Pandemie-Folgen im Kreis Diepholz

Arzt warnt vor Corona-Krise: „Wir spielen mit dem Leben“

Dr. Christoph Kirchberg meint, dass sich Menschen angesichts des Coronavirus noch zu sorglos verhalten.
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Dr. Christoph Kirchberg meint, dass sich Menschen angesichts des Coronavirus noch zu sorglos verhalten.

Das Coronavirus breitet sich massiv in Niedersachsen aus. Auch im Landkreis Diepholz werden Schutzmaßnahmen getroffen, um die Pandemie zu verlangsamen. Ein Arzt richtet drastische Worte an alle Bürger.

  • Das Coronavirus hat auch den Landkreis Diepholz erreicht
  • In der Stadt Diepholz steht das öffentliche Leben nahezu still
  • Arzt spricht deutliche Warnung aus: „Wir spielen mit dem Leben“

Diepholz - Fast wie an einem Sonntag. Aber es ist Dienstag, 14 Uhr – kurz nachdem die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Niedersachsen wegen der Coronavirus-Pandemie in Kraft getreten sind.

Auf dem Parkplatz vor dem Diepholzer Rathaus sind noch reichlich Stellflächen frei. Nur wenige Menschen haben sich in die Innenstadt verirrt. Bei vielen Geschäften finden sie verschlossene Türen vor. Schuhläden sind ebenso dicht wie Bekleidungsgeschäfte. Auch das Kaufhaus Ceka musste gemäß der behördlichen Anordnung schließen. Die Postfiliale in den Ceka-Geschäftsräumen an der Langen Straße ist über den Eingang der Bäckerei „Kiepenkerl“ zu erreichen. Darauf weist ein Schild an der Eingangstür hin.

Coronavirus in Diepholz: Ceka geschlossen, Post erreichbar

„In diesen schwierigen Zeiten müssen alle zusammenhalten und aufeinander Rücksicht nehmen“, schreiben die Inhaber-Familie Többens und das Ceka-Team. Auch die anderen Kaufhäuser des in Leer ansässigen Betreibers Ceka („Central-Kaufhaus“) – wie beispielsweise in Cloppenburg, Bad Zwischenahn, Meppen und Papenburg – sind wegen Corona zu.

Geöffnet hat das Eiscafé De Martin in der Diepholzer Fußgängerzone. „Bis 18 Uhr darf ich auf jeden Fall“, sagt Inhaber Vittorio De Martin. Eine Eisdiele sei da mit einem Restaurant gleichzusetzen. Viele Stühle bei De Martin bleiben aber derzeit leer: Wenn weniger Menschen in die Innenstadt kommen, essen auch weniger Eis. Gegenüber normalen Zeiten habe er einen Umsatzrückgang von etwa 50 Prozent, sagt Vittorio De Martin - alles Folgen des Coronavirus.

Coronavirus in Diepholz: Friseur darf weiter öffnen

Einen Umsatzrückgang spürt Shekho Emo in „Scheko´s Hairstudio“ durch die Corona-Krise in Niedersachsen noch nicht. Er darf seinen vor vier Jahren gegründeten Friseurbetrieb in der Fußgängerzone weiter öffnen. „Noch“, betont Shekho Emo, denn er befürchtet, dass auch er aufgrund behördlicher Anordnung bald schließen muss. Noch aber zählen Friseure zum Handwerk beziehungsweise zu Dienstleistern, die von der Verordnung ausgenommen sind.

Noch keine Umsatzeinbußen: Shekho Emo und Sabina Kaska in „Scheko´s Hairstudio“.

Dass Friseure bei ihrer Tätigkeit den empfohlenen Mindestabstand von einem Meter zur Vermeidung einer Infektion kaum einhalten können, sieht Sabina Kaska, Mitarbeiterin in „Scheko´s Hairstudio“ locker: „Wenn ich Angst hätte, wäre ich nicht hier.“

Coronavirus in Diepholz: Arzt fordert Mindestabstand im Supermarkt

Nach Meinung von Dr. Christoph Kirchberg, Allgemeinmediziner in Diepholz, haben die Menschen derzeit noch zu wenig Angst vor dem Coronavirus und verhalten sich zu sorglos. Er fordert, dass in Supermärkten die Kunden einen Mindestabstand unter sich und zum Personal einhalten. In anderen Ländern gebe es vor den Kassen schon entsprechende Einrichtungen – ähnlich wie beim Check-in an Flughäfen.

Leere Stühle im Eiscafé De Martin in der Diepholzer Fußgängerzone und ein spürbarer Umsatzverlust für den Inhaber. Nur wenige Menschen waren am Dienstag in der Innenstadt unterwegs, wo viele Geschäfte wegen der Corona-Krise geschlossen sind.

Kirchberg appelliert an Menschen ab 60 Jahren, die zur Risikogruppe gehören, Einkäufe von anderen, jüngeren erledigen zu lassen, die eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus in der Regel besser überstehen. Zudem sei es nicht sinnvoll, wenn ganze Familien gemeinsam zum Einkaufen gehen.

Coronavirus in Diepholz: Mundschutz in Arztpraxis Pflicht

In der Gemeinschaftspraxis, die Dr. Christoph Kirchberg mit Dr. Marcel Blesken in Diepholz betreibt, tragen nicht nur die Ärzte, sondern auch alle Helferinnen den Mundschutz der Kategorie FFP 2, der kaum noch auf dem Markt zu bekommen ist. Der Preis sei von wenigen Cent pro Stück auf mehr als vier Euro gestiegen.

Die beiden Ärzte und jeweils zwei Helferinnen arbeiten zeitlich versetzt – ohne sich zu begegnen – in unterschiedlichen Teams, um im Fall einer Infektion die Praxis nicht komplett schließen zu müssen.

Etwa 30 Anrufe pro Tag drehen sich in der Gemeinschaftspraxis um das Coronavirus. Mittlerweile gibt es über 30 bestätigte Coronavirus-Fälle im Landkreis Diepholz. Wie andere niedergelassene Ärzte auch, gehen Dr. Kirchberg und Dr. Blesken dabei nach einer Vorgabe des Robert-Koch-Institutes vor. Die Praxis-Mitarbeiterinnen fragen die Patienten nach einem bestimmten Schema ab – unter anderem nach Symptomen und Kontakten zu bestätigten Covid-19-Erkrankten – und ordnen sie in eine von vier klinisch-epidemiologischen Kriterien ein.

Coronavirus in Diepholz: Abstriche beim KVN-Testzentrum

Bei einer Einordnung in die Kategorie eins oder zwei als „begründeter Verdachtsfall“ geht ein Fax mit Patienten-Kontaktdaten, weiteren Informationen und einer Risikoeinschätzung an das zuständige Gesundheitsamt. Dieses setzt sich dann mit dem Betroffenen in Verbindung, um weitere Maßnahmen – gegebenenfalls ein Test – zu besprechen. Dieser Corona-Test kostet nach Informationen des Diepholzer Arztes etwa 120 Euro. Besteht ein begründeter Verdacht, übernehmen die Krankenkassen diese Kosten.

Dr. Kirchberg: „Patienten mit Corona-Verdacht sollten nicht in die Praxis kommen, sondern in der Praxis anrufen.“ Der Landkreis Diepholz weist ausdrücklich darauf hin, dass das Gesundheitsamt keine Abstriche durchführt, erst recht nicht gegen Bezahlung. Bei einem begründeten Verdacht kann die hausärztliche Praxis diesen dem KVN-Testzentrum melden, das dann die betroffene Person kontaktiert und zum KVN-Testzentrum bestellt, wo dann ein entsprechender Abstrich genommen wird.

Er und auch Kollegen hätten zudem die Erfahrung gemacht, dass Arbeitgeber von Mitarbeitern verlangen, sich nach Reisen testen zu lassen, was normale Arztpraxen nicht leisten könnten, sagt Dr. Kirchberg. Der Mediziner verweist auf die Regeln des Robert-Koch-Instituts und rät nicht nur Risikopatienten ab 60 Jahren zur Vorsicht: „Das Coronavirus wird unterschätzt. Wir spielen mit dem Leben.“

Hinweis: In einer ersten Version dieses Artikels haben wir geschrieben, ein Corona-Test koste 120 Euro. Konkretisiert haben wir, dass diese Kosten von Krankenkassen übernommen werden, wenn ein begründeter Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung besteht.

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