Verschwendung oder „Verträge mit der Industrie“?

Das Leid mit den Leitplanken: „Keiner kann erklären, wieso und weshalb“

Die „Leidplanken“ an der B6.
+
Die „Leidplanken“ an der B6.

Landkreis Diepholz – „Das begreife ich nicht!“, schüttelt Wolfgang Heere, Asendorfer Altbürgermeister und Jahrzehntelang Polizist, den Kopf. Warum Bäume oder Verkehrsschilder mit Leitplanken einzeln geschützt werden, ist dem erfahrenen Politiker und Polizisten völlig unklar. Denn Unfälle hat es in den Bereichen, in denen die metallenen Insellösungen glänzen, nach seinem Wissen nicht gegeben.

Allein an der Bundesstraße 6 („sie ist ja nur ein kleiner Teil des Ganzen“) wurde eine große Zahl solcher Glanzpunkte im sarkastischen Sinn geschaffen, hat Wolfgang Heere festgestellt. Aber: „Keiner kann mir erklären, wieso und weshalb.“ Dass neue Leitplanken gesetzt und alte, augenscheinlich funktionstüchtige ausgetauscht werden, will der Altbürgermeister nicht unwidersprochen hinnehmen: „Gerade in dieser Zeit werden doch Millionenbeträge im Gesundheitswesen gebraucht!“

Aus seiner Sicht ist die Stückel-Strategie bei den Leitplanken also Geldverschwendung, vor allem aber gefährlich. Nämlich dann, wenn ein Verkehrsteilnehmer in einer brenzligen Situation nicht mehr auf den Grünstreifen ausweichen kann, um einen Unfall zu verhindern – wenn ihm zum Beispiel ein Autofahrer, der sich beim Überholen verschätzt hat, fast auf seiner Spur entgegenkommt.

„Es gibt sicherlich Bereiche, wo das sinnvoll ist.“

Die grundsätzliche Notwendigkeit von Leitplanken will Heere nicht in Abrede stellen: „Es gibt sicherlich Bereiche, wo das sinnvoll ist.“ Dass es aber auch anders geht, beweist seiner Meinung nach die Eichenallee in Brebber. Dort gebe es keine Planken, Unfälle habe es dort seines Wissens nicht gegeben.

Auch an kurvigen Strecken, die gerne von Motorradfahrern genutzt werden, hat der Asendorfer Altbürgermeister Planken-Flut beobachtet. Dass sie absoluten Schutz gewährleistet, bezweifelt er. Entscheidend sei das Verhalten der Fahrer selbst. Natürlich müssten Gefahrenstellen klar und unübersehbar ausgeschildert werden. Aber die Menschen müssten sich auch daran halten, blickt Wolfgang Heere auf ihre Eigenverantwortung – und ist der festen Überzeugung: „Statt in neue Leitplanken zu investieren, sollte man besser mehr Geld für die Verkehrsüberwachung ausgeben.“

Eindruck, dass die Gesetzgeber „Verträge mit der Industrie haben“

Grundsätzlich kritisiert der ehemalige Polizist dichte Schilderwälder und wünscht sich bei der Verkehrsregelung klare und einprägsame Signale – so viele wie notwendig, aber so wenig wie möglich. Allerdings habe er den Eindruck, dass die Gesetzgeber „Verträge mit der Industrie haben“, so viel Geld würde in Schilder und Leitplanken investiert.

Dem stellvertretenden Landrat Ulf Schmidt hat Heere seinen Standpunkt bereits deutlich gemacht. „Ich kann die Kritik nachvollziehen“, sagt Ulf Schmidt, „gerade in der heutigen Zeit, in der wir um jeden neuen Radweg kämpfen müssen.“ Wenn dann so viel Geld für solche Schutzmaßnahmen ausgegeben werde, dann passe das überhaupt nicht zusammen. Ulf Schmidt hat deshalb Helge Limburg, den parlamentarischen Geschäftsführer der Grünen im niedersächsischen Landtag, über die Sachlage informiert – und wartet nun auf eine Antwort aus Hannover.

Ulf Schmidt

Hans-Jürgen Wachholz, Verkehrssicherheitsfachmann der Verkehrswacht Grafschaft Hoya, hatte vor Wochen auf die unnötigen Planken hingewiesen und den Begriff der „Leidplanken“ geprägt. Die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, Geschäftsbereich Nienburg, hatte auf die geltende Rechtslage hingewiesen. Daraus resultiere die Pflicht zur Installation der neuen Leitplanken. Ist sie in Stein gemeißelt?

Dazu der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig: „Auch wenn es hierbei um Bundesmittel geht, die zweckgebunden an die Länder durchgereicht werden, sollte es dennoch deren Aufgabe sein, bei den Entscheidungen für die Standorte immer zu prüfen, ob mit den Maßnahmen wirklich mehr Sicherheit erzielt wird.“

Axel Knoerig

Ziel sei es doch vor allem, bei großen Bäumen das Unfallrisiko zu reduzieren. „Aber mir erscheint es eher kontraproduktiv, wenn Autofahrer aufgrund langer durchgehender Leitplanken im Falle einer Verkehrsgefährdung nicht seitlich ausweichen können.“ Dabei lasse sich für den Steuerzahler kein Mehrwert erkennen. „Daher sollte bei allen zukünftigen Bauvorhaben im Einzelfall genau geprüft werden, was vor Ort sinnvoll ist“, so Knoerig.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

Die heilende Kraft der Aloe vera

Die heilende Kraft der Aloe vera

Stadt der Gegensätze - In Mumbai ist das kein Klischee

Stadt der Gegensätze - In Mumbai ist das kein Klischee

Mit «Weltklasse-Torhüter»: Bayern macht Achtelfinale klar

Mit «Weltklasse-Torhüter»: Bayern macht Achtelfinale klar

Meistgelesene Artikel

Gemeinde Wagenfeld plant 7,5 Hektar großes Baugebiet an der Fritz-Cording-Straße

Gemeinde Wagenfeld plant 7,5 Hektar großes Baugebiet an der Fritz-Cording-Straße

Gemeinde Wagenfeld plant 7,5 Hektar großes Baugebiet an der Fritz-Cording-Straße
WhatsApp: Plötzlich ist das Konto weg

WhatsApp: Plötzlich ist das Konto weg

WhatsApp: Plötzlich ist das Konto weg
Frauenleiche in Hüde: 33-Jährige durch Schläge auf den Kopf getötet

Frauenleiche in Hüde: 33-Jährige durch Schläge auf den Kopf getötet

Frauenleiche in Hüde: 33-Jährige durch Schläge auf den Kopf getötet

Kommentare