Inspekteur für den Bereich „Cyber- und Informationsraum“

Generalmajor Vetter: „Cyber-Angriffe sind schon lange keine Fiktion mehr“

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Generalmajor Michael Vetter, der seit seiner Zeit als Kommandeur in Diepholz in Aschen wohnt, in seinem Büro im Kommando Cyber- und Informationsraum in Bonn.

Diepholz - Generalmajor Michael Vetter - vielen Diepholzern ist er noch als Standortältester und Regimentskommandeur bekannt. Doch auch nach Ende seiner Dienstzeit von 2005 bis 2007 auf dem Fliegerhorst ist Vetter in Diepholz geblieben. Im Ortsteil Aschen fühlt sich der hochrangige Offizier mit seiner Familie wohl, wenngleich er oft unterwegs ist.

Inzwischen ist der 55-jährige stellvertretender Inspekteur des neuen Organisationsbereichs „Cyber- und Informationsraum“ der Bundeswehr sowie Chef des Stabes im in Bonn ansässigen Kommando. Die Verteidigung gegen Angriffe per Computertechnik über das Internet ist der Auftrag dieses neben Heer, Luftwaffe und Marine gleichgestellten militärischen Organisationsbereichs, der im April 2017 in Dienst gestellt wurde. Generalmajor Michael Vetter nimmt im Interview zum Auftrag und zu Persönlichem Stellung. Die Fragen stellte Eberhard Jansen.

Wie groß ist die Gefahr, dass es zu einem Angriff von Terroristen, Kriminellen oder auch Staaten auf staatliche und private Einrichtungen in Deutschland über das Internet kommt und welche Folgen könnten solche Angriffe haben?

Michael Vetter: Wie groß die Gefahr von Cyberangriffen bereits ist, haben nicht zuletzt die Angriffe im Mai 2017 auf hunderttausende von Computern weltweit durch die Verbreitung des Erpressungstrojaners „Wannacry“ deutlich gemacht. Cyber-Angriffe auf Staaten und deren kritische Infrastrukturen sind schon lange keine Fiktion mehr, sondern Realität. Angriffe kommen täglich, sind automatisiert oder hoch differenziert und maßgeschneidert. Genauso vielfältig sind potentielle Tätergruppen und deren Motive. Die Digitalisierung hat die Welt grundlegend verändert. Staat, Wirtschaft und Gesellschaft profitieren zunehmend von der Vernetzung. Zugleich sind wir damit aber gegen Angriffe im Cyber- und Informationsraum verwundbarer geworden. Der Ausbau von Cyber-Fähigkeiten ist daher ein essentieller Beitrag zur gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge – national wie auch international. Die Bundeswehr hat auf diese Entwicklungen reagiert und sich neu aufgestellt. Bereits existierende Einheiten mit entsprechender Expertise wurden in einem neuen, sechsten militärischen Organisationsbereich gebündelt: dem Cyber- und Informationsraum (CIR) der Bundeswehr.

Wie ist der Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum aufgebaut, wie wird er aufwachsen?

Vetter: Nachdem im April 2017 die Bundesministerin der Verteidigung das Kommando Cyber- und Informationsraum (KdoCIR) in Bonn offiziell in Dienst gestellt hatte, wurden dem KdoCIR im Juli 2017 das Kommando Strategische Aufklärung (KdoStratAufkl) inklusive des Zentrums für Operative Kommunikation der Bundeswehr, das Kommando Informationstechnik der Bundeswehr (KdoITBw) sowie das Zentrum für Geoinformationswesen der Bundeswehr (ZGeoBw) unterstellt. Damit bündelt der neue Militärische Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum (CIR) ein breites Aufgabenspektrum mit allen Facetten des Themengebietes und umfasst rund 13 500 Dienstposten.

Bereits am 1. April 2017 wurde das Zentrum für Cybersicherheit der Bundeswehr in Euskirchen neu aufgestellt. Damit haben wir unsere Fähigkeiten zum Schutz unserer IT-Systeme – eine unserer Hauptaufgaben – verbessert. Mit der Aufstellung des Zentrums für Cyber Operationen zum 1. April 2018 und des Zentrums für Softwarekompetenz der Bundeswehr in 2019 werden wir unser Profil weiter schärfen. Unsere volle Einsatzbereitschaft werden wir im Jahr 2021 erreichen, der Organisationsbereich CIR wird dann rund 15 000 militärische und zivile Dienstposten umfassen.

Wie darf man sich die dort tätigen Soldaten vorstellen - als Nerds, also Computerfreaks, in Uniform?

Vetter: Wie ich gerade dargestellt habe, umfasst der Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum ein sehr breites Aufgabenspektrum. Von daher arbeiten bei uns nicht nur Computerfreaks in Uniform, auch wenn ein Großteil unseres Personals eine Ausbildung mit technischem Hintergrund vorzuweisen hat, wie beispielsweise IT-Systemadministratoren, IT-Feldwebel oder Analysten. Das Fachpersonal in unserem Bereich ist äußerst vielseitig. Es ist zum einen Personal, das den sicheren Betrieb und Schutz des IT-Systems der Bundeswehr gewährleistet. Andere sind mit Software-Entwicklung und Anpassung beschäftigt oder besitzen die Fähigkeit, im Cyber- und Informationsraum wirken zu können. 

Wir verfügen über Spezialisten in der Aufklärung, beispielsweise bei der Auswertung von Funksignalen oder Satelliteninformationen oder auch im Feld der Geoinformationen, beispielsweise Meteorologen oder Geografen. Das bedeutet in der Konsequenz, dass bei uns eine Mischung aus klassischen Soldaten mit klassischen Werdegängen, aber auch Soldaten oder zivile Mitarbeiter, die mehr in spezialisierten Fachsträngen laufen, zu finden sind. Wir sind übrigens auch in den Einsätzen präsent und stellen immer rund zehn Prozent des Personals in den weltweiten Einsatzgebieten der Bundeswehr.

Wie schafft es die Bundeswehr, für diesen Bereich genügend Fachkräfte zu finden, zumal die Privatwirtschaft Computerexperten mit hohen Gehältern lockt?

Vetter: Die große Nachfrage nach IT-Experten ist auch für uns in der Tat eine Herausforderung. Wir haben als Arbeitgeber aber einiges zu bieten. So bieten wir eine außerordentlich sinnstiftende und qualifizierende Tätigkeit und darüber hinaus moderne und flexible Arbeitsplätze in einem innovativen wie auch zukunftsorientierten Arbeitsumfeld. 

Aktuell schlagen wir parallel verschiedene Wege beim Gewinnen und Ausbilden unseres Personals ein. Zum einen fördern wir die Aus- und Fortbildung unserer Angehörigen. So entsteht beispielsweise an der Universität der Bundeswehr München aktuell ein bundesweit einzigartiges Forschungszentrum mit einem neuen Studienschwerpunkt Informatik/Cybersicherheit. Schon im Januar 2018 wird der Startschuss für einen internationalen Master-Studiengang für Cyber-Sicherheit fallen. Außerdem untersuchen wir die Möglichkeit, neue Karrieremodelle für Laufbahnen und Werdegänge im Cyber- und Informationsraum einzurichten. 

Darüber hinaus bauen wir zur personellen Ergänzung und Verstärkung des Organisationsbereichs CIR gezielt eine hoch qualifizierte und schlagkräftige „Cyber-Reserve“ auf. Zu diesen Maßnahmen gehört es auch, Möglichkeiten für flexible Arbeitszeiten zu schaffen, um uns als Arbeitgeber noch attraktiver zu machen. Schließlich legen immer mehr Menschen großen Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Besuchen Sie noch ab und zu den Diepholzer Fliegerhorst und wie sehen Sie dessen Zukunft? Bleibt Diepholz Luftwaffenstandort?

Vetter: Dem Fliegerhorst bin ich auch zehn Jahre,, nachdem ich mein Kommando übergeben habe, noch eng verbunden. Der Standortälteste, Oberst Olaf Stöcker, und ich sind seit Jahren befreundet. Die hohe Resonanz beim diesjährigen Tag der Bundeswehr hat aus meiner Sicht nochmals eindrucksvoll die enge Verbundenheit der Menschen in der Region mit „ihrem Fliegerhorst“ demonstriert. Auch hat sich die Bundeswehr hier aus meiner Sicht sehr eindrucksvoll präsentiert. 

In meiner letzten Verwendung als Kommandeur des Logistikzentrums der Bundeswehr konnte ich noch etwas an der Zukunft des Bundeswehrstandorts Diepholz mitwirken, indem wir das Materiallager Diepholz erweitert haben; die neuen Hallen waren ja auch schon Thema in dieser Zeitung. Dieses Lager wird auch in Zukunft eine zentrale Rolle bei der Versorgung der fliegenden Verbände spielen. Da ich aktuell nicht in der Luftwaffe Dienst tue, kann ich zu den konkreten Planungen der Luftwaffe leider nichts sagen.

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