„Das ist eine Frechheit“

Dehoga-Kreisvorsitzende kritisieren Kontroll-Forderung der Gewerkschaft scharf

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An Gästen mangelt es den meisten Hotels und Gaststätten nicht, wie Reservierungen beweisen – aber an Servicekräften, sagt Wilhelm Nordloh als Dehoga-Kreisvorsitzender.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. „Verstöße gegen den gesetzlichen Mindestlohn werden im Landkreis Diepholz zu selten geahndet – vor allem im Gastgewerbe.“ Diesen Standpunkt vertritt die Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten), die sich für die Mitarbeiter in dieser Branche einsetzt.

Dass die NGG den Zoll förmlich auffordert, in deutlich mehr Gaststätten als bisher nach Verstößen zu suchen, sorgt bei den Gastronomen im Landkreis Diepholz für Empörung. „Das ist eine Frechheit“, sagt Andree Meyer, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Grafschaft Hoya.

Meyer kritisiert „dreiste Anschuldigungen“

„Dann soll sie doch Ross und Reiter nennen“, fordert Meyer die Gewerkschaft NGG auf, konkret schwarze Schafe zu benennen und Betriebe, die ihrer Meinung nach gegen geltendes Recht verstoßen, auch anzeigen. „Stattdessen ein ganzes Gewerbe zu beschuldigen, ist dreist“, sagt Meyer, Chef des Hotels „Zur Post“ in Neubruchhausen. Er führt genauso die Domschänke in Twistringen, das „Bassumer Eck“ in Bassum und das Gasthaus Kreyenhop in Neubruchhausen – und damit drei der 277 Gastättenbetriebe im Landkreis Diepholz.

NGG-Geschäftsführer Matthias Brümmer hat in einer aktuellen Pressemitteilung der Gewerkschaft noch ganz andere Zahlen im Blick: „Das zuständige Hauptzollamt Osnabrück kontrollierte im vergangenen Jahr 123 Gastro-Betriebe“, heißt es darin, „das sind lediglich 5,7 Prozent aller Hotels und Gaststätten im Bereich der Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Osnabrücker Zoll“. Im Jahr zuvor hätten die Beamten 187 Betriebe im Gastgewerbe geprüft. „Allein im Kreis Diepholz zählt die Branche 277 Betriebe“, erinnert die Gewerkschaft an die Relation.

Viele Betriebe sollen ihren Mitarbeitern den Mindestlohn vorenthalten

Die Osnabrücker Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) ist für Stadt und Landkreis Osnabrück sowie für die Landkreise Diepholz, Nienburg, Cloppenburg, Vechta und die Grafschaft Bentheim zuständig.

Erst vor wenigen Monaten hatte der Personalmangel bei der FKS überregional Schlagzeilen gemacht.

Unabhängig davon nennt NGG-Geschäfstführer Matthias Brümmer die Zahlen „alarmierend“. Der Gewerkschafter wörtlich: „Von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns Anfang 2015 sollten die Beschäftigten im Gastgewerbe besonders profitieren. Aber viele Kellner, Köche und Co. gehen offenbar leer aus. 51 eingeleitete Ermittlungsverfahren bei nur 123 geprüften Betrieben zeigen, dass die Zahl der Arbeitgeber, die ihren Beschäftigten den Mindestlohn vorenthalten, noch immer viel zu hoch ist.“

Deshalb, so der NGG-Geschäftsführer, müsse der Zoll seine Kontrollen auch im Kreis Diepholz nun dringend ausweiten. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, der Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro pro Stunde gelte nur auf dem Papier.

„Wir stehen immer unter Generalverdacht.“

„Ein halbes Jahr nach Einführung des Mindestlohns habe ich selbst eine Kontrolle gehabt“, erklärt Dehoga-Vorsitzender Andree Meyer. Bis auf zwei oder drei Übertragungsfehler in die neuen Formulare sei alles in Ordnung gewesen, berichtet er über das Ergebnis der Kontrolle.

„Wir stehen immer unter Generalverdacht. Das ist nicht fair“, sagt Wilhelm Nordloh, Chef des Sulinger Landhauses Nordloh und – in Doppelspitze mit Albert Wiedemann vom gleichnamigen Landhaus und Hotel in Wagenfeld – Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Diepholz-Sulingen. „Dabei ist es selbstverständlich, dass Mindestlohn gezahlt wird. Alles andere lässt sich doch kein Mitarbeiter mehr gefallen“, so Nordloh.

Forderung: Dienst von Ehrenamtlichen in Vereinsheimen hinterfragen

Denn Personal sei in der Gastronomie nur schwer zu bekommen. Das gelte nicht nur für den Landkreis Diepholz und die Region zwischen Hannover und Bremerhaven, sondern für ganz Deutschland. „Kaum jemand will noch am Wochenende arbeiten“, sagt Nordloh. Die Folge: „Wir zahlen mehr als den Mindestlohn!“ Der Stundenlohn für Mitarbeiter in der Gastronomie liege zurzeit zwischen 9,50 Euro und zehn Euro – je nach Aufgabe, also Einsatz in der Küche oder im Service am Gast.

Wenn die Gewerkschaft NGG keine konkreten Hinweise auf Verstöße gegen den Mindestlohn habe, „dann muss sie sich mit Verdächtigungen zurückhalten“, fordert Andree Meyer. Er hat noch ein ganz anderes Problem der Branche im Blick: Die „Pseudo-Gastronomie“ unter der Regie von Ehrenamtlichen in den vielen Vereinsheimen. „Diesen ganzen Bereich sollte man mal hinterfragen ...“, so Meyer abschließend.

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