Aschener Traditionsgaststätte schließt Ende des Jahres

Diepholz: Aus Landhaus Milbe wird Lebendige Schule

Vor der Aschener Gaststätte Landhaus Milbe, die zur „Lebendigen Schule Aschen“ wird (von links): Nicole Hilse, Nils Frey (Vorstandsmitglieder des Trägervereins Lebendige Schule Vechta), Schulleiterin Felicitas Oetting, Trägervereins-Vorsitzende Miriam Rehling und Gastwirt Wilhelm Milbe (66), der in den Ruhestand geht.
+
Vor der Aschener Gaststätte Landhaus Milbe, die zur „Lebendigen Schule Aschen“ wird (von links): Nicole Hilse, Nils Frey (Vorstandsmitglieder des Trägervereins Lebendige Schule Vechta), Schulleiterin Felicitas Oetting, Trägervereins-Vorsitzende Miriam Rehling und Gastwirt Wilhelm Milbe (66), der in den Ruhestand geht.

Aschen/Vechta – Nach 136 Jahren ist Schluss: Das Landhaus Milbe in Aschen/Diepholz schließt. Wilhelm Milbe, der den Gastronomiebetrieb mit seinem bekannten Saal in vierter Generation führt, hört zum 31. Dezember auf, um in den Ruhestand zu gehen. Der 66-Jährige hat keinen Nachfolger als Gastwirt. Seine drei Kinder arbeiten in anderen Branchen. Leer bleibt der gastronomische Gebäudekomplex an der Aschener Straße 58 jedoch nicht. Er wird aber ab dem kommenden Jahr ganz anders genutzt: Der traditionsreiche Gastronomiebetrieb in dem Diepholzer Ortsteil wird zu einer freien Schule umgebaut. Träger ist der Verein „Lebendige Schule Vechta“.

Das gaben Wilhelm Milbe und Vorstandsmitglieder des Vereins am Freitag im Gespräch mit der Mediengruppe Kreiszeitung bekannt.

Nachdem der Trägerverein in Vechta zunächst kein geeignetes Gebäude für seine schon vorbereitete Privatschule finden konnte und im Sommer die Anmietung eines Wohn- und Geschäftshauses an der Oyther Straße in Vechta kurzfristig geplatzt war, schaute sich „Lebendige Schule Vechta“ auch in der Umgebung um – zumal die potentiellen Schülerinnen und Schüler auch aus dem weiteren Umfeld kommen.

Keine privaten Feiern mehr im Saal

In Diepholz wandte sich der Vorstand an den Wirtschaftförderer Bernd Öhlmann, der den Kontakt zu Wilhelm Milbe herstellte. Der Gastwirt und gelernte Hotelkaufmann vermietet nun das jetzige Landhaus Milbe an den Schul-Trägerverein. „Ich bin froh, dass mein Elternhaus erhalten bleibt“, freut sich Wilhelm Milbe über diese Lösung. Ein zunächst geplanter Verkauf hätte vermutlich den Abriss des alten Gebäudes zur Folge gehabt. Die Mieter haben zugesagt, dass der Saal vorerst nach Absprache mit dem Trägerverein für Bildungsveranstaltungen Dritter sowie Veranstaltungen ortsansässiger Vereine nutzbar ist. Private Feiern und Veranstaltungen wie Kohlpartys werde es in dem Saal von Milbe allerdings nicht mehr geben.

Umbau startet Anfang 2022

Den „Partywürfel“ auf seinem Grundstück – die frühere Filiale der Kreissparkasse Grafschaft Diepholz – will Wilhelm Milbe als sein privates Jagdzimmer nutzen, das bislang noch in einem Nebenraum der Gaststätte ist. Der Mieter der Wohnung über der Gastronomie kann bleiben. Nur das Erdgeschoss hat Milbe an den Schulträgerverein vermietet. Dort sollen Umbauarbeiten Anfang des Jahres starten. Die Raumaufteilung kann für den Schulbetrieb im Wesentlichen erhalten bleiben. Jedoch sind Brandschutzeinrichtungen zu erweitern. Die Stadt Diepholz habe laut Verein der Umwandlung der Gaststätte in eine Schule zugestimmt.

Landhaus Milbe

Wilhelm Milbes Urgroßvater, der Kaufmann und Bauer Friedrich Wilhelm Milbe, bekam 1885 die Konzession für die Gaststätte in Aschen, die bis heute ein Familienbetrieb blieb. Der heutige Besitzer Wilhelm Milbe übernahm am 1. Januar 1987 nach dem Tod seines Vaters Wilhelm „Piesel“ Milbe im Jahr 1986 die Gaststätte in vierter Generation. Zuvor hatte er eine Lehre zum Hotelkaufmann in der „Strandlust“ in Bremen-Vegesack absolviert – mit Abschlussprüfung im Bremer Parkhotel. „Ich war damals 17 Jahre alt“, blickt Wilhelm Milbe zurück. Der Saal des Betriebes entstand 1903. Im Jahr 1939 folgte das Geschäftshaus, die Verbindung der Gaststätte zum Tanzsaal. Bis 1995 gehörte zur Gaststätte Milbe ein kleiner „Kolonialwarenladen“, wo es neben Lebensmitteln auch Holzschuhe und Weidedraht zu kaufen gab. Nach der Schließung wurde aus dem Laden ein Gruppenraum.

„Möchten Bildungsangebot ergänzen“

„Wir möchten keine Konkurrenz zu anderen Schulen sein, sondern das Bildungsangebot ergänzen“, betonte die Vorsitzende des Vereins „Lebendige Schule Vechta“, Miriam Rehling. Für die Privatschule, die der Verein in Aschen im jetzigen Landhaus Milbe eröffnen will, liegen nach eigenen Aussagen etwa 15 Anmeldungen vor. Eigentlich sollte die Lebendige Schule bereits im Sommer in Vechta in Betrieb gehen.

In der neuen Schule in dem Diepholzer Ortsteil Aschen könnten 50 Kinder unterrichtet werden, nach einer Erweiterung der Toilettenanlage später bis zu 80, erklärte der Vereinsvorstand. Felicitas Oetting als Schulleiterin sowie zwei weitere Pädagogen stehen bereit. Der Start der Schule in Aschen ist für Beginn des zweiten Schulhalbjahres 2021/22 geplant.

Zunächst Grundschule, später auch Oberschule

Zunächst wird im jetzigen Landhaus Milbe eine private Grundschule eingerichtet, eine Oberschule soll folgen. Die Lebendige Schule finanziert sich in den ersten drei Jahren über Schulgeld, das durchschnittlich etwa 250 Euro pro Kind und Monat betrage, sowie über Spenden. Ab dem vierten Jahr gibt es für private Schulen Zuschüsse vom Land.

Das Interesse an freien Schulen sei groß, so Nicole Hilse, Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Vereins, der 25 Mitglieder habe und seit 2017 die Gründung einer freien Schule anstrebt: „Bestehende Schulen haben Wartelisten.“ Bei der Stadt Diepholz seien die Pläne, in Aschen die Lebendige Schule einzurichten, positiv aufgenommen und unterstützt worden.

Info-Abend für die Dorfgemeinschaft

Die neue Schule möchte offen sein und sich in die Dorfgemeinschaft integrieren. Um Fragen von Aschenern zu beantworten und sich kennenzulernen, bietet der Trägerverein einen öffentlichen Infoabend am Freitag, 17. Dezember, ab 18.30 Uhr im Saal des Landhauses Milbe an (nach den dann aktuellen Corona-Regeln).

Spezielle Informationen für interessierte Eltern gibt es bei einer Online-Veranstaltung am Samstag, 11. Dezember, um 15 Uhr. Wer dabeisein möchte, kann sich über die Mailadresse info@lebendige-schule-aschen.de anmelden.

Konzept des französischen Pädagogen Célestin Freinet

Die Lebendige Schule Aschen arbeitet nach eigener Darstellung nach dem Konzept des französischen Pädagogen Célestin Freinet. Dazu gehören die vier Grundwerte Gemeinschaft, Individualität, Umweltbewusstsein und selbstbestimmtes Lernen. Der individuellen Persönlichkeit des Kindes soll Freiraum gegeben werden. Jedes Kind kann demnach in seinem Tempo lernen. Es werden keine Klassenarbeiten oder Tests geschrieben. Es gibt keine Zensuren, keine Fächer und keinen Frontalunterricht.

Der Verein „Lebendige Schule Vechta“, der später in „Lebendige Schule Aschen“ umbenannt werden soll, ist unter Tel. 0163/2316662 zu erreichen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Kommentare