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Gewalt gegen Tiere: Veterinäramt soll Verstärkung bekommen

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Von: Anke Seidel

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Im engen Dialog: Erster Kreisrat Jens-Hermann Kleine (rechts) und Veterinäramtsleiter Dr.Karljosef Graf erörtern Fragen des Tierschutzes. Das Veterinäramt soll personell verstärkt werden.
Im engen Dialog: Erster Kreisrat Jens-Hermann Kleine (rechts) und Veterinäramtsleiter Dr.Karljosef Graf erörtern Fragen des Tierschutzes. Das Veterinäramt soll personell verstärkt werden. © Anke Seidel

236 Anzeigen sind im Landkreis Diepholz 2022 wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz eingegangen. Das Amt soll nun Verstärkung bekommen.

Landkreis  Diepholz – Tierquälerei in aller Öffentlichkeit: Auf einem Parkplatz verprügelt ein Mann seinen Hund. Zeugen zögern nicht und informieren sofort das Veterinäramt. Dessen Mitarbeiter bringen das Tier in Sicherheit. Dauerhaft. Dieser Fall steht exemplarisch für Tierleid im Landkreis Diepholz. 236 Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz sind im vergangenen Jahr bei der Behörde eingegangen.

Veterinäramt im Landkreis Diepholz arbeitet derzeit unter Sollstärke: Tierärzte haben den Landkreis verlassen

Nun bekommt das Veterinäramt Verstärkung. Eine zusätzliche tierärztliche Kraft soll das Team Tierschutz verstärken. Real besetzt der Landkreis aber sogar drei Tierarzt-Stellen, weil im Veterinäramt zurzeit Vakanzen herrschen. „Uns haben in den vergangenen Wochen Tierärzte verlassen, weil sie wohnortnah Stellen gefunden haben“ so der Erste Kreisrat Jens-Hermann Kleine. Ein anderer wolle sich weiter qualifizieren: „Das ist gut so!“

Jens-Hermann Kleine hofft auf die Zusage der neuen favorisierten Bewerber: So schnell die möglich soll die Sollstärke von 6,5 Tierarzt- und vier Sachbearbeiterstellen im Team Tierschutz wieder hergestellt werden. Denn der Aufgabenbereich ist spürbar gewachsen – nicht nur durch steigende Tierschutzfallzahlen vor allem im privaten Bereich, sondern ebenso durch bundes- und landespolitische Vorgaben.

Wie Tierleid verhindern? 

Im Strafgesetzbesuch gelten Tiere noch immer als Sache. Was würde Tierleid wirksam verhindern? Auf diese Frage antwortet Erster Kreisrat Jens-Hermann Kleine: „Weg vom Tier als Sache, das man wie ein Spielzeug kauft, hin zu
dem Bewusstsein, dass ein Tier ein Mitgeschöpf ist, das Zuwendung und Zeit braucht, Geld kostet und einen auf Jahre begleitet.“ Wenn dieses Bewusstsein sich durchsetze, so der Erste Kreisrat voller Überzeugung, „dann wird es auch weniger Tierleid geben“. Dazu gehöre genauso, ergänzt Veterinäramtsleiter Dr. Karljosef Graf, „dass sich die Haltung an den Bedürfnissen des Tieres orientiert“. Und nicht umgekehrt.

Zuständig ist das Team auch für das Tierarzneimittelgesetz, die Antibiotika-Minimierung sowie das niedersächsische Hundegesetz und die Einstufung gefährlicher Hunde (Gefahrtierverordnung) oder Beißvorfälle – Aufgaben, die in anderen Kreisen die Ordnungsämter übernehmen.

Die Zuordnung im Landkreis Diepholz hat Vorteile – dann, wenn hinter einer Beißattacke ein Tierschutzfall steckt und das Veterinäramt ohne Zeitverlust handeln kann. Nach Dringlichkeit kategorisieren die Mitarbeiter ihre Einsätze, um großes Tierleid sofort zu beenden. „Aber jede Anzeige wird natürlich bearbeitet“, betont Veterinäramtsleiter Dr. Karljosef Graf. Handele es sich um offensichtlich nicht dringende Fälle, „kann schon mal ein halbes Jahr vergehen“.

In der gewerblichen Tierhaltung und Landwirtschaft gibt es die wenigsten Fälle

Die wenigsten Fälle gebe es in der gewerblichen Tierhaltung und der Landwirtschaft, so Dr. Graf. Diese Halter hätten schon aus ökonomischen Gründen ein Interesse daran, dass es ihren Tieren gut gehe.

Zum Alltag im Veterinäramt gehören oft lange Gespräche mit Bürgern, die – emotional noch immer betroffen – nach den Folgen und Ergebnissen ihrer Tierschutz-Anzeige fragen. „Viele wissen nicht, dass wir dem Datenschutz unterliegen und der Anzeigende kein Auskunftsrecht hat“, betont der Veterinäramtsleiter.

Nicht nur um Hunde und Katzen, sondern auch Kanarienvögel, Pferde oder Frettchen muss sich das Veterinäramt kümmern. Und mehr: „Die hohen Energiepreise führen dazu, dass Reptilien aus Terrarienhaltung ausgesetzt werden“, so Dr. Karljosef Graf. Auch um eine Riesenspinne habe sich das Veterinäramt kümmern müssen.

Auf das praktische Ende eines Tierschutzfalls folgt viel zu oft ein langer Rattenschwanz aus Bürokratie und Gerichtsverfahren. Der Erste Kreisrat verweist auf eine Tierschutz-Kontrolle, aus der allein fünf Gerichtsverfahren entstanden seien: „Es gibt Einzelfälle, die den Landkreis über Jahre intensiv beschäftigen.“ Dr. Graf spricht von einer „Gerichtskaskade“.

Gewalt nach emotionaler und persönlicher Ausnahmesituationen ‒ eine Erklärung, aber keine Entschuldigung

Gerade dann, wenn unbefristete Tierhaltungs- und -betreuungsverbote ausgesprochen werden: Noch vor wenigen Jahren sei das Veterinäramt über solche Fälle vom Land informiert worden – auch aus anderen Bundesländern. Doch das sei aus Datenschutzgründen eingestellt worden, bedauert der Veterinäramtsleiter. Wenn die Bundespolitik jetzt eine bundesweite Datenbank dafür schaffen wolle, begrüßt er das: „Ich halte das für sehr wichtig!“ So könne das Veterinäramt erfahren, wenn ein davon Betroffener in den Landkreis Diepholz gezogen sei.

Auch wenn das die Arbeit der behördlichen Tierschützer im Landkreis erleichtern kann: In manchen Fällen ist nicht klar, wer der wahre Halter ist. „Wenn in einem Fall mindestens drei Beteiligte als Halter in Betracht kommen, müssen drei Verfahren angestrengt werden“, erläutert der Erste Kreisrat komplexe juristische Folgen. Ausgeschlossen sei nicht, dass Menschen mit einem Haltungsverbot unter Strohmann-Konstruktionen wieder an Tiere kämen.

Kleine weiß aber auch: Hinter dem Tierleid würden oft menschliche Kontrollverluste, emotionale und persönliche Ausnahmesituationen sowie psychische Erkankungen stehen: „Das erklärt es, das entschuldigt es aber nicht!“

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