Diepholzer Posaunenchor bringt auch Flüchtlingen ein Ständchen / Seit 30 Jahren Turmblasen auf dem Rathaus

Friedliche Klänge machen Menschen Mut

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Am Heiligen Abend ging es für die Diepholzer Bläser wieder hoch hinaus. Der Auftritt im Rathausturm hat Tradition.

Diepholz - Von Helge Bredemeyer. Die Chronik bringt es an den Tag: Vor 30 Jahren, am 24. Dezember 1985, bestieg der Diepholzer Posaunenchor den Turm des gerade fertig gestellten neuen Rathauses. Das war der Beginn einer neuen Tradition, die dieses Jahr bei strahlendem Sonnenschein fortgesetzt werden konnte. Am Heiligen Abend bestiegen zwölf Bläser wieder den Rathausturm und spielten an weiteren Orten in der Stadt. Damit stießen sie auch bei Flüchtlingen auf Gehör.

„Viele Turmbläser gibt es nicht mehr“, sagte ein Rundfunksprecher im Jahr 1990. Und seitdem sind es hierzulande wohl kaum mehr geworden. Doch die Diepholzer sind mit ihrem Rathausturm „spitze“. Dass es ihresgleichen im Landkreis Diepholz überhaupt gibt, ist nicht bekannt. Zwei Jahre konnte wegen Regen und Wind nur am Fuße des Gebäudes geblasen werden, aber auch da fanden sich viele treue Diepholzer zum Zuhören ein.

Die Chronik des nun inzwischen 114 Jahre alten Chores in Diepholz belegt ihren Kurrendeeinsatz, was bedeutet, am Heiligen Abend durch die Stadt zu ziehen und an verschiedenen Stationen das Weihnachtsfest einzublasen. Damit hatten im Jahr 1946 zum zweiten Weihnachtsfest nach Kriegsende begonnen. Ihr Ansatz war, mit den friedlichen Klängen den Menschen in schwieriger Nachkriegszeit Mut zuzusprechen. Von den damaligen Bläsern leben heute noch Karl Bredemeyer sowie die Brüder Horst und Rolf Berger. Letzterer war auch jetzt wieder dabei.

Die Rückschau beschert eine Verbindung, die zu denken gibt: Damals die Kriegsjahre im Rücken und heute die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan vor Augen, die in Diepholz eine erste oder auch längere Aufnahme finden. Historie und Gegenwart reichen sich hier die Hand. Das spüren auch die Mitglieder des Posaunenchors, als sie am Heiligen Abend als erste Station die Erstaufnahmeeinrichtung „Haus Malta“ am Fliegerhorst besuchen.

Mit Einrichtungsleiter Rainer Scherer und seiner Crew warteten rund 120 neugierige Zuhörer auf die Bläser. Vor den Tannenbäumen und den festlich gedeckten Tischen brachten sie die christlichen Weihnachtslieder zu Gehör. „Alle Jahre wieder“ gehörte dazu, wobei es in den Sternen steht, wie es in den folgenden Jahren bei ihnen aussehen wird.

Es war übrigens nicht der erste Auftritt auf dem Fliegerhorst. Das Zeitungsarchiv des Diepholzer Kreisblattes belegt einen Einsatz am 28. Dezember 1989, als die Bläser die damals vom Deutschen Roten Kreuz hergerichteten Unterkünfte für die „Übersiedler“ aus Russland, später als Aussiedler bezeichneten Familien, zu ihrer Weihnachtsfeier im Unteroffiziersheim besuchten. Im Gegensatz zu heute konnten die vielen Deutschstämmigen aus vollem Herzen in die ihnen bekannten Lieder mit einstimmen. Damals waren es 24 Mitglieder, die Horst Berger dirigierte. Nun leitete die ehemalige Kantorin Barbara Gadow den Chor.

Trotz der doch fremden Klänge gingen die Zuhörer begeistert mit, und gerade die Kinder sprangen fröhlich auf. Einen kleinen Musikus ließ Barbara Gadow spontan den Chor dirigieren. Für die Flüchtlinge war damit ihr Fest zum Heiligen Abend eingeblasen, das noch mit weiterer Musik, gutem Essen und einer Bescherung fortgesetzt wurde. Dem Silvesterabend blickten die Malteser nicht unbedingt unbefangen entgegen. Das Knallen und Böllern wollten sie vor Ort nicht, könne es doch Ängste und Erinnerungen wecken, denen die Flüchtlinge entflohen seien.

Nach den Stationen an der Dustmühle und an der Von-Hünefeld-Straße, wo auch Bewohner des Seniorenhauses „Anna Margareta“ und des von vielen Migranten bewohnten Quartiers den Klängen lauschen konnten, endete die Kurrende der Bläser auf dem Rathausturm. Angesichts des fast frühlingshaften Wetters waren dieses Jahr eher Sonnenbrillen denn Handschuhe angesagt. Die Rathausplatz-Gemeinde war wieder vollständig versammelt. Unter ihnen stellvertretender Bürgermeister Hans-Ulrich Püschel, der den Bläsern mit einem Diepholzer Kalender alter Fotos dankte. „Och, eigentlich könnten wir da auch drin vorkommen…“, verlautete aus dem Chor.

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