Benefizkonzert für Blindenselbsthilfe

Star-Pianist Joja Wendt spielt Musik mit unendlichen Weiten

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Vom Flügel auf der Bühne ins Publikum: Star-Pianist Joja Wendt (rechts) hatte Gläser mit Wasser gefüllt. Das ergibt bekanntlich unterschiedliche Töne beim Anschlag. Edda und Heinrich aus Sulingen wurden zum ergänzenden Orchester mit den Wasserglasinstrumenten.

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. Er ist der Meister am Klavier in Sachen Jazz, Boogie Woogie und Blues, wurde von Joe Cocker entdeckt und ist heute einer der ganz großen in der Musikszene. Am Donnerstagabend war Joja Wendt im Diepholzer Theater. Der Hamburger gab dort ein von der Mediengruppe Kreiszeitung präsentiertes Benefizkonzert zugunsten des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Niedersachsen und begeisterte 541 Besucher im ausverkauften Haus.

Joja Wendt sitzt nicht still am Flügel. Er verrenkt sich zu Blues und Jazz, vernetzt sich per Skype-Internetverbindung auf der großen Videoleinwand live mit dem Berlin Jazz Orchestra und dessen Leiter Jiggs Whigham und bringt seinen Flügel zum Qualmen.

Stehende Ovationen gab es schon vor dem offiziellen Ende, Szenenapplaus und vollständige Zufriedenheit stellten sich sehr schnell bei den Zuhörern ein.

Dabei spielte der 53-Jährige ohne Gage. Eineinhalb Jahre hatte Andrea Wöbse aus Rehden, die sich für den Blinden- und Sehbehindertenverband engagiert, über Wendts Agentur versucht, den Künstler nach Diepholz zu holen. Sie war letztlich nach Hamburg gefahren, um ihn persönlich einzuladen. „Das hätten Sie gar nicht tun müssen, ich wäre sowieso gekommen“, sagte Joja Wendt und nahm Andrea Wöbse nach der dritten Zugabe in den Arm.

Ausschlag für den Auftritt war die Idee, Joja Wendts Kulturstiftung „Kulturbüdel“ (kultureller Klingelbeutel) zu kontakten, die jedes Jahr ein Benefizkonzert zugunsten sozialer Projekte veranstaltet. Glücklich fügte sich, dass Andrea Wöbse in Ulrich Walter, Chef des Diepholzer Bio-Unternehmens Lebensbaum, einen großzügigen Förderer fand. „Heute Abend gibt es drei Gewinner“, konstatierte Ulrich Walter: „Sie als Publikum, die Blinden- und Sehbehindertenhilfe und die Stiftung von Joja Wendt.“

Neues Programm „Die Kunst des Unmöglichen“

Wendts neues Programm, mit dem er schon 2100 Besucher der Hamburger Elbphilharmonie begeisterte, heißt „Die Kunst des Unmöglichen“ und spiegelt die Spielvision des Pianisten. Sein Traum, mit Musik bis in den Weltraum vorzudringen, wird lebendig.

„Der Weltraum. Unendliche Welten“, ertönt es und der Flügel auf der Bühne wird zum Raumschiff wie in Star Trek auf der Kinoleinwand.

Damit das Publikum den Pianisten bei seinen „Fingerübungen“ zuschauen kann, ist die Klaviatur samt Händen von Wendt auf einer Leinwand zu sehen.

Mit der „Morgenstimmung“ von Edvard Grieg und der „Revolutionsetüde“ von Frédéric Chopin spielt er sich warm, erklärt nebenbei humoristisch die sogenannte „Rachmaninow-Leiste“ („Der hatte gar nicht so große Hände.“) und rollerte mit der „Chopin-Rolle“ die Tasten rauf und runter. „Die habe ich in Paris auf dem Flohmarkt gefunden, Original-Nachlass“, witzelte Joja Wendt als brillanter Entertainer: „Und nächstes Mal erkläre ich Ihnen die Mozart-Kugel.“ Er ist sich sicher: „Keine Bühne der Welt spielt den ,Tiger Rag' als drittes Stück. Das ist eine Uraufführung.“ Mit dem Wirbel ist Komponist Scott Joplin präsent.

„Ich wähne mich hier bei einer intellektuellen Elite“

Immer wieder fragt er schelmisch – wie sein offenes Lachen – sein Publikum zu Komponist oder Titel ab: „Ich wähne mich hier bei einer intellektuellen Elite in Diepholz“, lautet sein Lob, denn die Antworten kommen prompt und richtig.

Wendt ist experimenteller Musiker: „Ich las ein Buch über das Universum und wollte Töne als Botschaften hinaussenden, in der Hoffnung, dass mir jemand antwortet.“

Der Flügel antwortet mit Resonanz über Saiten und Körper. Ein schwereloser Genusszustand entsteht. Welche Macht die Musik auf ihn selbst hat, demonstriert Joja Wendt als Multi-Musiker, wenn er Onkel, Großvater, Schwester mit Instrumenten imitiert und selbst immer am Klavier bleibt. Die Saiten werden zum Banjo, die Bässe zum Kontrabass, der Fuß zum Schlagzeug. Alles wird zum Einmann-Orchester.

Doch sein Einfallsreichtum reißt nicht ab, der Kosmopolit beherrscht die Kunst des Steigerns. Den Beatles-Titel „Lady Madonna“ spielt er gemeinsam via Skype mit der zugeschalteten Jazz-Combo, erläutert, wie er zu „Asturias“ des Spaniers Isaac Albeniz die Rockfans in Wacken rockte. Er schwärmt von seiner Zeit in der Musikkneipe „Sperl“, wo er Größen wie Inga Rumpf, Udo Lindenberg, Otto Waalkes und Joe Cocker traf. „Hey Leute, der nahm mich mit auf Tournee“, sagt er über Joe Cocker: „Das war eine großartige Zeit“.

„Macht mir doch den Chor“ lautet seine Aufforderung in Diepholz zu Muddy Waters „I ´ve Got My Mojo Working“ in Call-and-Response-Manier. Seine Version des „Flight Of The Bumblebee“, „Flug von de Plüsch-Mors“ oder dem „Hummelflug“ von Nicolai Rimski-Korsakow bringt den Flügel zum Qualmen.

Mit dem Eskimo-Schlaflied „Tschuktscha“ – gespielt, als hätte er die Fausthandschuhe noch an – und einem virtuosen Rausschmeißer-Express-Blues verabschiedet sich Joja Wendt bei Andrea Wöbse: „Lass Dich drücken, war toll hier“.

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