Die Falschen gehen ins Netz

Bremsenfallen sollen Pferde vor Bissen schützen – und töten Tausende Insekten

Pferde auf einer Weide
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Das lässt Bremsenherzen höher schlagen: Die Pferde auf dem Reiterhof Schierenbeck in Weyhe stehen teils auf feuchten Weiden in Waldnähe. Dennoch muss Besitzer Ralf Schierenbeck seine alten Bremsenfallen nicht mehr einsetzen. Der Grund: zahlreiche Singvögel.

Eine große schwarze Kugel und ein trichterförmiges Netz darüber: Die Bremsenfallen sind an vielen Pferdeweiden sichtbar. Eine Studie hat nun bemängelt, dass der Falle kaum Pferdebremsen zum Opfer fallen, aber viele andere Insekten. Wie sieht es im Landkreis Diepholz aus?

Landkreis Diepholz – Genau 53 438 Insekten verschwanden im Kreis Gütersloh und in der Stadt Bielefeld im Sommer 2017 aus der Natur. Wissenschaftler haben sie getötet, um eine Theorie zu beweisen. Es geht um Bremsenfallen, die etwa Pferde vor der lästigen Pferdebremse schützen sollen. Doch die markanten weißen Trichter mit der schwarzen Kugel locken auch andere Insekten an.

Laut Studie war unter den 53 438 Tieren, die zwischen Mai und Oktober in insgesamt sechs Fallen gefangen wurden, nicht eine Pferdebremse. Der Anteil aller Bremsenarten lag bei unter vier Prozent. Dafür fanden sich Bienen und andere, teils geschützte Insekten in der Falle. Die Wissenschaftler sagen: Das Massensterben ist vermeidbar.

Ralf Schierenbeck hat seine Bremsenfallen längst eingemottet.

„Es gibt Viele, für die sind ihre Pferde ihr ein und alles“, sagt Karin Bellingrodt. Die Kreisvorsitzende des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Derutschland) war in einer Fachzeitschrift auf die Studie gestoßen und schockiert. Die Bremsenfallen seien als „landwirtschaftliches Zubehör“ für jeden frei erhältlich und bei Pferdefreunden entsprechend beliebt. In Zeiten des Insektenrückgangs ist der Umstand, dass die Fallen nicht genehmigungspflichtig sind, für sie absolut unverständlich.

Doch Bielefeld und Gütersloh sind weit weg. Lassen sich die Ergebnisse auf diese Region übertragen? Nina Jäckel sagt Ja. Sie ist die Autorin der Studie und hat sie für die Uni Münster und die TU Berlin angefertigt. „Ich würde die Meinung vertreten, dass das generelle Ergebnis, dass überwiegend andere Insekten und nur wenige Bremsen gefangen werden, übertragbar ist“, erklärt sie auf Nachfrage der Kreiszeitung. „Die Bremsenfallen werden alleine nicht für das Insektensterben verantwortlich sein, dennoch müssen wir überall dort (gerade auch im Kleinen), wo uns unnötiges Insektensterben auffällt, aktiv werden.“

Als Folge auf Jäckels Studie hat das Umweltministerium in NRW bereits seine Naturschutzbehörden dazu angehalten, dass Bremsenfallen nicht in Naturschutz-Gebieten aufgestellt werden.

Doch wieviele Pferdehalter im Landkreis Diepholz nutzen die Bremsenfallen überhaupt? Eine Umfrage liefert überraschende Ergebnisse. Jürgen Kuhne von Horse Consulting in Syke-Heiligenfelde erklärt, er habe keinen Bedarf an den Fallen, da es an seinen Weiden nicht viele Bremsen gebe. Dort wehe oft leichter Wind, das würden die Insekten nicht mögen.

Annika Probst von ps-stable in Stuhr-Varrel hat eine weitere Alternative parat: die Offenstallhaltung. Bremsen würden sich ungerne in die Ställe begeben, berichtet sie.

Tierarzt Dr. Björn-Olaf Sass-van Hoorn aus Weyhe nennt noch eine verbreitete Bremsen-Vergrämung: für Pferde gibt es ein Spray gegen Insekten. Das würden Viele beim Ausritt verwenden. Zu den Fallen sagt er: „Mir fehlt da der Glaube dran.“

Schließlich taucht doch noch jemand auf, der Bremsenfallen verwendet – oder zumindest mal verwendet hat: Ralf Schierenbeck vom gleichnamigen Pferdehof in Weyhe. Er hat noch eine alte, eingestaubte Falle im Stall liegen. Die brauche er aber nicht mehr. Sein Bremsenschreck: Vögel. Vor einigen Jahren hätten sie zahlreiche Bäume gepflanzt. Damit kamen Schwalben und andere kleine Singvögel. „Die holen gut was weg“, grinst er.

Als Alternative zur Bremsenfalle nennt Schierenbeck noch Zebradecken, die Bremsen mit ihrem Muster verwirren würden. Auch Studienautorin Jäckel rät zu diesem insektenfreundlichen Schutz.

Seine Bremsenfallen habe er abgebaut, nachdem eines Tages mehr Bienen als Bremsen in der Falle waren, so Schierenbeck. „Das ist doch Käse“, habe er da gedacht.

Also: Keine Bremsenfallen im Landkreis? Ein Mitstreiter von Karin Bellingrodt meldet sich und widerspricht. „Es sind wirklich sehr viele!“, betont Henning Greve aus Syke zu den Bremsenfallen in der Region. Er weiß aber, wie sie besser genutzt werden können: Einfach jeden Morgen und Abend die Brummer und Nachfalter rauslassen. „Die kann man sehr gut retten“, so Greve. Außerdem spricht er sich für ein Aufstellen nur im Juli und August aus. Dann sagt er: „Man kann nicht sagen, dass sie nicht wirken.“ Er sehe das Problem mit den Bremsen: „Die machen die Pferde richtig verrückt.“

Auch ohne regelmäßige Leerungen kaum Insekten in seinen Bremsenfallen hatte Harm Kleemeyer, der einen Pferdezuchtbetrieb und Pensionshof in Sudweyhe mitbetreibt. Er nennt die Warnung des BUND vor Bremsenfallen „Blödsinn“ und erklärt: „Das konnten wir so überhaupt nicht feststellen.“ Kleemeyer hat heute keine Bremsenfallen mehr auf seinem Hof – sie seien einfach nicht so effektiv gewesen wie erhofft.

Mit der Kritik des BUND sieht Kleemeyer die Landwirte wieder in eine bestimmte Ecke gestellt. Er unterstreicht, „der Landwirt ist ein Naturfreund“ und lebe mit der Natur. Auf seinem Hof werden die Pferde beim Ausritt mit einem Spray geschützt – und in Weidehütten könnten sie Schutz vor den Plagegeistern suchen.

Von Luka Spahr

Die BUND-Kreisvorsitzende Karin Bellingrodt.

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