Lage von Diepholzer Schaustellern durch Corona

Ein Jahr fast ohne Einnahmen

An ihrer 62 Jahre alten Hanomag-Zugmaschine: Die Diepholzer Schausteller Franz-Karl Jörling (links) und Johann Gerste blicken auf ein Jahr nahezu ohne Einnahmen zurück.
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An ihrer 62 Jahre alten Hanomag-Zugmaschine: Die Diepholzer Schausteller Franz-Karl Jörling (links) und Johann Gerste blicken auf ein Jahr nahezu ohne Einnahmen zurück.

Diepholz – Der „Disco Swing“ steht seit mehr als zwölf Monaten zerlegt auf einer Abstellfläche in Sankt Hülfe. Dieses Jahr hat ihn Franz-Karl Jörling nicht ein einziges Mal aufgebaut. Wegen der Corona-Pandemie fielen alle Märkte aus, auf denen er sein Geld verdient. Seinem Schwiegervater Johann Gerste geht es nicht besser. Auch er hatte als Schausteller dieses Jahr praktisch keine Einnahmen.

Seine Frau Manuela Gerste baute ihren Süßwarenstand am Hagebaumarkt in Diepholz auf. Jörling betrieb im Sommer die „Sandbar“ auf dem Diepholzer Marktplatz. So kam wenigstens etwas Geld in die Kasse, beides war aber nicht so richtig lohnend. Einen geplanten „Freizeitpark“ im Herbst auf dem Marktplatz sagten sie ab: „Auflagen und Risiko waren zu groß.“ Der Süßwarenstand ist wegen des erneuten Lockdowns wieder geschlossen. Die restlichen Waren – Lebkuchenherzen, Popcorn und gebrannte Mandeln – hat die Schausteller-Familie dem Kinderheim Marienhain in Vechta gespendet.

Jörling und Gerste haben getrennte Schausteller-Unternehmen, leben aber unter einem Dach auf dem Hof an Pelsters Weg in Sankt Hülfe. Diesen hat Johann Gerste vor 37 Jahren gekauft. Damals war seine Tochter Melody, heute Ehefrau von Franz-Karl Jörling, gerade mal vier Jahre alt.

Johann Gerste und seine Familie kamen über den Diepholzer Weihnachtsmarkt vor 37 Jahren in die Kreisstadt. „Ich hatte damals vor dem Rathaus einen Autoskooter aufgebaut“, erinnert er sich – und auch daran, dass es beim Abbau große Probleme durch Schneemassen gab.

Durch den damals neuen Weihnachtsmarkt entdeckte Gerste Diepholz für sich. Der aus Minden stammende Schausteller in der vierten Generation fand die Stadt schön, wollte hier bleiben und kaufte den ehemaligen Bauernhof in Sankt Hülfe, der für den Betrieb ideal war. Hier gab und gibt es Platz für Fahrgeschäfte, Buden und Transportfahrzeuge.

Eine Besonderheit unter den Schausteller-Fahrzeugen ist der Hanomag R55. Diese Zugmaschine ist 62 Jahre alt. „Bis vor zehn Jahren haben wir es noch auf der Straße genutzt“, erklärt Johann Gerste. Doch die Höchstgeschwindigkeit des Zugfahrzeugs von 40 Stundenkilometern war nicht mehr zeitgemäß. Der Hanomag wurde abgemeldet, „Jetzt benutzen wir ihn nur noch für das Rangieren auf dem Hof“, sagt Gerste.

Sein Fahrgeschäft „Disco Swing“ hat Franz-Karl Jörling in diesem Jahr nicht aufbauen können. Es lagert weiterhin in Sankt Hülfe.

Der 76-Jährige und die anderen Familienmitglieder, wozu auch Sohn Gino Gerste mit seinem Autoskooter gehört, blicken durch die Corona-Pandemie in eine sehr ungewisse Zukunft. Trotz fehlender Einnahmen laufen Finanzierungen weiter. „Unsere Bank ist uns sehr entgegengekommen“, sagt Karl-Franz Jörling. Zum Jahreswechsel fällige Kreditzahlungen wurden auf März verschoben. Die Familien Jörling und Gerste hoffen, dass dann mit dem Frühjahr eine neue Saison starten kann. Bis dahin setzen sie darauf, dass sie vom Staat Geld für die fälligen Betriebsausgaben bekommen – zumindest für die Monate November und Dezember. Für private Finanzierungs-Verpflichtungen gebe es keine Hilfe.

„Wir haben auch noch nie Geld von Behörden in Anspruch genommen“, betont Johann Gerste: „Nicht einen Cent!“ Der Jahresablauf war bisher für die Schaustellerfamilie klar: Ab dem Frühjahr standen die Gerstes und Jörlings mit dem „Disco Swing“, einem Autoskooter, einem Kinderkarussell und mehreren Süßwarenständen auf Märkten vorwiegend in Nordrhein-Westfalen. Das dort bis Herbst eingenommene Geld reichte zum Leben. Auch über den Winter und für notwendige Investitionen und Finanzierungen. Dieses funktionierende System brach durch Corona völlig zusammen. Erst im Februar hatte sich Franz-Karl Jörling ein größeres Auto mit Stern gegönnt: „Das hätte ich nicht gemacht, wenn ich gewusst hätte, dass die Corona-Pandemie kommt und was sie für uns bedeutet“, bedauert der 40-Jährige. „Die Lage ist sehr schlecht“, fasst Johann Gerste zusammen: für alle Schausteller wie für deren Lieferanten und spezialisierte Handwerksunternehmen.

Etwas Positives hatte die Pandemie: Zum ersten Mal saßen die Familien Gerste und Jörling an Weihnachten zusammen zu Hause in Sankt Hülfe. Das hatten sie zuvor nie geschafft, weil der Abbau der Weihnachtsmärkte für sie so lange dauerte, dass das Fest danach vorüber war.

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