir waren und wie lange es noch dauern würde.

In Diepholz organisierten die Eltern dann Telefonketten, über die sie sich gegenseitig über die aktuellen Nachrichten informierten.

Die anfänglichen geschätzten Ankunftszeiten wurden immer wieder auf später verschoben und aus der fünf- bis sechsstündigen Fahrt von Berlin nach Diepholz wurden dann 22 Stunden, so dass wir am frühen Sonntagmorgen endlich in Diepholz total übernächtigt ankamen.

Wir konnten nicht glauben, dass wir dieses geschichtsträchtige Ereignis als 16-Jährige live miterlebt hatten. Erst nach und nach wurde uns das ganze Ausmaß bewusst, was dieser Tag für die deutsche Geschichte bedeutete.“

Zur Person: „Mit fünf Jahren zog ich mit meiner Familie von Celle nach Diepholz. Dort besuchte ich die Mühlenkampschule, anschließend die Orientierungsstufe und danach zunächst die GFS und ab der 8. Klasse das Gymnasium in Lohne. In meiner Jugend in Diepholz verbrachte ich einen großen Teil meiner Freizeit in der Kirchengemeinde St. Michaelis, wo ich eine Jugendgruppe leitete und mit dem Flötenensemble von Frau Unteutsch viele Gottesdienste musikalisch mitgestaltete. Neben der Musik war mein Hobby das Reiten. Ich hatte einige Zeit ein Pony an der Reithalle an der Moorhäuser Straße stehen, wo ich bei Wind und Wetter hinfuhr. Mit Beginn der Tanzschulzeit, so um die 14 Jahre, war die Tanzschule Hoppenburg mein zweites Zuhause, wo ich zunächst alle Tanzkurse bis Goldstar durchlief und schließlich bis zu meinem Auszug von zu Hause in der Latein- und Standardformation tanzte.

Nach dem Abitur 1993 zog ich nach Osnabrück und begann dort ein Psychologiestudium. In dieser Zeit lernte ich vor nunmehr 25 Jahren meinen jetzigen Mann kennen, der damals in Osnabrück Jura studierte. Nach Abschluss meines Studiums 1999 fing ich meine erste Stelle im St. Rochus Hospital in Telgte bei Münster an und zog gleichzeitig zu meinem Mann nach Recklinghausen, seiner Heimatstadt.“

Nach Weiterbildung und Approbation legte sie 2003 ihr Staatsexamen ab und durfte sich dann nicht nur Diplom-Psychologin, sondern auch Psychologische Psychotherapeutin nennen. Sie betreibt ihre eigene Praxis und lebt mit ihrer Familie in Recklinghausen.

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