Unfall auf dem PR6

Archäologen rekonstruieren Unglück im Moor – dank Sandale und Achse

Grabungsleiter Eik Abbentheren legt mit einigen anderen alte Bohlen im Moor frei.
+
Frisch und erst wenige Jahre alt scheinen die feucht glänzenden Bohlen. Doch das Moor hat sie konserviert. Dieses Holz wurde um 46 v. Chr. geschlagen. Grabungsleiter Eik Abbentheren (vorne links) und sein Team legen bei ihrer Arbeit größte Vorsicht an den Tag.

Archäologen haben den ältesten bekannten Verkehrsunfall im Landkreis Diepholz rekonstruieren können. Er ereignete sich vor über 2.000 Jahren im Moor zwischen Diepholz und Lohne. Eine Sandale und eine gebrochene Achse lassen vermuten: Da hatte jemand einen sehr schlechten Tag.

Diepholz/Vechta – „Erst der Achsbruch und jetzt ist auch noch mein Schuh weg!“ So oder ähnlich könnte der Pechvogel gedacht haben, der vor mehr als 2.000 Jahren im Moor zwischen Diepholz und Lohne dem Anschein nach einen wirklich schlechten Tag erwischt hatte. Archäologen konnten mithilfe einer Ledersandale und einer hölzernen Radachse den wohl ältesten bekannten Verkehrsunfall im Landkreis Diepholz dokumentieren.

Rund ein Drittel von Niedersachsen war damals mit Mooren bedeckt. Durchaus ein Problem: Es erschwerte nicht nur den Handel unter den Dörfern, sondern auch den sozialen Austausch. Im Jahr 46 vor Christi Geburt – das kann man heute gut nachweisen – fällten die Einwohner rund um das Lohner und Diepholzer Moor kurzerhand zahlreiche Bäume und bauten aus den Stämmen sogenannte Bohlenwege durch das unwegsame Gelände.

Bohlenwege im Moor Diepholz-Lohne schon 1812 erforscht

Auch wenn die befestigten Strecken damals aus noch unbekannten Gründen schnell wieder aufgegeben wurden: Sie übten Tausende Jahre später auf viele noch eine große Faszination aus. Schon 1812 erforschten Torfgräber die alten Routen, 1896 entstand die erste Karte der historischen Wege im Moor. Der wohl bekannteste ist der rund 1.000 Meter lange PR6, der sich quer von Nord nach Süd durch das Moor zieht.

An ihm sichert Eik Abbentheren mit einem kleinen Team heute Spuren. Er ist Grabungsleiter in einem 700.000-Euro-Projekt, das in drei Jahren die noch vorhandenen Abschnitte des PR6 freilegen und anschließend mit der Firma denkmal3D aus Vechta-Calveslage digital erfassen will.

Die mehr als 2.000 Jahre alte Sandale aus dem Moor zwischen Diepholz und Lohne ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen.

Die Arbeit der Archäologen ist dabei ein Wettrennen gegen die Zeit. Nicht nur setzen die Entwässerung der Moore und die Trockenheit nach dem Freilegen den Bohlen schnell zu: Manche Fehler der Vergangenheit lassen sich auch nicht mehr korrigieren. An einigen Stellen sind die schweren Hölzer gebrochen, wahrscheinlich durch Fahrzeuge für den Torfabbau. Und auch heute arbeitet nur wenige hundert Meter vom Sonnenschutz der Archäologen ein großer, gelber Bagger. Denn: Erst wird der Torf etwa für Blumenerde abgebaut, dann dürfen die Wissenschaftler ihre Arbeit aufnehmen. Im Zweifel haben wirtschaftliche Belange den Vorzug: So sei das eben, geben die Wissenschaftler resigniert zu.

Sandale aus Moor steht vermutlich in Zusammenhang mit Radachse

Aber zurück zur Ausgrabung. Normalerweise finden Abbentheren und seine Mitstreiter vor allem Haselnussschalen – die Kerne schienen damals ein beliebter Snack zu sein. Doch vorletzte Woche entdeckten sie plötzlich einen Schuh, nicht weit davon entfernt eine hölzerne Achse – rußig-schwarz, wahrscheinlich heißgelaufen und abgebrochen.

Das rief Dr. Marion Heumüller auf den Plan. Sie ist Moorarchäologin beim Landesamt für Denkmalpflege und betreut das Ausgrabungs-Projekt. Als sie Schuh und Achse sah, hatte sie gleich Bilder eines möglichen Unfalls im Kopf – und des Moments, als der Fahrer mit seinen Sandalen im morastigen Untergrund stecken blieb. Ein Zusammenhang der beiden Funde sei aufgrund des geringen Abstands wahrscheinlich, so die Archäologin.

Wo das ungeübte Auge erstmal nur braunen Matsch sieht, leuchten bei einem Archäologen sofort die Augen. Marion Heumüller präsentiert die historische Sandale.

Ansonsten ist noch nicht viel über die Sandale und ihren Träger bekannt. Derzeit liegt sie mit einem Teil ihrer moorigen Zeitkapsel, die sie über die Jahre erhalten hat, bei denkmal3D. Dort wird sie kühl und feucht gehalten – und von Restauratorin Amandine Colson und ihrem Team mit neuster Lasertechnik vermessen und in ein 3D-Modell umgewandelt. Gleichzeitig erfasst das Unternehmen die Ausgrabungsstätte mit Drohnen für 3D-Aufnahmen.

Fund im Moor bei Diepholz: Sandale vermutlich aus Rindsleder

Zur Sandale lässt sich bereits sagen, dass sie vermutlich aus Rindsleder ist. Aufgrund ihrer bis dato unbekannten, hochwertigen Fertigung ist sich Heumüller sicher: „Wir haben hier de facto den ältesten Schuh Norddeutschlands.“

Welche Schuhgröße der Träger der Sandale hatte, lässt sich übrigens womöglich über einen Fußabdruck im Schuh rekonstruieren, so die Expertinnen. Mit einer DNA-Analyse von Hautschuppen des Trägers werde es aber wahrscheinlich schwierig. Der Schuhträger wird wohl weiterhin der unbekannte Pechvogel bleiben, der damals Karren und Sandale im Diepholzer Moor verlor.

Den Bohlenweg erleben

Auch wenn der Torfabbau im Moor zwischen Diepholz und Lohne erst 2025 eingestellt werden soll: Die Wissenschaftler wollen mit ihren Arbeiten schon im September dieses Jahres fertig sein. Einige Funde werden dann im Landesamt für Denkmalschutz präpariert und könnten dann auch in Museen ausgestellt werden. Das Dümmermuseum hat bereits Interesse bekundet. Gleichzeitig hat sich der Heimatverein Diepholz einige der Bohlen gesichert, um sie auszustellen. Sie würden sonst nach der Ausgrabung aufgrund ihrer schieren Masse entsorgt werden.

Im Moor selbst hingegen ist ein Erlebnispfad unweit des PR6 geplant. Dort sollen Besucher voraussichtlich noch Ende des Jahres entlang neben Infotafeln auf den Spuren des glücklosen Sandalenträgers vom damals wandeln können.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Landkreis Diepholz: Großbrand ruiniert Scheune – 100 Einsatzkräfte nötig

Landkreis Diepholz: Großbrand ruiniert Scheune – 100 Einsatzkräfte nötig

Landkreis Diepholz: Großbrand ruiniert Scheune – 100 Einsatzkräfte nötig
Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke

Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke

Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke
Diepholzer Reinald Schröder: Erkenntnisse eines Ex-Kommunisten über kommunistische Theorien

Diepholzer Reinald Schröder: Erkenntnisse eines Ex-Kommunisten über kommunistische Theorien

Diepholzer Reinald Schröder: Erkenntnisse eines Ex-Kommunisten über kommunistische Theorien
Ein bisschen wie Brokser Markt – Schausteller planen Freizeitpark vom 12. August bis 5. September

Ein bisschen wie Brokser Markt – Schausteller planen Freizeitpark vom 12. August bis 5. September

Ein bisschen wie Brokser Markt – Schausteller planen Freizeitpark vom 12. August bis 5. September

Kommentare