Vortragsreihe „Politische Dialoge“

CO2-neutral bis 2035 – geht das? Physiker stellt Klimaschutz-Studie vor

Die Wärmedämmung durch Styroporplatten ist für Georg Kobiela eine der Möglichkeiten, Gebäude für ein klimaneutrales Deutschland energieeffizient auszubauen.
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Die Wärmedämmung durch Styroporplatten ist für Georg Kobiela eine der Möglichkeiten, Gebäude für ein klimaneutrales Deutschland energieeffizient auszubauen.

Der Klimawandel ist unbestritten. Dr. Georg Kobiela, Mitglied der Grünen-Partei, meint trotzdem, dass die Erde nicht gerettet werden muss. Was widersprüchlich klingt, hat einen schlüssigen Hintergrund.

Landkreis Diepholz – Der Meeresspiegel steigt und es wird immer wärmer. „Was wir zu retten versuchen, das sind wir selbst“, erklärt Dr. Georg Kobiela. „Unser Planet erholt sich von ganz alleine.“ Nicht jedoch die Menschheit, wenn sie sich nicht aktiv darum bemüht, den Klimawandel zu stoppen – im besten Fall sofort. Und genau darin sieht der promovierte Physiker nach wie vor ein Problem: „Klimaschutz ist eine gesellschaftlich anerkannte Notwendigkeit, aber die Dringlichkeit wird immer noch unterschiedlich eingeschätzt.“

„Wir schlittern in eine planetarische Krise“, sagt der Leiter der Studie. Deswegen habe sich sein Team die Frage gestellt, „welchen nationalen Beitrag können und müssten wir leisten, um bis 2035 mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit bei einer Erderwärmung von maximal 1,5 Grad zu bleiben?“, so Kobiela. Er betont: „Das ist keine Machbarkeitsstudie. Das ist eine Was-wäre-wenn-Zielvorgabe.“ Das heißt, dass die Forscher nicht erarbeitet haben, ob die Ziele erreicht werden können, nur, welche Schritte überhaupt notwendig wären. Dabei habe das Team den Fokus auf das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid (CO2) gelegt und die Landwirtschaft ausgeklammert. Die Studie habe ergeben, dass vier Sektoren für rund 90 Prozent der gesamten deutschen CO2-Emissionen verantwortlich seien: Industrie, Verkehr, Energie und Gebäude.

CO2-neutral bis 2035: Der Energiesektor

Am meisten falle der Energiesektor in Form von fossilen Brennstoffen mit 32 Prozent ins Gewicht. Die Erneuerbare Energie spiele eine wichtige Rolle, um bis 2035 CO2-neutral zu werden. „Um das zu erreichen, müssten wir den Ausbau aber mindestens um den Faktor 2,5 beschleunigen“, meinte der Mann vom Wuppertal Institut. Bei Windenergie – sowohl On- als auch Offshore – und bei der Photovoltaik „müssen wir noch eine Schippe drauf legen.“

Georg Kobiela leitete federführend die Studie „CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze“

Woran liegt es, dass es in diesem Bereich noch hapert? Gerade bei Onshore-Windenergieanlagen gebe es ein vermeintliches Akzeptanzproblem innerhalb der Bevölkerung. Kobiela: „Da ist eine politische Angst vor einer lauten Minderheit.“ Außerdem gebe es einen gewissen Zielkonflikt zwischen verschiedenen Naturschützern. So setze sich beispielsweise der NABU gegen neue Windparks ein, weil er den Lebensraum von Tieren dadurch bedroht sehe. „Aber die größte Gefahr für das Artensterben ist immer noch der Klimawandel“, entgegnet Kobiela. Dem könne man nun einmal mit dem Windenergieausbau entgegenwirken.

CO2-neutral bis 2035: Der Industriesektor

Besonders die Stahl-, Chemie- und Zementindustrie belasten laut Georg Kobiela das CO2-Niveau in Deutschland. Ihr Anteil am Ausstoß dieses Treibhausgases liege bei 23 Prozent. „In diesem Bereich müssen wir die fossilen Technologien reduzieren“, erklärt der Wissenschaftler. Dabei verweist er beispielhaft auf die immer stärker aufkommenden Wasserstoff-Technologien. Diese seien aber nur dann wirklich nützlich und gewinnbringend, „wenn sie auch zielgerichtet eingesetzt werden“.

Ein anderer wichtiger Faktor, um die industriellen CO2-Emissionen senken zu können, sei der Fokus auf eine Kreislaufwirtschaft wie Recycling und ähnlichen Methoden. „Wenn wir das konsequent machen, dann wird unser Energiebedarf in diesem Sektor geringer“, sagt er.

CO2-neutral bis 2035: Der Verkehrssektor

„Dieser Sektor ist unser Sorgenkind“, sagt Georg Kobiela. Das liege daran, dass einzig in diesem Bereich die Treibhausgas-Emissionen stagnierend statt rückläufig seien. Um Fortschritte zu machen, brauche Deutschland die Antriebswende. „Wir müssen von fossil auf Elektro umsteigen“, fordert Kobiela trotz steigenden Misstrauens in die Umweltfreundlichkeit von Lithium-Batterien in Elektroautos. „Im Gesamtlebenszyklus ist ein Elektroauto umweltfreundlicher als ein Verbrennungsauto“, begründet er.

Teilnehmerfragen: Die Rolle von Atomkraft, Corona, Internet und Moor auf die CO2-Bilanz in Deutschland

Kommen Atomkraftwerke als Überbrückung beim Erreichen der Klimaziele infrage? „Die kurze Antwort ist: Nein“, sagt Georg Kobiela. „Die lange Antwort ist ein wenig komplexer.“ Atomkraftwerke als Überbrückung zu nutzen sei teuer und risikoreich. Hinzu kommt: „Atomkraft war für die Energiegewinnung in Deutschland immer nur eine Randerscheinung.“ Der Energiebedarf sei hierzulande zu keiner Zeit mit mehr als sechs Prozent durch Atomkraft abgedeckt worden. Die Rohstoffe seien darüber hinaus endlich. „Wenn wir weitere Kraftwerke bauen, dann geht uns sehr schnell der Brennstoff aus“, sagt der Wissenschaftler. Georg Kobiela rechnet vor: „Sollten wir unsere gesamte Energie aus Atomkraft beziehen, dann wären die Ressourcen nach nur 13 Jahren aufgebraucht.“

Welche Rolle spielen Moore und Torfe bei der CO2-Neutralität? Dieser Aspekt sei in der Studie nicht aufgegriffen worden, erklärte Georg Kobiela, „aber die Wiedervernässung der Moore ist sehr wichtig für den Klimaschutz.“ Besonders in moor- und torfreichen Regionen wie Diepholz binde diese Maßnahme eine Menge Kohlenstoffdioxid.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den Klimawandel? „Corona ist eine Glaskugel“, sagt Georg Kobiela. Die Krise könne sich sowohl positiv als auch negativ auf das Klima auswirken. Er erklärt, dass das Endresultat davon abhänge, welche Schlüsse die Menschen aus der Pandemie ziehen und wie nachhaltig sie damit umgehen.

Wie wirkt sich die Internetnutzung auf die CO2-Bilanz aus? „Wenn es nicht ins Unermessliche steigt, dann geht das schon“, meint Georg Kobiela. Eine Videokonferenz verursache zwar auch CO2-Emissionen, „aber da muss man dann abwägen“, so der Physiker, denn bei Präsenzveranstaltungen seien Teilnehmer oft auf das Auto angewiesen, das genauso Treibhausgase ausstößt. Nichtsdestotrotz: „Manche Webseiten müssen mehr auf ihre Energieeffizienz achten.“

„Aber das beste Auto ist immer noch das, was nicht gebaut und nicht gefahren wird“, schiebt er relativierend nach. „Dafür müssen wir aber in den öffentlichen Nahverkehr investieren und ihn ausbauen“, meint der Physiker. Nur so ließe sich der Gesamtbestand an Autos nachhaltig reduzieren. Dabei komme es in seinen Augen in erster Linie gar nicht darauf an, den ÖPNV günstiger zu machen. „Das ist die falsche Stellschraube“, sagt er. Kobiela mutmaßt: „Wenn der Nahverkehr zuverlässig und schnell getaktet ist, dann sind die Leute eher bereit, sogar mehr für ein Ticket zu bezahlen.“ Erst dann ließen sich Kurzstrecken mit dem Auto wirklich reduzieren, denn bisher seien viele Strecken mit dem Auto noch immer schneller zurückzulegen als mit Zug oder Bus.

CO2-neutral bis 2035: Der Gebäudesektor

Der Gebäudesektor macht in Deutschland 15 Prozent der gesamten Kohlenstoffdioxid-Emissionen aus. Das komme nach Angaben von Georg Kobiela vor allem wegen der fürs Heizen eingesetzten fossilen Brennstoffe und in die Jahre gekommene Dämmung der Häuser zustande. Aber auch der Trend zu immer größeren Häusern trage seinen Teil dazu bei, weil diese insgesamt energieaufwendiger zu dämmen seien. „Wir müssen diesen Trend beenden“, verlangt der Leiter der Studie.

Ferner sei es notwendig, eine „noch nie dagewesene Sanierungsarbeit“ zu leisten, um die Häuser in Deutschland energieeffizienter zu machen. Die Rate der energetischen Sanierungen liege laut Kobiela derzeit bundesweit bei rund einem Prozent. „Wir brauchen aber vier Prozent“, sagt er. Welche Dimensionen bereits vier Prozent ausmachen, macht der Physiker an einem theoretischen Beispiel deutlich: „Eine Straße mit 25 Häusern hätte jedes Jahr eine Baustelle.“ Das sei immens.

CO2-neutral bis 2035: Fazit

Klimaneutral bis 2035: Ist das realistisch? „Wir peilen das an, aber das ist ein Brett“, sagt Georg Kobiela. „Grundsätzlich kann dieser Beitrag aber geleistet werden, aber nur dann, wenn auch wirklich alle Beteiligten mitspielen.“ Das reiche von Bundes- und Kommunalpolitik bis hin zu jedem einzelnen Bürger. Denn: „Wir brauchen den Druck aus der Gesellschaft, das auch unbedingt angehen zu wollen.“

Dass bereits die Aufklärung in Sachen Klimaschutz zu größerer Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung führen kann, habe eine britische Studie gezeigt: Je mehr sich jeder Einzelne mit dem Klimawandel und seinen Folgen auseinandersetze, desto größer werde das Verständnis dafür, wie dringend es sei, jetzt und nicht erst später gegen die globale Erderwärmung anzukämpfen.

Georg Kobiela bei „Politische Dialoge“

Georg Kobiela ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut und Verantwortlicher der Studie „CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze“. Deren Ergebnisse hat er beim zweiten Teil der Vortragsreihe „Politische Dialoge“ präsentiert, die die Volkshochschule (VHS) im Landkreis Diepholz gemeinsam mit der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) Niedersachsen und dem Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen (VNB) Nordwest ins Leben gerufen hat. 

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