Corona hat Kita-Alltag extrem verändert – neue Aufgaben für Erzieherinnen

Ausnahmezustand ist Normalität

Kreative Botschaft an einer Kita in Bruchhausen-Vilsen: „Alles wird gut. Wir vermissen Euch“
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Kreative Botschaft an einer Kita in Bruchhausen-Vilsen: „Alles wird gut. Wir vermissen Euch“

Landkreis Diepholz – Der Ausnahmezustand ist Normalität geworden in den Kindertagesstätten der Kirchenkreise Grafschaft Diepholz und Syke-Hoya. Corona hat die 433 Mitarbeiterinnen in 27  Einrichtungen mit 1 782  Kindern sowie deren Eltern in eine neue Realität katapultiert. Genau die hat viele Schattenseiten. Darin ist sich Birgit Greve als pädagogische Leiterin der Kindertagesstätten in den beiden Kirchenkreisen mit den Einrichtungsleiterinnen einig – aber genauso, dass in der Pandemie neue Strukturen und Arbeitsmöglichkeiten entstanden sind, die niemand mehr missen möchte, weil sie die Arbeit mit den Kindern nachhaltig intensivieren und ihrer Förderungen zu Gute kommen.

Ausgerechnet die Notbetreuung steht dafür Pate. Denn in der Pandemie dürfen die Erzieherinnen höchstens die Hälfte ihrer Schützlinge betreuen – und haben deutlich mehr Zeit für die Jungen und Mädchen in der Kita. Auch wenn die Kleinen die anderen Kinder in ihrem gewohnten Alltag vermissen, so profitieren sie doch von den kleineren Gruppen.

„Wir wünschen uns, dass die kleineren Gruppen auch in der Zukunft bleiben“, sagt Elke Redenius-Rehling als Leiterin des Bassumer Rentei-Kindergartens – und erinnert daran, dass Erzieherinnen dafür nicht nur einmal auf die Straße gegangen waren. Seit den 1990er-Jahren seien die Vorgaben für die Gruppenstärken in Kindergärten nicht verändert worden – obwohl Aufgaben und Anforderungen seitdem deutlich gestiegen seien.

Aktuell sind es die zentralen Vorgaben zum Corona-Schutz, mit denen die Kita-Leiterinnen nicht selten zu kämpfen haben. „Sie sind teilweise sehr schwammig“, stellt Birgit Greve fest. Was nicht eindeutig formuliert und geregelt ist, muss vor Ort in Eigenverantwortung entschieden werden – kein schönes Gefühl für die Leiterinnen. „Es wird abgewälzt auf die Kita-Leitungen“, sagt Birgit Greve. Als Beispiel nennt Katja Meyer, Leiterin der Kita Neuenkirchen, den Betreuungsanspruch für Eltern in systemrelevanten Berufen wie Pflege oder Polizei. „Alle diese systemrelevanten Berufe konnte man nicht richtig fassen“, bestätigt Elke Redenius-Rehling. Unabhängig davon: Zu allen Eltern, versuchen die Erzieherinnen so gut wie möglich Kontakt zu halten. „Wir haben eine Info-App entwickelt“, erläutert Birgit Greve.

In jedem Fall musste die Betreuung innerhalb der Einrichtung neu organisiert werden, waren Absperrungen und Raumwechsel notwendig – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Eltern ihre Kinder am Eingang abgeben müssen. „Dabei ist es uns doch wichtig, dass die Eltern zu uns in die Einrichtung kommen“, blickt Anke Kordes als Leiterin der Kita Lutherspatzen in Lemförde auf Gespräche mit Vätern und Müttern – auf eine Brücke zwischen Erzieherinnen und Eltern. Die versuchen sie jetzt per Telefon zu schlagen. Es sind Gespräche, die in den meisten Fällen von Verständnis geprägt seien – auch, wenn der gewünschte Betreuungsplatz aktuell nicht zur Verfügung stehe und das Kind Zuhause bleiben müsse.

Das trifft viele: „Augenblicklich sind die Kindertagesstätten im Schnitt zu 38 Prozent ausgelastet“, berichtet Birgit Greve, „manche bis zu 50 Prozent“. Mehr geht zurzeit nicht. Aber dringende Wünsche nach Notbetreuung gibt es immer wieder. So gut es geht, stellt Anke Kordes klar, versuche man, den betroffenen Eltern zu helfen: „Wir sind voll. Wie kriegen wir das noch hin?“, laute die entscheidende Frage, auf die meistens gemeinsam eine Antwort gefunden werde. „Manchmal auch mithilfe von Oma und Oma“, fügt Katja Meyer hinzu. Im ländlichen Bereich gebe es diese Strukturen ja noch.

Den Erzieherinnen ist es wichtig, den Kontakt zu den Kindern Zuhause zu halten. Konkrete Beispiele nennt Jaqueline Brunkhorst, Leiterin der Kita „Arche Noah“ in Nordwohlde. Genau die besuchen zurzeit 14 Kinder, im Normalfall sind es 50. Wer nicht kommen darf, dem versuchen die Erzieherinnen „einen Teil der Tagesstruktur zu vermitteln, die man auch Zuhause erleben kann“, formuliert es Jaqueline Brunkhorst.

So bekommen die Jungen und Mädchen beispielsweise eine Anleitung dafür, einen Gebetswürfel zu basteln. Die jüngste Aktion: Alle Familien haben auf Plakaten Handabdrücke angefertigt und zur Kita gebracht. „Die haben wir dann an einen Zaun gehängt mit dem Motto: Wir halten zusammen.“

Solche Bastelaktionen organisieren auch Elke Redenius-Rehling und ihre Kolleginnen: „Die Eltern können das Bastelmaterial bei uns abholen.“ Mit Anleitung, versteht sich. Zurzeit entstehen Faschingsgirlanden sowohl in der Kita als auch in Heimarbeit im besten Sinne des Wortes. „Einen Teil können die Kinder Zuhause aufhängen, den anderen bringen die Eltern zu uns.“ In der Kita entsteht so eine Girlande aus vielen Teilen, die für ein gemeinsames Ganzes steht. „Wenn ein Kind Zuhause ist und Geburtstag hat, hängen wir ein Geschenk an die Tür“, so Anke Kordes.

Die Pandemie hat nicht nur den Umgang mit Nähe und Distanz verändert, sondern genauso neue Selbstverständlichkeiten geschaffen, wie Katja Meyer betont: „Man braucht kein Kind mehr zum Händewaschen zu schicken.“ Alle hätten die Hygieneregeln tief verinnerlicht. „Es sind neue Freundschaften entstanden“, beschreibt Elke Redenius-Rehling die neuen Gruppenstrukturen und Arbeitsbedingungen. Jaqueline Brunkhorst hat besonders die Krippenkinder und die Sprachförderung im Blick, die für manche Kleinkinder sehr wichtig sei und jetzt intensiviert werden könne.

Genau deshalb wünschen sich die Erzieherinnen auch in Zukunft weniger Kinder in einer Gruppe – und mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung ihrer Arbeit. Sie sei zurzeit viel zu knapp bemessen, stellt Jaqueline Brunkhorst klar. Alle sind sich einig: „Wir haben schließlich einen Bildungsauftrag.“

Wichtig sei es zurzeit, allen Erzieherinnen einen Corona-Schnelltest zu ermöglichen, denn sie seien ja extrem dicht an den Menschen. Außerdem wünschen sie sich, so schnell wie möglich eine Impfung zu erhalten: „Für uns ist sie wie ein Licht am Horizont“, sagt Kordes.

Von Anke Seidel

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