Bauern in extremer seelischer Not

Bis zum Freitod: Billigpreise, Anfeindungen und neue Gesetze fordern Tribut

Von der Schweinemast leben zahlreiche Landwirte im Landkreis Diepholz. In der Corona-Krise mussten sie Tiefstpreise ertragen.
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Von der Schweinemast leben zahlreiche Landwirte im Landkreis Diepholz. In der Corona-Krise mussten sie Tiefstpreise ertragen.

Die seelische Not der Landwirte ist noch immer ein Tabu-Thema. Aber bittere Realität in einer Zeit, in der Bauern mit Billigpreisen leben müssen, Anfeindungen für ihre Arbeit ernten und wegen immer neuer Gesetze immer weitere Investitionen tätigen müssen. Der Druck fordert seinen Tribut – bis hin zum Selbstmord.

  • Zahl depressiver Erkrankungen in der Landwirtschaft steigt.
  • Billipreise, Anfeindungen und neue Gesetze setzen den Bauern zu.
  • Für Landwirte ergeben sich Perspektiven durch Beratung.

Landkreis Diepholz – In Frankreich ist das längst bittere Realität: Alle zwei Tage nimmt sich ein Landwirt das Leben, belegt eine Untersuchung der staatlichen französischen Gesundheitsbehörde. In Deutschland gibt es solche Statistiken noch nicht. Aber: „Gefühlt wird es mehr“, meint Anne Dirksen. Als Leiterin des Arbeitsbereichs Familie und Betrieb, Sozioökonomische Beratung, bei der Landwirtschaftskammer ist sie tagtäglich mit der seelischen Not der Landwirte konfrontiert.

Sie weiß, dass die Zahl der depressiven Erkrankungen spürbar angestiegen ist: „Das belegen Zahlen der Krankenkassen.“ Außerdem leiden Bauern häufiger unter Burnout: „Das ist in der Landwirtschaft angekommen. Definitiv. Landesweit arbeitet Dirksen mit insgesamt 14 Beratern mit Menschen, die unter großem Druck eine Perspektive für sich und ihr Leben finden müssen. Die sozioökonomische Beratung ist für die meisten dieser Fachkräfte ein Teilbereich ihrer Arbeit, aber sie sind regional verankert: Kurze Wege bedeuten schnelle Hilfe.

Bauern in Not: Wenn die Preise sinken, nimmt die Nachfrage nach seelischer Beratung zu

Anne Dirksen arbeitet seit 1986 in diesem Bereich – und weiß aus Erfahrung: Wenn die Preise sinken und damit das landwirtschaftliche Einkommen, nimmt die Nachfrage nach Beratung zu. Aktuell liegt der Preis für Schlachtschweine bei 1,50 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Ein Ferkel für die Mast kostet 51 Euro – und damit ein Fünftel vom Preis in China. Ursache ist eine extreme Knappheit am chinesischen Ferkelmarkt. Die wiederum resultiert aus der Angst vor der Afrikanischen Schweinepest (ASP): Schon im September hatte China den Import aus Ländern verboten, die von der ASP betroffen oder bedroht waren. Wegen der coronabedingt stark eingeschränkten Kapazitäten der Schlachthöfe stauten sich noch vor fünf Monaten die Mastschweine in den Ställen. Ferkelerzeuger erlebten eine nie gekannte Krise. Nur 22 Euro bekamen sie für ein 50 Pfund schweres Tier.

Etwa 2 000 Verordnungen müssen Schweinebauern, die auch Ackerbau betreiben, einhalten. Das hat die Zeitschrift Wirtschaftswoche errechnet – Bauernalltag 2021. Geprägt ist der aber auch von Anfeindungen. Anne Dirksen kennt das: „Es stimmt mich sehr nachdenklich, dass junge Landwirte sich nicht mehr trauen, Gülle zu fahren, weil sie mit dem Fass durchs Dorf müssen.“ Dabei sei Kritik daran völlig ungerechtfertigt: „Gülle fahren ist ja nicht verboten.“ Doch Vorwürfe gehen vielen Landwirten unter die Haut: „Sie zweifeln nicht nur an dem, was sie tun, sondern auch an sich selbst.“ Die Dynamik der gesellschaftlichen Kritik beschreibt sie so: „Das ist wie beim Bundesliga-Fußball. Da will jeder mitreden.“

Aus Selbstzweifel kann Verzweiflung werden

Aber aus Selbstzweifeln kann schnell Verzweiflung werden, wenn das Einkommen nicht mehr zur Finanzierung des Produktionsaufwands reicht. Anne Dirksen weiß, welche Fragen die Betroffenen quälen: „Wie sichere ich meine Liquidität? Wie lange mache ich noch? Welche Alternativen habe ich?“

Schon vor vier Jahren stellte Kreislandwirt Wilken Hartje fest: „Früher gab es in einem Dorf noch zwischen 10 und 15 Bauern. Heute gibt es in manchen nur noch einen – und der wirtschaftet im Nebenerwerb.“ Gab es 2011 noch 2356 Landwirte im Landkreis Diepholz, so waren es zum Jahresende 2016 nur noch 2202. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche war dagegen nur marginal geschmolzen – von 131 689 auf 129 519 Hektar. Anders gesagt: Es gibt immer weniger, dafür aber immer größere Betriebe.

Dirksen weiß: „Der Druck in den Familien nimmt zu.“ Immer wieder wird sie in ihrer Arbeit mit Generationenkonflikten konfrontiert: „Häufig haben Vater und Sohn unterschiedliche Vorstellungen von der Ausrichtung des Betriebs.“ Soll in mehr Tierwohl investiert, lieber Abschied von der Schweinehaltung genommen oder eine ganz andere Richtung eingeschlagen werden? Auf einen Nenner zu kommen, ist oft schwierig. „Dabei ist es für familiengeführte Unternehmen ja sehr wichtig, dass alle dahinter stehen“, gibt die Beraterin zu bedenken.

Ackerbau ist ein Pfeiler der Landwirtschaft.

Mit ihrem Team hilft sie Familien, eine neue Perspektive zu finden. „Der erste Anstoß muss aber von den Familien selbst kommen“, betont Anne Dirksen, die nach eigenen Angaben etwa zehn Anfragen pro Tag erhält. „Manchmal läuft es auch über das Sorgentelefon“, fügt sie hinzu. Drei solche Anlaufstellen gibt es in Niedersachsen, in denen geschulte Ehrenamtliche wirken. Für Dirksen ist das Sorgentelefon Teil ihres Amts.

Viele Landwirte warten zu lange, bis sie sich bei psychischer Belastung Hilfe suchen

Sie ist fest überzeugt: „Es gibt Initiativen für den Umweltschutz, und es gibt die Initiative Tierwohl, aber es müsste auch eine Initiative Bauernwohl geben!“ Vor allem aber müssten sich Betroffene schneller Unterstützung suchen, sich besser um ihr eigenes Wohl kümmern: „Wenn es um Probleme im Pflanzenbau oder bei Tieren geht, wird schnell Hilfe geholt“, weiß Anne Dirksen, aber für die Landwirte selbst gelte das nicht: „Viele warten viel zu lange.“ Dabei gebe es fast immer eine Lösung: „Je früher man sich Hilfe holt, umso schneller.“

Ganz bewusst wählt sie einen eindrucksvollen Vergleich: „Auf einem schwankenden Schiff fällt nur der um, der sich nicht bewegt.“ Haben sich Betroffene bewegt und eine Beratung vereinbart, geht eine Fachkraft gemeinsam mit der Familie „auf Schatzsuche“, wie es Dirksen formuliert. Gemeinsam wird zunächst die Ist-Situation analysiert. „Wir geben keine Ratschläge“, betont die Beraterin. „Wir schauen: Was können die Leute gut?“ Denn in der Regel sei die Familie selbst „Expertin ihrer Lösungen“.

Neue Perspektiven für Bauern durch Beratung

Wie gut das funktionieren kann, beweist sie mit dem Fall eines 50-jährigen Landwirts: „Er hatte keine Lust mehr auf die Bürokratie und wollte sich von Nachbarn auch nicht mehr beschimpfen lassen. Deshalb wollte er den Betrieb zurückfahren und sich etwas anderes suchen.“ Auch der Sohn sah das so. Als Anne Dirksen die Mutter nach ihrer Meinung fragte, war sie überrascht: „Sie hatte im Kopf ein fertiges Konzept für den Hof!“ Das sah vor, Angebote für Kinder und Jugendliche zu schaffen, mit Gästen zu kochen und Landwirtschaft für sie erlebbar zu machen. „Das macht sie auch erfolgreich. Die Gebäude auf dem Hof werden genutzt, und alle sind glücklich“. Die Ideen seien schon immer in dieser Bäuerin vorhanden gewesen, „es fehlte nur jemand, der sie fragte“.

Die Botschaft: Es gibt Möglichkeiten abseits der klassischen landwirtschaftlichen Arbeitsfelder. „Ich glaube, Landwirtschaft wird bunter“, sagt Anne Dirksen – und begleitet mit ihrem Team gern weitere Landwirtsfamilien, die auf der Suche nach einer neuen Perspektive sind.

Kontakt: Beratung in den Landkreisen Diepholz und Nienburg: Iris Flentje (05021 / 97 40 141)

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