Die Vergabe soll sich verbessern

Impftermine: Langes Warten für Wartelistenplatz

Wundermittel 116 117? Nein. Die Nummer wird derzeit an die Niedersächsische Impf-Hotline weitergeleitet. Wer einen Wartelistenplatz ergattert hat, hatte einfach Glück, dass nicht besetzt war.
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Wundermittel 116 117? Nein. Die Nummer wird derzeit an die Niedersächsische Impf-Hotline weitergeleitet. Wer einen Wartelistenplatz ergattert hat, hatte einfach Glück, dass nicht besetzt war.

Die wenigen Termine für das Bassumer Impfzentrum waren in kürzester Zeit vergeben. Jetzt versuchen über 80 Jahre alte Einwohner des Kreises Diepholz, an einen heiß begehrten Wartelistenplatz zu kommen. Doch das gleicht einer Sisyphosarbeit. Ab Freitag soll sich die Situation verbessern.

  • Viele Diepholzer Senioren warten noch immer auf einen Wartelistenplatz für ihren Impftermin.
  • Es gibt kein Durchkommen bei Niedersächsische Impf-Hotline.
  • Ab Freitag soll es online die Möglichkeit geben, sich für einen Impftermin auf die Warteliste setzen zu lassen.

Landkreis Diepholz – Über 80-Jährige haben ab heute eine weitere Option, an einen Wartelistenplatz für eine Corona-Impfung zu kommen. Bisher war es ausschließlich über die Niedersächsische Impf-Hotline möglich. Auf Anfrage teilt eine Sprecherin des Niedersächsischen Sozialministeriums mit: „Zum Ende dieser Woche wird es im Internet unter www.impfportal-niedersachsen.de die Möglichkeit geben, sich für einen Termin auf die Warteliste setzen zu lassen.“

Für viele Seniorinnen und Senioren aus dem Kreis wäre allein das Wissen um einen Wartelistenplatz eine große Erleichterung. Diese Erfahrung machte Hedwig Harms, Vorsitzende des Seniorenbeirates Twistringen, in den vergangenen Tagen. „Ich habe mit einigen Leuten gesprochen“, sagt sie. Diejenigen, die das Glück hatten, bei der Impf-Hotline durchzukommen, und sich auf die Warteliste setzen zu lassen, seien „100-prozentig zufrieden“. Für ihren Mann habe sie mittlerweile auch einen Wartelistenplatz mit viel Geduld erarbeitet. Beide seien froh darüber und erleichtert.

Über die 116/117 schneller und besser zum Wartelistenplatz?

Eine Leserin habe erfahren, dass es leichter sei, über die 116 117 (ärztlicher Bereitschaftsdienst) zu einem Wartelistenplatz zu kommen. „Das hat sich rumgesprochen“, erzählt sie. Sie sei schnell durchgekommen. Danach habe man ihr eine Wartelisten-ID durchgesagt. „Nicht nur bei mir hat das auf diese Weise besser geklappt“, meint sie.

„Das war Zufall“, sagt Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), die den Bereitschaftsdienst in Niedersachsen verwaltet. „Man kann diese Nummer zwar grundsätzlich anwählen, um einen Wartelistenplatz zu bekommen“, sagt er, „aber Diepholzer werden dann an die Niedersächsische Impf-Hotline vermittelt.“ Demnach sei es ein Umweg, wenn man als Niedersachse für einen Wartelistenplatz die Nummer des Bereitschaftsdienstes anwählt.

Weniger Glück hatte Regine von Larcher aus Weyhe, die seit dem 28. Januar vergeblich versucht, einen Impf-Termin für ihren Mann zu bekommen. „Es ist schlichtweg unmöglich“, behauptet sie. Die Impf-Hotline sei einfach nicht zu erreichen. „Wir versuchen es jeden Tag, aber es ist immer besetzt“, berichtet sie, und damit sei sie nicht allein. Auch Bekannte hätten die gleichen Erfahrungen gemacht.

Resignieren wolle sie aber nicht. „Mein Mann sagt zwar: ,Na ja, dann bin ich wohl erst im Sommer dran‘, aber jeden Morgen wähle ich als Erstes diese Nummer“, erzählt Regine von Larcher. Sie wünscht sich derzeit einfach, dass es für ihren Mann vorangeht. Hätte er wenigstens einen Wartelistenplatz, „dann hätte man es zumindest erst einmal aus dem Kopf“, sagt sie.

„Lebenswege begleiten“ hilft bei der Organisation von Wartelistenplätzen

Davon kann Imke Dirks ein Lied singen. „Bei vielen setzt die Erleichterung schon ein, wenn sie hören, dass wir uns für sie um einen Wartelistenplatz kümmern“, sagt die hauptamtliche Integrationsbeauftragte von „Lebenswege begleiten“. Sie gehört zum Team des Vereins, der in Kooperation mit der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen eine kommunale Impf-Hotline eingerichtet hat.

Seit dem 1. Februar sitzt sie fast ununterbrochen vor dem Hörer und versucht, für all die Bruchhausen-Vilser über 80 einen Impftermin zu organisieren, die selbst nicht in der Lage dazu sind und von Angehörigen oder Vertrauten keine Hilfe erwarten können. „Wir machen den Leuten Mut, dran zu bleiben“, meint sie. Das sei besonders wichtig, denn es sei eine Frage der Geduld, an einen Wartelistenplatz zu kommen, den sich die Anrufer so sehr wünschen. Hartnäckigkeit zahle sich aus: „Für manche haben wir einen Wartelistenplatz besorgen können“, sagt sie.

100 bis 150 Anrufversuche pro Tag

Edmund Irmer berichtet: „Online ging nichts“. Stattdessen habe sich der 82-jährige Weyher mit täglich 100 bis 150 Anrufversuchen die „Finger wund telefoniert“. Am Dienstag sei er „tatsächlich und rein zufällig durchgekommen“. Nun wartet er auf die schriftliche Bestätigung seines Wartelistenplatzes. Sein Fazit: „Man muss hartnäckig sein.“ Er sei vor allem froh, dass er nicht mehr telefonieren muss.

Kommunen geben nur Hilfestellung

Beim Warten auf Impftermine betont Jens Bley, Sprecher der Bürgermeisterkonferenz im Landkreis: Die Kommunen stehen ihren Einwohnern bei Fragen zur Verfügung. Was sie allerdings nicht machen: Impftermine für Seniorinnen und Senioren organisieren.

Das sei durch Vorgaben des Landes Niedersachsen nahezu unmöglich. „Das ist seitens der Landesregierung nicht gut gelöst“, meint Bley. Er und seine Bürgermeisterkollegen hätten sich andere Lösungen gewünscht, weil „alle Kommunen bereit sind, zu helfen“. Jetzt allerdings sei es deren Aufgabe, die Bürger an die Hand zu nehmen und Informationen weiterzugeben. 

Bärbel S. fasst ihre Erfahrung mit dem virtuellen Impfportal ironisch in einem Satz zusammen: „Da kriegt man ja einen Lachkrampf.“ Die 83-Jährige erzählt, sie habe an mehreren Tagen stundenlang vor dem Laptop gesessen – vergeblich. Das Impfportal war an einem Tag zwar zu erreichen, bietet aber für die Region keine Termine an. Stattdessen kommt ein Hinweis auf die geringen Impfstoff-Mengen: „Es kann leider sein, dass Ihr Impfzentrum im Moment noch keine Termine anbieten kann.“ Man möge es in einigen Tagen erneut versuchen. Oder sich über die Telefon-Hotline einen Platz auf der Warteliste reservieren lassen.

Die Weyherin ist deshalb wieder dazu übergegangen, es telefonisch zu versuchen. Einen Termin oder zumindest einen Wartelistenplatz hat sie auch auf diese Weise nicht ergattern können. Die Rentnerin versucht, trotzdem gelassen zu bleiben: „Es ist halt so.“

Verunsicherung bei den betroffenen Senioren

Ein 83-jähriger Syker mit Vorerkrankungen sagt: „Ich gehöre zur Risikogruppe und rufe die Hotline mindestens fünf Mal am Tag an.“ Erfolg habe er bislang noch nicht gehabt. „Ich bin verunsichert“, meint er, denn es gebe vonseiten des Landes Niedersachsen einfach keine Informationen. „Ich habe noch nicht einmal ein Schreiben bekommen, dass ich mir einen Termin besorgen kann“, sagt er.

Aufgeben wolle der Senior aber nicht: „Ich versuche es weiter, denn es ist zu meinem Wohle.“ Bis er den Wartelistenplatz für seine ersehnte Impfung erhält, wolle er die gebotenen Abstandsregeln rigoros einhalten. „Ich achte darauf, dass Corona mich nicht kriegt“, kommentiert er.

Unzufriedenheit mit der Niedersächsischen Landesregierung

Was alle eint, ist die Unzufriedenheit mit der Niedersächsischen Landesregierung. „Die Informationspolitik ist schlecht. Das ist kein Service“, sagt Hedwig Harms. Im Internet stehe zwar, dass man sich über die Hotline auf die Warteliste setzen lassen könne, „aber wie, wenn immer besetzt ist?“, fragt sie.

Regine von Larcher meint: „Man ist gefrustet. Ich lese im Internet, dass ich durch die Hotline auf eine Warteliste komme, aber wenn man es dann probiert, geht es nicht.“ Deswegen wünscht sie sich mehr Offenheit von der Landesregierung: „Dann sollen sie einfach mitteilten, dass es im Moment nicht geht.“

Ich lese im Internet, dass ich durch die Hotline auf eine Warteliste komme, aber wenn man es dann probiert, geht es nicht.

Regine von Larcher

Landrat Cord Bockhop versteht nicht, weshalb das Land Niedersachsen so sehr an einem Konzept festhält, das in der Praxis offensichtlich versagt habe. „Fehler passieren, aber dann muss ich sie auch korrigieren“, sagt er. Für ihn sei es unverständlich, weshalb sich das Land so schwer damit tue, weitere Wartelistenplätze zu vergeben. Jeder Diepholzer, der einen Wartelistenplatz habe, sei ein Anrufer weniger, der die Hotline überlastet.

Jetzt soll also die Online-Vergabe von Wartelistenplätzen für Besserung sorgen. Bleibt abzuwarten, ob es über das Impfportal tatsächlich funktioniert. Auf die Anfrage, warum die Freischaltung der Wartelistenplätze erst jetzt möglich gemacht wird, ist das Sozialministerium nicht eingegangen.

Kommentar

Niedersachsen gibt bei der Vergabe der Impftermine eine ganz schlechte Figur ab. Nicht durch unzureichende oder falsche Planung, sondern durch mangelnde Einsicht. Das (Nicht-) Handeln unserer Landesregierung erweckt den Eindruck von beispielloser Sturheit.

Wie sonst ließe sich erklären, dass sich eine Woche nach dem Start der Terminvergabe nichts geändert hat, obwohl das Konzept ganz offensichtlich in der praktischen Anwendung versagt, weil noch immer Tausende Senioren auf ihren Impftermin warten? Das Sozialministerium vertröstet die Bürger und mahnt zur Geduld, aber bleibt wesentliche Antworten schuldig.

Es wird höchste Zeit, dass die politischen Entscheidungsträger in Hannover die Scheuklappen abnehmen und sich Alternativen öffnen. Auch wenn das bedeutet, dass man sich Fehler eingestehen muss.

von Jannick Ripking

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