Kampf mit Engpässen

Betriebe im Landkreis hadern mit den Auswirkungen der Halbleiterkrise

Es mangelt an für Elektronik wichtigen Halbleitern.
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Es mangelt an für Elektronik wichtigen Halbleitern.

Corona-Pandemie und Materialmangel bestimmen im Jahre 2021 das Geschehen in der Wirtschaft. Ganz besonders hart trifft es diejenigen, die in irgendeiner Weise Waren mit elektronischen Bauteilen herstellen oder vertreiben. Das Stichwort: Halbleitermangel. Auch der Landkreis Diepholz bekommt dessen Auswirkungen deutlich zu spüren.

Landkreis Diepholz – Besonders stark betroffen ist die Automobilbranche. Da moderne Autos voller Elektronikbauteilen stecken, die beispielsweise Assistenzsysteme steuern, macht sich die Krise dort in erhöhtem Maße bemerkbar. Tim Holtorf ist Inhaber des Autohauses Holtorf in Bassum. Der Ford-Händler klagt: „Wir haben seit Anfang des Jahres damit zu kämpfen. Normal sind Lieferzeiten bei bestellten Fahrzeugen von zwei bis sechs Monaten. Aktuell haben wir noch Bestellungen aus dem Monat März offen – und die Auslieferung wird sich weiter verzögern.“

In der Fahrzeughalle stehen derzeit vier Neuwagen. Das seien etwa halb so viele wie üblich. Doch die Krise betrifft nicht nur Neufahrzeuge. Holtorf wirft einen Blick über seinen Rücken auf den Hof. Dort stehen die Gebrauchtwagen, die seine Firma zum Verkauf anbietet. „Normalerweise“, sagt er, „wäre es schön, wenn da 40 Autos stehen würden. Jetzt stehen da um die 20.“

Chipmangel führt zu weniger produzierten Autos

Auch in den Landkreis-Standorten von ZF Friedrichshafen sei die Situation, so Pressesprecher Florian Tausch auf Anfrage der Kreiszeitung, eine „große Herausforderung“. So sei die Nachfrage von Kunden nach Fahrzeugen zwar da, doch der Chipmangel führe in der Automobilindustrie dazu, dass im Jahr 2021 weltweit bis zu elf Millionen Nutzfahrzeuge weniger gebaut und verkauft werden können als noch im Vorjahr. „Als Zulieferer sorgt dies natürlich für deutliche Einbrüche bei unseren Aufträgen und Abrufen“, sagt Tausch. „Dies macht sich auch bei unseren Werken am Dümmer bemerkbar.“

So habe die „sehr volatile Situation bei den Aufträgen und Abrufen“ in den Dümmer-Werken zwar nicht zu Werksschließungen oder Entlassungen geführt; dort seien „in Summe jedoch seit Ende September pro Monat vier bis sechs Tage Kurzarbeit“ angesagt gewesen, so Florian Tausch.

Projekte der Avacon sind nicht betroffen

Anders die Situation bei der Avacon. Wie Pressesprecher Ralph Montag mitteilt, gebe es dort „keine Anhaltspunkte, dass Projekte in unserem Netzgeschäft direkt von der Marktsituation bei den Halbleitern beeinträchtigt sind“. Zwar seien bei einzelnen Bauteilen und Geräten „unerwartet lange Lieferzeiten“ festzustellen, in einen direkten Zusammenhang mit der Halbleiterkrise wolle er die allerdings nicht stellen. Auch andere Gründe, etwa die Pandemie, könnten infrage kommen. Schwerpunkte, an denen die Avacon mit Halbleitern in Berührung kommt, sind Schutz-, Leit- und Steuertechnik sowie Technologien der E-Mobilität.

Ein auch in unserer Zeitung häufig erwähntes Thema ist der Netzausbau in der Region. Auch dort stockt der Arbeitsfortschritt, wie Ann-Kristin Küllmer, Pressesprecherin der GVG Glasfaser, betont: „Infolge der Corona-Pandemie ist es unter anderem zu erheblichen materiellen Engpässen gekommen, deren Auswirkungen bis heute anhalten.“

Halbleiter sind zwingend notwendig beim Glasfaser-Ausbau

Den Betrieb aufhaltende Engpässe gebe es nicht nur, aber auch bei den Halbleitern, die beim Ausbau des Glasfasernetzes zwingend benötigt werden: Etwa bei den Netzabschlussgeräten in den Kellern der angeschlossenen Gebäude, den Modems und Routern in den Wohnungen der Nutzer oder den Technikzentralen in den Orten, erklärt Küllmer. Hinzu kämen weitere Engpässe, etwa bei den Glasfasern selber oder den Leer- und Schutzrohren. „Etwa 35 Prozent der weltweiten Glasfaserproduktion stammen aus der Region um Wuhan – dem Ort, an dem die Corona-Pandemie mutmaßlich ausgebrochen ist“, gibt die Pressesprecherin zu bedenken. Und auch die steigende weltweite Nachfrage im boomenden Glasfaserausbau trage ihren Teil dazu bei.

„Diese Situation spiegelt sich im gesamten Landkreis wider“, sagt Ann-Kristin Küllmer, und verspricht: „Wir sind jedoch – natürlich auch im eigenen wirtschaftlichen Interesse – sehr bemüht darum, diese Verzögerungen auf ein Minimum zu reduzieren und arbeiten mit Hochdruck daran, das Material unter die Erde und in die Häuser zu bringen.“ Auch die Produktpreise sollen bei Nordischnet stabil bleiben, obwohl die Preise für jegliche Komponenten „erheblich gestiegen“ seien: Die „unabhängig von der Corona-Pandemie ohnehin steigende Nachfrage“ treffe auf ein „zu knappes und pandemiebedingt gestörtes Angebot“.

„Wilder Westen im Autogeschäft“

Das ist jedoch nicht überall der Fall. „Noch gehen die Preise bei uns nicht hoch“, sagt Tim Holtorf, „aber Ford selber wird die Neuwagenpreise anheben.“ Deutlicher sei die Situation bei den Gebrauchtwagen, „da liegen die Preise teilweise über denen der Neuwagen“, erklärt Holtorf kopfschüttelnd. „Wilder Westen im Autogeschäft“, fasst er zusammen.

Ein Ende der Krise ist noch nicht in Sicht. „Wir erwarten, dass die Situation bis weit ins Jahr 2022 schwierig bleiben wird“, prognostiziert etwa ZF-Pressesprecher Florian Tausch. Eine zeitliche Prognose will Ann-Kristin Küllmer von der GVG Glasfaser nicht abgeben: „Wann sich die Situation wieder normalisiert, können wir nicht sagen.“ Düster blickt Autohändler Tim Holtorf in die Zukunft: „Bis Ende nächsten Jahres“ lautet seine zeitliche Prognose über eine Rückkehr zum Normalgeschäft.

Was sind Halbleiter

Halbleiter sind Festkörper, die sowohl die Eigenschaften von Leitern als auch von Isolatoren besitzen. Bestimmt wird die Eigenschaft durch äußere Einflüsse, besonders die Temperatur: Nahe des absoluten Nullpunktes sind sie Isolatoren. Steigt die Temperatur, so werden sie leitfähiger. Sie finden vor allem in Mikrochips Anwendung, die ihrerseits in immer mehr Geräten verbaut sind, wodurch der Bedarf an Halbleitern über die vergangenen Jahre stetig gestiegen ist. Der wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Halbleitern ist Silizium.
Quelle: www.chemie.de

Zudem sieht Holtorf in der derzeitigen Situation eine der Tücken der heutigen Zeit: „Das rührt aus der global vernetzten Wirtschaft her. Alle Prozesse sind auf Effizienz getrimmt.“ Deshalb würden sich bereits kleine Störungen derart bemerkbar machen.

Einen etwas beruhigenderen Faktor nennt Tim Holtorf allerdings doch: das Gemüt der Kunden. „Die ärgern sich zwar, aber sie wissen, dass wir als Händler daran keine Schuld haben.“

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