Marx und Engels in kritischem Licht

Diepholzer Reinald Schröder: Erkenntnisse eines Ex-Kommunisten über kommunistische Theorien

Reinald Schröder beschäftigt sich kritisch mit den Theorien von Marx und Engels.
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Reinald Schröder beschäftigt sich kritisch mit den Theorien von Marx und Engels.

Diepholz – Früher war er Kommunist. Während seines Studiums in Berlin in den 1970er Jahren unterstützte Reinald Schröder maoistische und damit auch stalinistische Ideen. „Das war damals ein Glaube, eine Religion. Wir wollten die Welt retten“, blickt der heute 68-jährige Verleger auf seine Jugendzeit zurück. Heute sieht er den Kommunismusgedanken sehr kritisch und geht die Philosophie von Karl Marx und Friedrich Engels wissenschaftlich an.

Auf seiner Blogseite www.marx-engels-revisited.de macht er seine Erkenntnisse im Internet öffentlich – und hat damit auch schon Follower aus China und den USA.

Dem politischen Glauben seiner Jugend hat Reinald Schröder schon vor gut 40 Jahren den Rücken gekehrt. Er sei bereits in den 1980er Jahren zu der Auffassung gekommen, dass „die Theorien von Marx und Engels nicht dazu geeignet sind, Ausbeutung und Unterdrückung zu beseitigen, dass im Gegenteil in ihrem Namen einige der größten Ausbeutungs- und Unterdrückungsregime der Menschheitsgeschichte geschaffen wurden“.

Ein Besuch im kommunistischen China mit der Volkshochschule trug zum Gesinnungswechsel bei. Denn dort waren die Verhältnisse anders, als von der Propaganda beschrieben: „Das war damals ein Entwicklungsland.“

Anlass war der 200. Geburtstag

Anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx im Jahr 2018 begann Schröder – angeregt durch die Diskussion mit Freunden –, sich wieder näher mit der Theorie von Marx und Engels zu beschäftigen. „Ich wollte ein Buch über die Philosophie, die ökonomische und die historische Theorie schreiben und darin auch ihre Revolutionstheorie untersuchen und auch die Folgen ihrer Theorie. Ich dachte, nach ein paar Monaten damit fertig zu sein. Inzwischen sind es über 500 Seiten geworden und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Ich habe ja noch nicht einmal das erste Kapitel von zehn fertig.“ Deshalb eröffnete Schröder den Blog, um einige Ergebnisse schon veröffentlichen zu können.

Inzwischen hat er 13 Beiträge hauptsächlich zu philosophischen Themen und damit zur Entstehungsgeschichte des Marxismus veröffentlicht, die etwa 160 normalen Buchseiten entsprechen.

Durch seine Untersuchungen sah sich Schröder in seiner Ansicht bestätigt, dass Marx’ und Engels’ Theorie die Entwicklung des Kapitalismus ganz und nicht richtig vorhergesagt hatte: „Das ist ja offensichtlich, denn die von ihnen als kurz bevorstehende proletarische Revolution in einem Industrieland prophezeite Weltveränderung ist auch 170 Jahre später noch nirgends eingetreten.“

Innere Widersprüche schon zu Lebzeiten

„Proletarische Revolutionen“ habe es bisher nur in Ländern gegeben, in denen es kein Proletariat gab – so wie in Russland oder in China. Arbeiteraufstände richteten sich im 20. Jahrhundert ausschließlich gegen kommunistische Herrschaftssysteme – wie 1953 in der DDR – oder beseitigten diese gar – wie in Polen.

Zudem stellte sich laut Schröders Ausführungen heraus, dass die Theorien von Marx und Engels schon zu deren Lebzeiten voll von inneren Widersprüchen waren und die Realität ihrer Zeit nicht zutreffend beschrieben haben. Zudem hätten sich die beiden in ihren damals aktuellen politischen Einschätzungen überhaupt nicht an ihre eigenen Analysen gehalten.

Durch ihre antidemokratische Ideologie hätten Marx und Engels die Verbesserung der sozialen und politischen Verhältnisse insbesondere für die Arbeiter behindert und verlangsamt, meint Schröder: „Wir verehren oder zumindest tradieren zu einem bedeutenden Teil eine der plattesten und antidemokratischsten Großtheorien, die im 19. Jahrhundert überhaupt entstanden ist. Dadurch werden gleichzeitig die vielfältigen philosophischen, historischen und auch demokratischen Theorien des an grundlegenden neuen Ideen so reichen 19. Jahrhunderts verdunkelt. Wer kennt noch Ludwig Feuerbach, Moses Hess oder gar Carl Vogt und Ludwig Büchner?“

Nur ein Band von vier fertiggestellt

Auch die Entstehung des Marxismus verlief laut Schröders Erkenntnissen anders als allgemein angenommen: „Es war Moses Hess, der erst Engels und dann auch Marx vom Kommunismus überzeugte, der in Frankreich und England entstanden war. Engels war es dann, der die Bedeutung der Ökonomie für die Entwicklung der Gesellschaft erkannte und den Philosophen Marx, mit dem er dann auch ein Freundespaar bildete, dazu brachte, sich intensiv mit Ökonomie zu beschäftigen. Dies wäre Marx nicht möglich gewesen ohne die finanzielle Unterstützung, die Engels ihm als Kapitalist zeitlebens gewährte.“

Letztlich scheiterte Marx an der ökonomischen Analyse des Kapitalismus, was ihm selber auch bewusst geworden sein dürfte, so Schröder: „In 40 Jahren gelang es ihm nur, den ersten Band des auf vier Bände konzipierten ,Kapitals’ fertigzustellen.“

Engels war es dann, der nach dem Tod von Marx bis zu seinem eigenen Lebensende in zwölf Jahren die folgenden zwei Bände aus unfertigen Notizen von Marx zusammenstellte, um damit ein scheinbares Gesamtbild des Kapitalismus zu malen.

Wenig Erklärungswert und kaum zur Kenntnis genommen

„Das Kapital“ hatte aber nach Meinung Schröders schon damals nur wenig Erklärungswert und wurde von der ökonomischen Zunft und der Öffentlichkeit auch kaum zur Kenntnis genommen. Der 68-jährige Diepholzer wirft Marx vor, Tatsachen und den Stand der ökonomischen Wissenschaft seiner Zeit schlicht ignoriert zu haben.

Ziel seines Blogs sei, so Reinald Schröder, sich durch seine Beiträge unvoreingenommen und kritisch mit der kommunistischen Theorie zu beschäftigen: Wissenschaftlich-sachlich – und nicht als politische Glaubensfrage, wie er es selbst in seiner Jugend gemacht habe.

Internet: www.marx-engels-revisited.de

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