Über Kunden, Möglichkeiten und Projekte

Jobcenter-Geschäftsführer Harald Glüsing im Gespräch: „Ein ständiger Spagat“

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Harald Glüsing (49) ist Geschäftsführer des Jobcenters Landkreis Diepholz, in dem Arbeitsagentur und Kreisverwaltung ihre Kräfte bündeln.

Landkreis Diepholz - Menschen wieder in Arbeit bringen – und ihnen eine neue Lebensperspektive ermöglichen: Daran arbeiten Harald Glüsing und seine Mitarbeiter im Jobcenter. Seit dem 1. September ist der 49-jährige Geschäftsführer dieser Einrichtung, die rund 13 000 Kunden (deren Kinder eingeschlossen) mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Problemen hat. Im Interview nimmt der Jobcenter-Geschäftsführer Stellung zu Chancen und Möglichkeiten. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Glüsing, die sprichwörtlichen 100 Tage haben Sie bereits hinter sich. Was war bisher die wichtigste Aufgabe in Ihrer neuen Funktion?

Harald Glüsing: Es gibt nicht die wichtigste Aufgabe, sondern viele wichtige Aufgaben und diese vielen verschiedenen Aspekte, die hier im Landkreis Diepholz eine Rolle spielen – nicht nur im Jobcenter. Es geht darum, einen Überblick zu gewinnen. Das ist schon interessant! Ich komme ja aus ganz anderen Strukturen: Das Jobcenter in Rotenburg läuft ohne Agentur für Arbeit. (Anmerkung der Redaktion: Der Landkreis Rotenburg trägt das Jobcenter als Optionskommune vollständig selbst.) Wichtig war mir, alle Ansprechpartner kennenzulernen und alle Arbeitsstrukturen. Genauso, erste Akzente zu setzen.

Welche konkret?

Glüsing: Wir beschäftigen uns dabei schwerpunktmäßig mit Kunden, die schon erwerbstätig sind und noch Unterstützung brauchen: so genannte Erwerbsaufstocker, deren Einkommen für die gesamte Familie nicht reicht. Diese Situation hat nicht zwingend etwas mit schlechter Bezahlung zu tun. Es können zum Beispiel familiäre, gesundheitliche oder persönliche Probleme dazu führen, dass keine Vollzeit-Erwerbstätigkeit möglich ist. Es geht um die Frage: Wie kann die Einkommenssituation dieser Menschen so verbessert werden, dass sie gar keine Unterstützung mehr brauchen?

Verändert die extrem gute Konjunktur mit der geringen Arbeitslosigkeit den Alltag im Jobcenter?

Glüsing: Ja! Aber der Alltag im Jobcenter ändert sich permanent. Denn wir haben es mit immer wieder neuen Kunden zu tun. Die derzeit hohe Zahl der offenen Stellen bietet diesen Kunden natürlich Chancen. Auf der anderen Seite gibt es aber viele, die aufgrund ihrer multiplen Probleme auch mittelfristig für eine solche Stelle nicht in Frage kommen. Es ist ein ständiger Spagat: sich den unterschiedlichen Kunden zuzuwenden – wie zum Beispiel Alleinerziehende, Jugendliche, Ältere oder Zuwanderer – und sich gleichzeitig und ausgewogen um alle Personengruppen zu kümmern. Bei begrenzten Mitteln: Das Jobcenter hat für jeden erwerbsfähigen Kunden, für Hilfe zur Eingliederung in Arbeit, ungefähr 450 Euro im Jahr zur Verfügung. Das ist natürlich nicht viel.

Welche Ihrer Klienten machen Ihnen besonders große Sorgen?

Glüsing: Das ist so ähnlich wie mit den Aufgaben. Im Grunde müssen wir uns um alle kümmern und alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Problemen im Blick behalten.

Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ist sicher eine Mammut-Aufgabe?

Glüsing: Das ist richtig. Das ist eine neue Gruppe von Kunden, die sich von den anderen unterscheidet. Denn da geht es um das Thema Sprache, aber auch um kulturelle Unterschiede, unterschiedliche Bildungsstände sowie die ganz persönliche Anpassungs- und Integrationsbereitschaft und -fähigkeit. Da tut sich der eine leichter oder der andere schwerer. Da gibt es zum Beispiel die, die sehr motiviert sind, die aber sprachlich ein Problem haben – oder die weniger motivierten, denen die Sprache leichter fällt. Den Flüchtling gibt es nicht. Die besondere Herausforderung ist, die Kompetenzen dieser Menschen herauszuarbeiten und zu entwickeln, die es möglich machen, hier auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Wie vielen von ihnen haben Sie bereits Arbeitsplätze vermitteln können?

Glüsing: Im vergangenen Jahr 2017 sind 175 Menschen aus dieser Personengruppe integriert worden.

Sind die Zuwanderer eine Chance für die Wirtschaftsbetriebe im Landkreis Diepholz, die dringend Fachkräfte suchen?

Glüsing: Grundsätzlich ja! Aber der Weg vom Zuwanderer zur Fachkraft ist zuweilen doch sehr mühselig und langwierig. Es geht zum einen darum, die Sprache auf einem Niveau zu erlernen, dass man sich als Fachkraft sprachlich sicher bewegen kann. Zum anderen muss ja auch die berufliche Qualifizierung auf ein bestimmtes Level gebracht werden. Bei einem Architekten zum Beispiel ist das schon sehr schwierig. Nicht unterschätzen sollte man in diesem Zusammenhang die Schriftsprachen-Kompetenz, weil Fachkräfte auch schwierige Texte verstehen können müssen. Die Bedeutung dieser Kompetenz ist noch zu wenig präsent. Insbesondere auch, wenn es um Ausbildung geht. Dabei sind ja auch schriftliche Prüfungsleistungen zu erbringen. Und die können eben nicht erbracht werden, wenn es an der Schriftsprachen-Kompetenz fehlt.

Das Projekt „Lila“ ist so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal des Jobcenters im Landkreis Diepholz, weil die Mitarbeiter nicht nur Langzeit-Arbeitslose, sondern auch deren Familienmitglieder betreuen. Welche Früchte trägt dieser ganzheitliche Ansatz?

Glüsing: Das Hilfreiche am Projekt „Lila“ ist die Möglichkeit, sich aufgrund eines besseren Betreuungsschlüssels und durch die Zeit, die dadurch mehr zur Verfügung steht, viel intensiver und persönlich mit den Menschen auseinandersetzen zu können – und gleichzeitig deren Gesamtsituation in den Blick zu nehmen. Wertvoll ist, dass es in besonderer Weise gelingt, Vertrauen aufzubauen und so die wirklichen Problemlagen besser zu verstehen und dafür Hilfe einzubringen. Im Grunde gilt doch für alle Programme die Binsenweisheit: Wenn ich mich intensiver mit den Menschen beschäftige, weil ich mehr Zeit habe, kann ich besser an sie herankommen und ihnen besser helfen. Dabei helfen eben auch die Besuche vor Ort, also in den Familien. Die Arbeit an Menschen funktioniert am besten mit Menschen!

Was wünschen Sie sich für die nächsten 100 Tage?

Glüsing: Es darf gerne so weiter gehen wie bisher: Den einen oder anderen Impuls mitnehmen, beziehungsweise einbringen, und die mit allen gut angelaufene Zusammenarbeit fortsetzen sowie vertiefen und dadurch am Ende gute Ergebnisse im Sinne der Menschen erzielen!

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