Praxistest deckt einige Hürden auf 

Barrierefrei durch Diepholz – oftmals nicht so einfach

Die Tour startet in einer Diepholzer Gaststätte.

Diepholz - Wie gut ist die Diepholzer Innenstadt aufgestellt, wenn es um Barrierefreiheit geht? Wie gut kommen Menschen, die auf Rollatoren oder Rollstühle angewiesen sind, in der Stadt zurecht?

Ljiljana Zeisler und Ingo Estermann, Mitglieder der SPD-Stadtratsfraktion, machten einen Praxistest. Ernüchtert stellten sie danach fest: „Dieses kleine Experiment hat uns deutlich vor Augen geführt, wie schlecht Diepholz in diesem Bereich aufgestellt ist.“ Auszüge aus ihrem Bericht, den sie an unsere Redaktion schickten:

„Die Testperson ist Kalle. Karl-Johann Moll sitzt seit etwa zwölf Jahren im Rollstuhl nach einem Schlaganfall. Da dadurch seine Hände stark motorisch eingeschränkt sind, sitzt er in einem elektronischen Rollstuhl. Durch den E-Rolli fällt ihm das Wenden etwas leichter als Personen, die in einem konventionellen Rollstuhl sitzen. Nach Gesprächen mit Kalle ist uns eines sehr schnell bewusst geworden, der größte Wunsch bei all dem Übel ist, einfach nur möglichst selbstständig sein Leben meistern zu können. Kalle hat das ,Glück‘, noch einige Meter unter größter Anstrengung laufen zu können; das macht es ihm möglich, einige Sachen zu tun, von denen andere Rolli-Fahrer aber gänzlich ausgeschlossen sind – in unserer Stadt!“

Die Tour der drei Tester startet in einer Gaststätte in der Diepholzer Innenstadt. „Die Nutzbarkeit für Rollstuhlfahrer ist gegeben, allerdings ist es sehr eng und für Menschen ohne E-Rolli kaum möglich, sich dort allein zu bewegen.

Die Tour startet in einer Diepholzer Gaststätte.

Danach geht es Shoppen in ein benachbartes Geschäft. Okay ist dort, dass ein Fahrstuhl vorhanden ist. Allerdings ist es sehr beschwerlich diesen überhaupt zu erreichen, da alles so vollgestellt ist, dass man mit einem Rollstuhl echte Probleme hat, da überhaupt hinzukommen.“

Weiter geht die Testfahrt, „und Kalle zeigt uns ein für Rollstuhlfahrer sehr großes Problem, nämlich die Türen der Geschäfte. Die meisten Geschäfte haben Türen, die alleine für einen Rollstuhlfahrer kaum zu öffnen sind.“ Mehrfach scheitern sie an Stufen.

„Jetzt wollen wir öffentliche Toiletten testen, die auch Rollstuhlfahrer nutzen können. Die an der St. Nicolai-Kirche ist tatsächlich offen und durch den elektronischen Türöffner sogar ohne Probleme zu befahren, aber da hört es leider mit problemlos auch schon auf, denn die Tür der Toilette selbst ist das Problem. Ohne unsere Hilfe hätte Kalle diese Tür kaum aufbekommen. Gut gemeinte Sache, die leider nicht richtig durchdacht wurde“, so Estermann und Zeisler.

Bei einem Café ist es für Kalle wegen der sehr schweren Eingangstür nur schwer möglich, die Räume ohne gänzlich fremde Hilfe zu betreten. „Der Toilettengang wäre dort für Rollstuhlfahrer und Menschen mit motorischen Behinderungen überhaupt nicht möglich, da sich dieser Bereich im Keller befindet.

Weiter geht es zum Rathaus, um zu sehen, ob es dort öffentliche behindertengerechte Toiletten gibt. Nein, sie gab es nicht. Sie sind tatsächlich nur im Rathaus zu den Geschäftszeiten des Rathauses zu nutzen. Ein öffentliches Gebäude – das ist echt traurig!“, schreiben die beiden Ratsmitglieder.

So manches Mal landete Karl-Johann Moll er vor Stufen oder auch vor schweren oder engen Türen.

Ein erster Anlauf für ein Mittagessen in einem Restaurant scheitert, „Leider ließ sich die Tür auch nicht ohne Hilfe für Kalle öffnen.“

In einem zweiten Restaurant haben die Tester Glück und bekommen einen Platz. „Auch dort ist das Problem mit der Tür vorhanden – und die Toiletten sind nicht ebenerdig zu erreichen. Nun lassen wir das Experiment gemütlich ausklingen. Danke Kalle!“

Ljiljana Zeisler und Ingo Estermann hat das Experiment klar gemacht: „Jedem von uns sollte bewusst werden, wie schnell man ein selbstbestimmtes Leben verlieren kann, aber Kalle hat uns bewiesen: auch damit kann man umgehen. Aber egal, ob durch Krankheit, Unfall, angeborene Behinderung sollte doch jeder Mensch einfach an den normalen Dingen des Lebens teilhaben können, ohne immer fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen.“

Und auch für die politische Diskussion sehen die beiden Ratsmitglieder Nachholbedarf: „Viel zu lange hat Diepholz das Thema Inklusion nicht genug beachtet. Daher fordern und beantragen wir Mittel zur Förderung von Umbauten für Geschäfte, Restaurants, Kino etc.“

Außerdem könne jeder persönlich dazu beitragen, dass es für Menschen im Rollstuhl oder mit Rollatoren einfacher wird. „Da heißt das Zauberwort Rücksichtnahme. Einfach mal dran denken, ob ein Rollifahrer vorbeikommt, wenn die Mülltonnen draußen stehen. Parke ich gar auf einem Behindertenparkplatz oder vor einer Bordsteinabsenkung?“

Die Namen von Geschäften haben wir aus dem Bericht herausgenommen, da es hier nicht darum gehen soll, irgendjemanden anzuprangern. Vielmehr geht es darum, den Blickwinkel zu ändern und mehr Nachdenken und mehr Rücksicht zu bewirken. In einer ersten Reaktion hat die Kirchengemeinde St. Nicolai bereits angekündigt, die Anregungen aufzunehmen (Die Redaktion).

 sr

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Sieg gegen Real: Atlético Madrid holt UEFA-Supercup

Sieg gegen Real: Atlético Madrid holt UEFA-Supercup

Weiter Vermisste unter Trümmern in Genua

Weiter Vermisste unter Trümmern in Genua

Mia san wieder weg: Abschiede vom FC Bayern nach einem Jahr

Mia san wieder weg: Abschiede vom FC Bayern nach einem Jahr

Ford Focus im Test: Aller guten Dinge sind vier

Ford Focus im Test: Aller guten Dinge sind vier

Meistgelesene Artikel

Großbrand auf Bauernhof in Sulingen: Eine 60-Jährige verletzt

Großbrand auf Bauernhof in Sulingen: Eine 60-Jährige verletzt

Im Angesicht von Wespen: Bloß nicht pusten!

Im Angesicht von Wespen: Bloß nicht pusten!

„Großes Bahnhofsfest“: Spaß für Leute jeden Alters

„Großes Bahnhofsfest“: Spaß für Leute jeden Alters

57-Jähriger stirbt bei Frontal-Crash auf Dreyer Südumgehung

57-Jähriger stirbt bei Frontal-Crash auf Dreyer Südumgehung

Kommentare