HAUSGESCHICHTEN(N) „Gänsestübchen“ in der Graftlage

Bullen-Deckstation, Poststelle und Wahllokal

Vor dem „Gänsestübchen“ in der Graftlage, das früher auch Poststelle, Bullen-Deckstation und Wahllokal war: Manuela und Manfred Stickforth betreiben die Gaststätte in vierter Generation.
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Vor dem „Gänsestübchen“ in der Graftlage, das früher auch Poststelle, Bullen-Deckstation und Wahllokal war: Manuela und Manfred Stickforth betreiben die Gaststätte in vierter Generation.

Diepholz – Bei „Bullen Hermann“ standen viele an der Theke. Wirt Hermann Stickforth wurde so genannt, denn er betrieb neben seiner Gaststätte in der Graftlage bis in die 1970er Jahre, als sich die künstliche Besamung in der Rinderzucht durchsetzte, eine Bullen-Deckstation. Den Hof mit Gaststätte – das heutige „Gänsestübchen“ an der B 51 im Süden von Diepholz – hatte Hermanns Vater Ernst Stickforth gebaut.

Ursprünglich stand der Hof etwa hundert Meter weiter nördlich. Der aus Hunteburg stammende Gerhard-Friedrich Stickforth hatte es 1875 von einem Diepholzer namens Dringenborg gekauft. Gerhard-Friedrichs 1887 geborener Sohn Ernst übernahm Hof und Gaststätte. 1914 brannten die Gebäude vollkommen ab. Ernst Stickforth baute den Hof an der heutigen Stelle auf, denn er erkannte: Am ursprünglichen Standort war „hohes Land“, das fruchtbar war und das er zum Acker machen konnte. Das heutige „Gänsestübchen“ steht auf Moorboden.

„Bei der Sanierung haben wir sehr tiefe und aufwendige Fundamente entdeckt“, erinnern sich die heutigen Besitzer Manfred und Manuela Stickforth, Sohn und Schwiegertochter von „Bullen Hermann“ und dessen Frau Brunhilde.

„Zum Huntebruch“ hieß die Gaststätte zunächst – hier kurz nach der Fertigstellung im Jahr 1920.

Der Bau des Hauses Graftlage 17 dauerte sechs Jahre – von 1914 bis 1920. Unter anderem kam es zu Problemen und Verzögerungen durch den Ersten Weltkrieg. „Das vorgesehene Bauholz wurde zu Kriegszwecken konfisziert und musste durch minderwertiges Holz aus dem Hemsloher Wald ersetzt werden“, weiß Manfred Stickforth: „Die Türen stammten aus einem zerstörten Haus in Osnabrück.“

Nach Fertigstellung 1920 wurde das für damalige Verhältnisse sehr große Gebäude nicht nur als landwirtschaftlicher Hof genutzt, sondern auch als Gaststätte, die zunächst „Zum Huntebruch“ hieß. In einem Zimmer neben dem Gastraum war eine Poststelle eingerichtet. „Hier gab es auch das einzige Telefon in der Graftlage“, sagt Manuela Stickforth. Ihr 1958 geborenen Mann Manfred erinnert sich an seine Kindheit: „Wenn in der Poststelle ein Telegramm ankam, wurde ich losgeschickt, um dem Empfänger Bescheid zu sagen.“

Damals waren auch noch Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite der B 51. Erst in den 1960er Jahren erweiterte Hermann Stickforth den Hof auf der westlichen Seite, und die Gebäude gegenüber wurden abgerissen. Der 1927 geborene Hermann Stickforth hatte Hof und Gaststätte von seinem Vater Ernst (Jahrgang 1887) übernommen, betrieb Milchwirtschaft und richtete die Bullen-Deckstation in der Graftlage ein. Der weithin als humorvoll bekannte „Bullen Hermann“, der auch Landbriefträger war, starb 2010 im Alter von 83 Jahren.

Bereits 2004 hatte sein Sohn Manfred und dessen aus Drebber/Ihlbrock stammende Frau Manuela (geborene Beneker) die Gaststätte übernommen und bewirtschaften den Hof als Nebenerwerbslandwirte.

Einschuss von britischem Panzer

Bei Renovierungsarbeiten entdeckten sie größere geflickte Löcher in mehreren Wänden des Hauses. Diese stammten vom Geschoss eines Panzers. Britische Truppen, die 1945 zum Kriegsende von Osnabrück nach Diepholz vorrückten, hatten auf das Gebäude geschossen. Das Geschoss durchschlug damals mehrere Wände.

Hinter der Theke, die heute noch steht: Hermann Stickforth („Bullen Hermann“) und seine Frau Brunhilde.

Manfred und Manuela Stickforth renovierten die alte Gaststube, erweiterten das Lokal durch den Umbau von vorherigen Privaträumen im Erdgeschoss und nannten es „Gänsestübchen“, da sie Mastgänse auf dem Hof halten. Beide sind gelernte Landwirte, haben aber heute andere Hauptberufe. Manuela Stickforth (60) fährt als Milchleistungsprüferin täglich zu Viehbetrieben in der Region, ihr Mann ist beim Automobilzulieferer ZF in Dielingen beschäftigt. Die Eltern von zwei erwachsenen Kindern können somit ihr „Gänsestübchen“ nebenberuflich betreiben. Und die derzeitige Schließung wegen der Corona-Pandemie bedroht nicht ihre Existenz. Ohnehin öffnen die Stickforths ihr Lokal nicht mehr täglich, sondern nur in der Grünkohl- und Gänsebratensaison sowie für Feiern.

Die Gaststätte war früher auch Wahllokal. Davon zeugt noch ein alte Wahlurne aus Holz, die heute Dekoration im Eingang ist. Wie nahezu überall ist auch in der Graftlage die Bedeutung von klassischen Kneipen gesunken. „Früher gab es hier noch drei Gaststätten“, erinnert sich Manfred Stickforth. Er und seine Frau betreiben die letzte – und das in vierter Generation.

Hausgeschichte(n)

Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie Hausgeschichte(n) vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes. Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht.

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