Heimatverein Diepholz birgt historische Holzbohlen

Aus dem Moor ins Zuckerwasser

Mitarbeiter der Firma Denkmal 3D aus Vechta, bergen die Bohlen und Mitglieder des Heimatvereins Diepholz fixieren sie mit Folien auf Transportunterlagen zum Abtransport.
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Mitarbeiter der Firma Denkmal 3D aus Vechta, bergen die Bohlen und Mitglieder des Heimatvereins Diepholz fixieren sie mit Folien auf Transportunterlagen zum Abtransport.

Diepholz – Im Moor bei Diepholz ging kürzlich eine aufwendige Bergungsaktion über die Bühne. Richard W. Bitter, 1. Vorsitzender des Diepholzer Heimatvereins, der die Aktion maßgeblich initiiert hat, erklärt das Geschehen und hat dazu folgenden Text geschrieben:

„Über 2000 Jahre lagen sie unter einer meterdicken Torfschicht begraben. Jetzt kommen sie ans Tageslicht und werden seit 2019 von einem Archäologen-Team – unter der Leitung von Dr. Marion Heumüller vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege – mit modernsten wissenschaftlichen Mitteln erfasst. Die Rede ist von gespaltenen Holzbohlen und Halbrundhölzern, die Bestandteile eines prähistorischen Bohlenweges waren. Der Weg wurde in der vorrömischen Eisenzeit um 46 v. Chr. im heutigen Aschener/Heeder Moor gebaut und verband Ansiedlungen beiderseits des Moores.

In Niedersachsen sind 350 vorgeschichtliche Bohlenwege bekannt. Der mit dem Kürzel „Pr 6“ bezeichnete Bohlenweg war mit seiner ursprünglichen Länge von 4,2 km eines der größten prähistorischen Holzbauwerke Nordwesteuropas. Aktuell existieren davon nur noch wenige hundert Meter und die verschwinden auch in Kürze.

Mit der Entwässerung der ehemaligen Moore verlieren die Bohlen ihr schützendes feuchtsaures Milieu. Sie sind dem Verfall preisgegeben, sobald sie freigelegt sind. Den Rest besorgen die Torfabbaumaschinen.

Vor diesem Hintergrund hat sich der Heimatverein Diepholz zum Ziel gesetzt, wenigstens ein Dutzend der historischen Bohlen für die Nachwelt im Original zu erhalten. Der Heimatverein folgt damit dem Beispiel der Kollegen aus Lohne, die – so Benno Dräger vom Heimatverein Lohne – seit vielen Jahren Erfahrungen gesammelt und die konservierten Fundstücke im Industriemuseum Lohne ausgestellt haben.

Der erste Schritt – die Bergung und der Abtransport der Bohlen – ist nun erfolgt. Die Diepholzer Baufirma „Diebau“ stellte Gerüstbohlen als Transportunterlage zur Verfügung und der städtische Bauhof half mit technischem Gerät, die Bohlen mit den darauf festgezurrten Artefakten aus dem Moor nach Alt-Heede zu transportieren. Dort hat Frau Dr. Reepmeyer einen Raum zur Verfügung gestellt, der von Mitgliedern des Heimatvereins vorher als Tauchbecken hergerichtet wurden war. Dort werden die Artefakte einige Wochen gewässert, bevor der zweite Schritt – die Konservierung – beginnt.

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts: Sorge um Erhalt der Bohlenwege

Die Kenntnis über die historischen Wirtschaftswege gibt es schon länger. Bereits 1817 äußerte der Oldenburgsche Landmesser und Vogt in Lohne Carl Heinrich Nieberding (1779-1851), seine Sorge über den Verlust der Bohlenwege durch den Torfabbau, meldete die Moorfunde an seinen Landesherrn nach Oldenburg und setzte sich für deren Erhalt ein. Er war als „Gemeinheitsteilungskommissar“ für die Verteilung der zur Kultivierung vorgesehenen Moorflächen zuständig und erhielt Kenntnisse über die bei den Feldarbeiten aufgefundenen hölzernen Wegstrecken. Der später in Diepholz als Leiter der Königlichen Kreisbauinspektion tätige Kreisbauinspektor Hugo Prejawa (1854-1926) erhielt 1890 den Erlass der Hannoverschen Provinzialregierung und erstellte zwischen 1894 u. 1896 mit „preußischer Genauigkeit“ eine umfassende Prospektion aller damals bekannten Bohlenwege im Brägeler u. Aschen/Heeder Moor. Ihm zu Ehren tragen die von ihm kartierten Wege noch heute eine Nummerierung mit seinem Namenskürzel „Pr“.

Unter der fachkundigen Begleitung der Restauratorin A. Colson von der Vechtaer Firma Denkmal 3D werden die Bauteile von Mitgliedern des Heimatvereins gründlich gereinigt und anschließend in einer Zuckerlösung konserviert. Die Freude beim Heimatverein über eine großzügige Spende der Firma Nordzucker AG, Braunschweig ist riesengroß, immerhin hat die Firma die erforderliche Menge von 800 Kilogramm Rübenzucker zur Verfügung gestellt. Jetzt muss noch der Transport der Spende organisiert werden und dann kann die Konservierung beginnen. Der Zuckergehalt der wässrigen Lösung wird dabei in bestimmten zeitlichen Schritten erhöht, bis eine vollständige Sättigung der Lösung eingetreten ist.

Das Zuckerwasser ersetzt mit seiner spezifischen Viskosität das in den Bohlen enthaltene saure Moorwasser. Ist dieser Transformationsprozess nach einem längeren Zeitraum abgeschlossen, werden die Hölzer behutsam getrocknet. Der Zucker kristallisiert und gibt dann der historischen Holzstruktur die erhoffte innere Stabilität.

Ausstellung der Bohlen ist das Ziel

Aktuell fühlen sich die Holzbohlen weich und morsch an und müssen unter größter Vorsicht getragen und gewendet werden, damit sie nicht zerbröseln. Die Helfer haben beim Transport die Bohlen mit Folien vor Austrocknen und mit alten Wolldecken vor Erschütterung geschützt. Am Ende der dann hoffentlich erfolgreichen Prozedur werden wir dann auch in der Innenstadt von Diepholz historische Bohlen haben, die als Ausstellungsobjekte tauglich sind und von der Lebensweise unserer Vorfahren erzählen, so die Hoffnungen der Initiatoren der Aktion.

Über den Ausstellungsort und den dann endgültigen Verbleib muss noch entschieden werden.

Zur Finanzierung des Projektes haben verschiedene Institutionen dem Heimatverein Diepholz zweckgebundene Zuwendungen in Aussicht gestellt. Natürlich sind weitere unterstützende Geldspenden jederzeit willkommen.“

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