Quo vadis, Krankenhaus-Struktur?

9000 Patienten sind zwingend auf Kliniken außerhalb des Landkreises angewiesen

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Großbaustelle Bassumer Krankenhaus: Der Diepholzer Hobby-Fotograf Peter Merk flog vor einigen Monaten über das Klinikgelände. Links am Hauptgebäude ist gut das „weiße Hufeisen“ zu erkennen, die Erweiterung der somatischen Klinik. Rechts im Rohbau der Gebäudekomplex, in den die Psychiatrie (zurzeit noch in Twistringen) einziehen soll.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Quo vadis, Krankenhaus-Struktur? Es ist keine einfache Entscheidung, die der Kreistag in sechs Tagen in Neubruchhausen zu treffen hat. Das Zukunftskonzept ist heftig umstritten, wie Bürgerproteste immer wieder zeigen, und von überregionalen Wirtschafts- und Wettbewerbsstrukturen geprägt. Trotzdem: Nur ein Drittel aller Patienten aus dem Landkreis nutzt auch ein Krankenhaus im Landkreis, stellt die Krankenhaus-Beratungsgesellschaft Lohfert&Lohfert in ihrem Gutachten für den Landkreis Diepholz fest.

Denn von den 45500 Patienten aus dem Landkreis Diepholz ließ sich 2014 nur dieser besagte Teil in den drei somatischen Alexianer-Kliniken im Landkreis Diepholz behandeln – also in Bassum, Sulingen und Diepholz. Eine freie Entscheidung der Bürger? Oder zwingend fachlich begründet?

Auf Anfrage dieser Zeitung nannte Klinikverbund-Geschäftsführer Thomas Pilz zwei entscheidende Zahlen: 14386 Fälle waren 2007 in den drei Häusern behandelt worden, im vergangenen Jahr 17904.

Will heißen: Die Zahl der Menschen, die sich einmal oder wiederholt stationär in einer somatischen Klinik im Landkreis Diepholz versorgen ließen, ist deutlich gestiegen. Denn die Fallzahlen aus der 2012 geschlossenen Geburtshilfeabteilung in Bassum sind in diesem Vergleich nicht berücksichtigt.

Etwa 1500 werdende Mütter aus dem Landkreis Diepholz (berechnet nach der bundesweiten Geburtenrate) müssen zwangsläufig ein Krankenhaus außerhalb der Kreisgrenzen wählen. Weil bei Komplikationen mehrere Behandlungen notwendig sind, geht eine Schätzung von 2000 Fallzahlen aus, die Kliniken außerhalb des Landkreises Diepholz – insbesondere in Vechta und Bremen – zugute kommen. Wahrscheinlich sind es deutlich mehr. Denn wieviele Kinder (zum Beispiel nach einem Sturz) wegen der fehlenden Kinderheilkunde im Landkreis Diepholz nicht versorgt werden können, darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen.

Berechnet nach bundesweiten Werten sind außerdem 3600 Patienten mit Nervenleiden (Multiple Sklerose, Schlaganfall) auf Kliniken außerhalb der Kreisgrenzen angewiesen – genauso etwa 1900 Patienten im HNO-Bereich (bei Mandel- oder Nasenscheidewand-Operationen zum Beispiel). Hinzu kommen Menschen, die nach einer Krebserkrankung eine Strahlentherapie brauchen. Etwa 200 Frauen im Landkreis Diepholz (berechnet nach bundesweiten Zahlen) benötigen nach Brustkrebs diese Hilfe. Nach Angaben des Klinikverbunds erhalten rund 100 an Prostata-Krebs erkrankte Männer, Patienten der Urologie in Diepholz, ihre Strahlentherapie im Klinikum Vechta – begleitet von Diepholzer Urologen.

Schätzungsweise 450 Patienten mit Hauterkrankungen müssen den Landkreis Diepholz ebenfalls zur Behandlung verlassen. Kieferorthopädie, Lungenheilkunde oder Organtransplantationen dürfen die Alexianer-Kliniken im Landkreis ebenso wenig anbieten.

Unter dem Strich ist davon auszugehen, dass insgesamt 9000 Patienten zwangsläufig eine Klinik außerhalb der Landkreisgrenzen wählen müssen. Möglicherweise noch mehr. Nicht wenige tun das jedoch freiwillig. Denn ein wichtiges Kriterium für die Klinik-Wahl ist die Entfernung. Auch wenn die größte somatische Alexianer-Klinik Bassum im einwohnerstarken Nordkreis liegt: Die Bürger der größten Kommunen im Landkreis (die Gemeinden Stuhr und Weyhe mit insgesamt 63000 Einwohnern) leben deutlich näher am Bremer Krankenhaus Links der Weser.

Ein Beispiel: Von Stuhr-Seckenhausen aus fahren Patienten laut Google-maps 8,4 Kilometer in diese Bremer Klinik, aber 17,8 Kilometer in die Alexianer-Klinik Bassum. Von Kirchweyhe aus sind es 10,9 Kilometer in die Klinik Links der Weser, aber 21,5 Kilometer bis zum Bassumer Krankenhaus.

Die Bassumer Klinik verfügt – anders als die Krankenhäuser Diepholz und Sulingen – bisher nicht über eine Unfallchirurgie. Würde sich ein Fußballspieler bei einem Spiel in Seckenhausen den Knöchel brechen, wäre die nächste für ihn zuständige Alexianer-Klinik das Sulinger Krankenhaus: Knapp 40 Kilometer und damit vier mal so weit entfernt wie das Bremer Krankenhaus Links der Weser.

Fakten, die der Kreistag bei seiner Beschlussfindung am kommenden Montag berücksichtigen muss. Wenn es denn dazu kommt: Kreistagsabgeordnete aus Diepholz haben gestern den Antrag gestellt, diese Entscheidung zu vertagen – ob das mehrheitsfähig ist, wird sich in der Sitzung zeigen. Sie beginnt um 15.30 Uhr im Neubruchhauser Hotel „Zur Post“.

Lesen Sie auch: Unterschriften für Erhalt der Klinik Diepholz Was Krankenhäuser für ihre Leistungen erhalten Die Niedersächsische Krankenhaus-Gesellschaft (NKG) schlägt Alarm: Zwei Drittel der Krankenhäuser im Land schreiben rote Zahlen – darunter auch die Alexianer-Kliniken im Landkreis Diepholz. Wie werden die Leistungen an den Krankenhäusern vergütet? Der Schlüssel ist der so genannte Landes-Basis-Fallwert (LBF). Dieser Bewertungsmaßstab für die Leistungen der Kliniken ist zwar in allen Bundesländern gleich, aber die Höhe der real gezahlten Vergütungen ist unterschiedlich. Der Grund: Um den LBF zu bilden, waren einst die Ausgaben der Krankenkassen für die Krankenhäuser aufaddiert und durch die Zahl der Leistungen geteilt worden – Bundesland für Bundesland. Die Finanzierung nach Basis-Fall-Werten ist seit 2004 Gesetz und das Zahlungskriterium der so genannte Case-Mix (CM), ein Bewertungssystem nach Punkten, abhängig vom Schweregrad der Behandlung. Eine Vergleichsrechnung zeigt, was das für die Alexianer-Kliniken im Landkreis bedeutet: Weil der niedersächsische LBF 3 117,36 Euro beträgt, liegt das Budget der Alexianer bei 52,94 Millionen Euro. Ihrer Leistungen umfassen 16 981 CM-Punkte. Bei gleicher Punktzahl würde ihr Budget in Bremen jedoch 1,15 Millionen Euro mehr betragen, weil der LBF dort höher ist (3 185 Euro). In Rheinland-Pfalz hätten die Alexianer sogar 3,5 Millionen Euro mehr für ihre Leistungen bekommen (LBF 3 325 Euro). Fallbeispiele: Blinddarm-OP:  2 088,63 Euro erhalten die Alexianer im Landkreis Diepholz dafür, Kliniken in Bremen aber 2 133,95 Euro (45,32 Euro mehr), Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz 2 227,75 Euro (139,12 Euro mehr). Hüft-OP: 9 557,83 Euro für die Alexianer im Landkreis Diepholz, 9 765,21 Euro für Kliniken in Bremen (207,38 Euro mehr) und 10 194,45 Euro für Kliniken in Rheinland-Pfalz (636,62 Euro mehr). Knieprothese:  10 505,50 Euro in Niedersachsen, 10 733,45 Euro in Bremen (227,95 Euro mehr) oder 11 205,25 Euro in Rheinland-Pfalz (699,75 Euro mehr). Herzschrittmacher: 14 844,87 Euro für die Alexianer, 15 166,97 für Kliniken in Bremen (322,10 Euro mehr) und 15 833,65 Euro für Kliniken in Rheinland-Pfalz (988,78 Euro mehr).

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