Menschen mit Behinderung fällt Jobsuche schwer

Handicap als unüberwindbare Hürde: „Habe aufgehört, Absagen zu zählen“

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Michelle Gaßmann (stehend) bereitet junge Menschen mit Behinderung im Rahmen der Unterstützten Beschäftigung auf den Arbeitsmarkt vor. Das Angebot nutzen unter anderem (sitzend, v.l.) Alexandra Israel, Larissa Fontein und Can Özbay.

Landkreis  Diepholz - Von Katharina Schmidt. Der 22-jährige Can Özbay hat in seinem Leben etliche Bewerbungen geschrieben. Wie viele genau, kann er gar nicht sagen. „Ich habe aufgehört zu zählen“, erzählt er und winkt ab. Wenn der junge Mann aus Lemförde überhaupt eine Rückmeldung von den Firmen bekam, waren es fast immer Absagen. Auch wenn es in den Schreiben nicht direkt drin steht: Grund für die Zurückweisungen dürfte oft Özbays Lernbehinderung gewesen sein.

Der 22-Jährige ist einer der derzeit sechs Teilnehmer der Unterstützten Beschäftigung im Landkreis Diepholz.

Dabei handelt es sich um eine Maßnahme, die Menschen mit Behinderung helfen soll, in der Berufswelt Fuß zu fassen. Im Landkreis Diepholz leistet das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) seit 2015 diese Art der Integrationshilfe. Das Prinzip: Das Bildungswerk qualifiziert die Teilnehmer, hilft bei der Suche nach Stellen und begleitet die Einarbeitung im Betrieb. Die Kosten trägt die Agentur für Arbeit Nienburg-Verden als Trägerin der gesetzlich vorgesehenen beruflichen Rehabilitation.

Die Teilnehmer sind bis zu zwei Jahre Teil der Maßnahme. Ziel ist es eigentlich, sie in dieser Zeit in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis zu vermitteln. „Das haben wir leider noch gar nicht geschafft“, meint Michelle Gaßmann, pädagogische Mitarbeiterin des Bildungswerkes. „Leider sind die Betriebe im Landkreis Diepholz auch nach zwei Jahren immer noch sehr skeptisch und verschließen sich unseren Teilnehmern“, bedauert sie. Und betont: „Unsere Teilnehmer sind alle dazu fähig, auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten.“

So auch Larissa Fontein aus Stuhr. Sie hat im Gegensatz zu Cem Özbay noch nicht aufgehört zu zählen, wie viele Bewerbungen sie geschrieben hat. Es waren bisher 120. „Ich bin seit fünf Jahren arbeitslos und seitdem auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Aber es ist ziemlich schwierig, wenn man eine doppelte Behinderung hat. Ich glaube, dass viele Betriebe denken, dass sie schon mit einer Behinderung überfordert wären“, sagt sie. Die 25-Jährige sitzt im Rollstuhl und leidet unter einer Stottersymptomatik.

Häufiger Absagegrund: Büro nicht behindertengerecht

Manchmal sagen ihr Unternehmen mit der Begründung ab, dass ihre Büros nicht behindertengerecht seien. Fontein wünscht sich, dass sich Firmen die Zeit nehmen würden, zusammen mit ihr zu schauen, ob es nicht doch eine Lösung gibt – vielleicht auch mithilfe von Fördermitteln der Agentur für Arbeit.

Nächste Woche wird die Stuhrerin 26 Jahre alt. „Langsam wird es Zeit, dass ich Arbeit finde“, meint sie. „Ich will nicht mit Anfang 30 sagen müssen, dass ich keinen Job habe.“ Zudem will sie zu Hause ausziehen – ohne Einkommen unvorstellbar.

In der Praxis sieht die Unterstützte Beschäftigung so aus: Die meisten Teilnehmer kommen drei Mal pro Woche in die Räume des Bildungswerkes am Rathausmarkt in Diepholz. Dort schreiben sie Bewerbungen, reflektieren Arbeitsabläufe, beschäftigen sich mit dem Weltgeschehen, üben Sorgfalt und arbeiten an ihrem Arbeitstempo. Wer gerade zum Beispiel ein Praktikum macht, kommt nur einmal wöchentlich, und verbringt die restliche Zeit im Betrieb.

„Ich komme gerne hier hin“

Neu in der Gruppe ist Alexandra Israel aus Ströhen. Sie ist 18 Jahre alt und hat gerade ihren Schulabschluss in der Tasche. Ihre berufliche Zukunft sieht sie bei der Arbeit mit Holz, im Garten, in der Küche oder im Umgang mit Tieren. Ihr erster Eindruck von der Unterstützten Beschäftigung ist sehr gut. „Ich komme gerne hier hin“, erzählt sie.

Auch der 26-jährige Dennis Bauch aus Lemförde kommt gerne – aber wie alle anderen Teilnehmer würde er lieber arbeiten gehen. Er hat gerade acht Wochen Praktikum in einer Maschinenbaufirma hinter sich. „Das hat mir richtig Spaß gemacht“, schwärmt er.

Mehr als ein unbezahltes Praktikum – und selbst da stellen sich laut Gaßmann viele Betriebe quer – ist meistens allerdings nicht drin. „Ich habe das Gefühl, dass die Firmen lieber die Gebühr zahlen“, erklärt sie und verweist auf die Ausgleichsabgabe, die Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern zahlen müssen, wenn sie keine Menschen mit Handicap einstellen.

Erster Arbeitsvertrag in Aussicht

In den benachbarten Kreisen scheinen die Betriebe offener für die Unterstützte Beschäftigung zu sein. Die besten Kooperationspartner des Bildungswerks in Diepholz haben laut Gaßmann ihren Sitz in der Gemeinde Stemwede (Landkreis Minden-Lübbecke). Auch im Landkreis Verden laufe die Unterstützte Beschäftigung besser. Dort würden Betriebe teils von selbst nach Kandidaten fragen.

Davon können die Teilnehmer im Landkreis Diepholz derzeit nur träumen. Doch auch in der Gruppe gibt es einen Lichtblick: Wenn alles glatt läuft, unterschreibt Can Özbay bald als Lohn für seine unzähligen Bewerbungen einen festen Arbeitsvertrag. Nicht nur für den jungen Mann wäre das ein Erfolg, sondern auch für die Unterstützte Beschäftigung im Landkreis Diepholz.

Firmen gesucht: Das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft und die Agentur für Arbeit Nienburg-Verden suchen Betriebe, die sich vorstellen können, einen Menschen mit Behinderung im Rahmen der „Unterstützenden Beschäftigung“ bei der Integration in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. Teilnehmende Unternehmen erhalten Beratung und Unterstützung. Wer Interesse hat, kann sich bei Michelle Gaßmann unter Telefon 05441/9959112 melden.

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