Krisensicherer Arbeitsmarkt trotz Corona

Achterbahnfahrt der Arbeitslosenzahlen im Landkreis Diepholz

Das Schild mit Logo und Anschrift des Jobcenters Syke.
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Ein- und Zweipersonenhaushalte haben laut den Daten der Arbeitsagentur im vergangenen Jahr besonders stark gelitten.

Für den Landkreis Diepholz gilt: Das Coronavirus hat fundamental andere Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt als die Weltwirtschaftskrise 2009. Überraschungen gibt es auch.

  • Arbeitslosenquote steigt auf 4,6 Prozent an.
  • Viele Kleinstbetriebe melden Kurzarbeit an.
  • Die Prognose für 2021 ist noch nicht möglich.

Landkreis Diepholz – Wenn es um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt geht, wird vor allem ein Vergleich oft herangezogen: die Weltwirtschaftskrise 2008/2009. Doch neue Zahlen von Arbeitsagentur und Jobcenter zeigen zumindest für den Landkreis Diepholz: Das Corona-Jahr unterscheidet sich fundamental von der einstigen Wirtschaftskrise – und bringt so manche Überraschung mit sich.

Eine Sache stellt Christoph Tietje als Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Nienburg-Verden ohne Umschweife klar: „Die Arbeitslosenzahlen sind 2020 deutlich angestiegen.“ Waren 2019 im Durchschnitt noch 4 708 Menschen im Landkreis Diepholz arbeitslos gemeldet, waren es vergangenes Jahr 5 607 – im August sogar 6 216. Initialzündung für den Anstieg war der erste Lockdown im April.

Arbeitslosenquote steigt von 3,9 auf 4,6 Prozent

Entsprechend dieser Zahlen ist auch die Arbeitslosenquote von durchschnittlich 3,9 Prozent 2019 auf 4,6 Prozent 2020 nach oben geschnellt. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich auch beim Stellenbestand und -zugang in der Kartei der Arbeitsagentur: Beide befanden sich durch die Corona-Pandemie im Sinkflug.

Ein weiteres Thema: Kurzarbeit. In dem Bereich habe es laut Tietje eine „sehr große Inanspruchnahme“ gegeben. Gerade zu Beginn habe es einen massiven Sprung bei den Kurzarbeitern von 4 709 im März auf 11 531 im April gegeben. Doch schon im kommenden Monat, mit den Lockerungen, entspannte sich die Lage wieder. Im Mai zog auch die Nachfrage nach Arbeitskräften wieder an.

Fundamentaler Unterschiede zur Weltwirtschaftskrise 2009

Der Arbeitsagentur-Chef fasst zusammen: „Die Coronakrise und der Lockdown haben deutliche Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen, die sich im Lauf des Jahres 2020 etwas abgemildert haben, aber es ist bei Weitem noch nicht wieder das Vorkrisenniveau erreicht.“

Anders als die große Wirtschaftskrise 2009 ist das Corona-Jahr für den Arbeitsmarkt eher eine Achterbahnfahrt. Aber auch an anderer Stelle gebe es einen „fundamentalen Unterschied“, so Tietje. Ein Drittel der Betriebe mit Kurzarbeit waren Kleinstbetriebe – anders als vor elf Jahren, wo vor allem Großkonzerne betroffen waren.

Widerstandsfähiger Arbeitsmarkt

Wer auf die Zahlen des Jobcenters im Landkreis Diepholz blickt, dem fallen auch zuerst die schlechten Nachrichten ins Auge. War die Lage im Februar laut Geschäftsführer Harald Glüsing mit einem „historischen Tiefstand“ bei den Haushalten, die auf Hartz 4 angewiesen sind, noch hervorragend, sah es schon kurz darauf komplett anders aus.

Bis Mai stieg die Anzahl jener Haushalte um 313 auf 5 568. Doch: „Seit Mai sinken die Zahlen wieder.“ Bis September sei schon die Hälfte des Anstiegs wieder abgebaut, so Glüsing. Auch andere Daten wirken dabei durchaus überraschend (siehe Info-Kasten).

Die Prognose für das kommende Jahr ist ein bisschen Kaffeesatzleserei.

Harald Glüsing

Warum der Arbeitsmarkt im Corona-Jahr doch deutlich widerstandsfähiger war als erwartet? Das können Tietje und Glüsing nur vermuten. Der Chef der Arbeitsagentur vermutet einen „Nachholeffekt“ und eine „positive Stimmung“ nach den Lockerungen im Sommer.

Bei einem Thema jedoch blicken die Arbeitsmarkt-Experten noch komplett in die Glaskugel: 2021. „Wir wissen’s alle nicht“, sagt Tietje. „Die Prognose für das kommende Jahr ist ein bisschen Kaffeesatzleserei“, sagt Glüsing. Aber wenn sie einen Tipp abgeben müssten, dann wäre es folgender: Beim Jobcenter gibt es nur noch einen moderaten Anstieg bei den Leistungsbezügen, bei der Arbeitsagentur rechnen sie mit einem leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit im Lauf des Jahres.

Ansiedlung von Amazon soll 2000 neue Arbeitsplätze schaffen

Denn dafür gibt es Anzeichen, sofern nicht ein weiterer Lockdown dazwischenkommt. Etwa die Ansiedelung von Amazon, die laut Tietje auch über die Verdener Kreisgrenzen hinausstrahle. „Wir haben ein gutes Netzwerk und einen guten Kontakt zu Amazon aufgebaut“, so Tietje mit Blick auf die rund 2000 neu angekündigten Arbeitsplätze in 2021.

Und neben Amazon steht noch ein weiterer, durchaus bekannter Punkt auf seinem Spickzettel für 2021: Berufsorientierung. Beschäftigte halten, Beschäftigte gewinnen: „Das ist ein ganz wichtiges Thema für das Jahr 2021“, unterstreicht Tietje.

Wer 2020 beim Jobcenter Hartz 4 beantragt hat

Bei seinem Rückblick auf das Jahr 2020 hatte Harald Glüsing vom Jobcenter im Landkreis Diepholz einige Überraschungen im Gepäck. Unter anderem beantragten nicht etwa primär Großfamilien Leistungen bei ihm und seinen Kollegen, sondern vor allem Ein- und Zwei-Personen-Haushalte.

Männer und Frauen stellten dabei annähernd gleich viele Anträge, bei den Alleinerziehenden blieb die Zahl jedoch nahezu unverändert zu den Vorjahren. Auch kamen die Anträge auf Leistungen im Corona-Jahr weniger von ausländischen Bürgern. Den Löwenanteil machten Antragssteller deutscher Staatsangehörigkeit aus, so Glüsing.

Und noch eine überraschende Nachricht: „Die Ausbildungsaufnahmen scheinen ganz gut gelaufen zu sein für unsere Kunden.“ Das sieht Glüsing daran, dass die Anzahl der Hilfeleistungen bei Unter-25-Jährigen – vor allem im Nordkreis – schon im September wieder Vorkrisenniveau erreicht hatte. Glüsing geht auch für das letzte Quartal 2020 von einem Abwärtstrend aus.

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