Tierfrischmehl: Bürger gründet Beschwerde-Gruppe / Gewerbeaufsicht: Keine Beanstandungen

Ein Geruch – sehr verschieden bewertet

Die Tierfrischmehlfabrik im Westen von Diepholz.
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Die Tierfrischmehlfabrik im Westen von Diepholz.

Diepholz – Mathias Dreyer ist sauer: „In dieser Stadt stinkt es. Warum lassen sich die Diepholzer das gefallen?“ Er sieht die Tierfrischmehlfabrik als Verursacher des unangenehmen Geruchs, der – je nach Windrichtung und Wetterlage – immer wieder durch die Stadt wabert. Dreyer wohnt seit einem Jahr in der Diepholzer Innenstadt. Vorher hat er 34 Jahre im Naturschutzgebiet Rehdener Geestmoor gearbeitet. Jetzt macht er gegen den Geruch der Tierfrischmehl mobil, um die es in den vergangenen Jahren ruhig geworden war. Dreyer will eine WhatsApp-Gruppe für Menschen gründen, die sich auch durch die Abluft belästigt fühlen: „Die Nachrichten sollen als Warn- und Info-App dienen. Wer Gerüche wahrnimmt, schreibt eine kurze Info in die Gruppe.“ Die WhatsApp- beziehungsweise Mobilfunk-Nummer dafür lautet: 0171 /3131613.

Dabei ist zu beachten, dass die Fabrik laut Geruchsimmissions-Richtlinie (GIRL) des Landes Niedersachsen an zehn Prozent der Jahresstunden zu riechen sein darf. Hier sieht Dreyer politischen Handlungsbedarf, um diese Richtlinie zu verändern.

Aber derzeit gilt die Landes-Richtlinie, und die Tierfrischmehl – offiziell A&L Tierfrischmehl Produktions GmbH – hält sich offenbar daran. Das Gewerbeaufsichtsamt Hannover überprüft nach eigenen Angaben den Betrieb regelmäßig. Gründe zur Beanstandung habe es in letzter Zeit nicht gegeben.

Im Spätsommer 2019 habe laut Thomas Kunze, Abteilungsleiter im Gewerbeaufsichtsamt, der Bio-Filter nicht ordnungsgemäß funktioniert. Es sei zu Geruchsbelästigungen und vermehrten Beschwerden von Bürgern gekommen. Das Filtermaterial habe ausgetauscht werden müssen.

In den vergangenen Monaten hielten sie die Bürgerbeschwerden in Grenzen. Beim Gewerbeaufsichtsamt Hannover gab es nach Angaben der Behörde im Juli zwei Geruchs-Beschwerden (von einer Person) und ebenfalls zwei bei der Polizei Diepholz, die an die Gewerbeaufsicht verweist.

„Eine verstärkte Geruchsentwicklung ist für uns nicht nachvollziehbar“, antwortete Bernd Reese, Leiter des Gewerbeaufsichtsamtes Hannover, auf eine Anfrage unserer Zeitung: „Die letzte olfaktometrische Beurteilung der Biofilter ist vom 23. April 2020, davor 14. November 2019. Es hat im August 2019 einen kompletten Austausch des Materials beider Biofilteranlagen gegeben. Die Wirkungsgrade der Biofilter betragen 95 bis 99 Prozent. Die einwandfreie Funktionsweise der Biofilter ist damit gegeben“, so der Behördenleiter.

Laut Abteilungsleiter Thomas Kunze sei am vergangenen Freitag ein Mitarbeiter des Amtes in Diepholz zu einer „Geruchbegehung“ im Bereich der Tierfrischmehl gewesen und habe nichts festgestellt. Er selbst habe am Samstag – bewusst am Wochenende – in Diepholz angehalten, im Bereich der Firma gerochen und nichts wahrgenommen.

Josef Alterbaum, Geschäftsführer der A&L Tierfrischmehl-Produktions GmbH, sagt, dass sich in den vergangenen Monaten nichts verändert habe, das zu einer vermehrten Geruchsbelästigung hätte führen können. Der Biofilter sei erst vor acht Wochen wieder ausgetauscht worden und nach zwei Wochen „eingefahren“: „Wir tun alles Mögliche!“

Dazu gehört auch, dass die Tierfrischmehl seit mehr als zehn Jahren eine Diepholzerin als freie Honorarkraft hat. Die Bürgerin steuert täglich vom Gewerbeaufsichtsamt festgesetzte Punkte rund um den Betrieb an, um die Luft mit ihrer Nase – also olfaktorisch – zu bewerten. Und das zu sehr unterschiedlichen Tageszeiten. „Ich weiß als Diepholzerin noch, wie es in den 1980er Jahren gerochen hat. Das ist viel besser geworden“, beurteilt sie im Gespräch mit unserer Zeitung ihre Geruchswahrnehmungen, die sie mit Ort, Zeit, Lufttemperatur und Windrichtung protokolliert und der Firma übermittelt. Die 46-Jährige, die unweit der Firma wohnt, und ihren Namen nicht öffentlich genannt haben möchte, meint: „Der Geruch ist definitiv in weniger als zehn Prozent der Jahresstunden zu vernehmen.“ Manchmal nur wenige Minuten, aber auch schon mal einen ganzen Tag – je nach Wetter- und Windlage.

Für Mathias Dreyer ist das zu viel. Er kämpft gegen die Geruchsimmission und sucht Bürger, die sich ihm anschließen beziehungsweise ihn mit WhatsApp-Meldungen unterstützen: „Wir müssen Druck aufbauen!“

Tierfrischmehl

Die Tierfrischmehl im Westen der Stadt Diepholz ging 1980 in Betrieb. Die Firma verarbeitet Geflügel-Schlachtabfälle wie Blut und Federn zu Fetten, Mehlen und weiteren Produkten, die Grundstoff für Tierfutter und anderes sind. Seit 1995 heißt die Firma A&L Tierfrischmehl Produktions GmbH. Sie gehört – wie die Vertriebsgesellschaft Gepro („Geflügelprotein“) am selben Standort – zur PHW-Gruppe („Wiesenhof“). Laut A&L-Geschäftsführer Josef Alterbaum hat das Unternehmen 120 Mitarbeiter.

Von Eberhard Jansen

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