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Corona und Ukrainekrieg: Die Folgen der Ausnahmesituation im Handwerk

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Von: Anke Seidel

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Ein Tischer arbeitet in seiner Werkstatt mit einem japanischen Stechbeitel an einem Werkstück.
Die Betriebe im Bereich der Kreishandwerkerschaft Niedersachsen-Mitte kämpfen mit Pandemie- und Kriegsfolgen. (Symbolbild) © Maurizio Gambarini/dpa

Erst Corona, dann ein Krieg mitten in Europa. Das Handwerk erlebt Ausnahmezeiten. Welche Folgen das hat, darüber spricht der Vorsitzende Kreishandwerksmeister Matthias Wendland im Interview.

Landkreis Diepholz – Es sind Ausnahmezeiten, in denen die rund 4 600 Betriebe im Bereich der Kreishandwerkerschaft Niedersachsen-Mitte wirtschaften müssen. Die Corona-Pandemie und ein grauenvoller Krieg mitten in Europa haben auch in Niedersachsen nie gekannte Bedingungen geschaffen. Zeitgleich kämpfen viele Betriebe mit dem Mangel an Nachwuchskräften, denn die Zahl der Bewerber ist seit Jahren rückläufig. Welche Folgen das hat und ob es schnelle Alternativen zu Gas und Öl geben könnte, darüber spricht der Vorsitzende Kreishandwerksmeister Matthias Wendland im Interview. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Wendland, die Betriebe in der Kreishandwerkerschaft Niedersachsen-Mitte erleben gerade eine nie gekannte Entwicklung. Womit hat das Handwerk zurzeit besonders schwer zu kämpfen?

Das Handwerk kämpft schwer damit, dass mittlerweile die Folgen der Pandemie und des Kriegs in der Ukraine zusammentreffen, beziehungsweise sich gegenseitig verstärken. Die wirtschaftlichen Folgen des Ukrainekrieges treffen das gesamte Handwerk unserer Region gerade mit großer Härte. Es reicht vom Zusammenbrechen von Lieferketten, explodierenden Rohstoffpreisen bis hin zu nicht einhaltbaren terminlichen Verpflichtungen.

Diese Auswirkungen des Kriegs treffen Betriebe, von denen einige noch nicht die erheblichen Auswirkungen der Corona-Pandemie verarbeitet haben. Auch hier kam es zu erheblichen Problemen in allen Gewerken, weil pandemiebedingt Lieferketten zusammenbrachen oder die betriebliche Tätigkeit untersagt oder durch Personalausfall eingeschränkt wurde. Der Personalausfall, also durch Corona-Infektion oder Quarantäne, ist auch immer noch ein großes Problem.

Welche Innungsbetriebe haben unter der Corona-Krise besonders gelitten?

Wegen der Betriebsschließungen haben natürlich die Friseurbetriebe besonders stark gelitten. Bei den Nahrungsmittelgewerken, die Cafés oder Imbisse betreiben, war der Einbruch auch massiv. Auch das Catering kam zum Teil sehr lange zum Erliegen. All dies konnte selbst durch den steigenden individuellen Verkauf nicht ausgeglichen werden. Die Gesundheitshandwerke – wie die Optiker – spürten die Pandemie zum Beispiel dadurch, dass gerade die älteren Kunden aus Angst vor Infektionen sehr lange zögerten, sie aufzusuchen. Im Bau- und Ausbaubereich und bei den Zulieferern zur Industrie brachen pandemiebedingt Lieferketten zusammen und ließen Termine platzen. Der Veranstaltungsbau kam natürlich komplett zum Erliegen, weil Messen oder Ähnliches gar nicht mehr stattfanden. Das waren alles sehr fordernde Probleme, die zum Teil noch nicht beseitigt sind.

Waren Betriebsschließungen zu beklagen?

Die Betriebe haben auf die Herausforderungen mit Kurzarbeit reagieren können. Mir ist keine dauerhafte Schließung bekannt, die pandemiebedingt war.

Hat sich die Konjunktur im Handwerk mittlerweile wieder verbessert und gibt es genügend Fachkräfte?

Die wirtschaftliche Auslastung im Handwerk ist grundsätzlich gut. Probleme bereitet allen Betrieben eher die Erfüllung der eingegangenen Verträge. Viele Betriebe können nicht abschätzen, bis wann sie benötigte Rohstoffe und Materialien für einen Auftrag oder ein Bauvorhaben bekommen beziehungsweise zu welchem Preis, denn Lieferketten und Preise haben sich in ungeahnten Schwankungen verändert. Ein Notstromgenerator zum Beispiel ist um 30 Prozent teurer geworden, aber ausgeliefert wird er erst im Dezember. Und Betriebe geraten mit Aufträgen ins Stocken, weil Vorgewerke ihre Arbeiten nicht rechtzeitig fertigstellen konnten.

Zudem macht der pandemiebedingte Ausfall von Mitarbeitern erhebliche Probleme beim Abarbeiten der Aufträge. Der Personalmangel bereitet zudem generell ein Problem, weil frei werdende Stellen nicht oder nicht schnell genug besetzt werden können.

Matthias Wendland, Vorsitzender Kreishandwerksmeister in der Kreishandwerkerschaft Niedersachsen-Mitte sieht bei der zeitlichen Abfolge der Ausschreibungen die Kommunen in der Pflicht.
Matthias Wendland, Vorsitzender Kreishandwerksmeister in der Kreishandwerkerschaft Niedersachsen-Mitte sieht bei der zeitlichen Abfolge der Ausschreibungen die Kommunen in der Pflicht. © MW

Seit 61 Tagen schon herrscht Krieg in der Ukraine. Welche spürbaren Folgen hat das für die Handwerksbetriebe in der Region?

Die steigenden Energiepreise wirken sich natürlich in jeder handwerklichen Branche in der Produktion und den Dienstleistungen aus. Das Bauhaupt- und das Baunebengewerbe sind sehr stark betroffen, ebenso wie die Betriebe, die der Industrie zuliefern. Betroffen sind aktuell am stärksten Bitumen für den Straßenbau und Stahl und Stahlerzeugnisse, zum Beispiel für den Hoch- und Ingenieurbau. Durch die Abhängigkeit der Raffinerien in Schwedt und Leuna von Lieferungen aus Russland droht ein Ausfall von bis zu einem Drittel der hiesigen Bitumenversorgung mit entsprechenden Auswirkungen auf den deutschen Straßenbau.

Zudem: Rund 30 Prozent des Baustahls kommen aus Russland, der Ukraine und Weißrussland. Hinzu kommt der hohe Anteil von Roheisen (40 Prozent aus diesen Ländern) und weiterer Rohstoffe, die für die Stahllegierung notwendig sind. Nickel kommt zu 25 Prozent und Titan zu 75 Prozent dort her.

Was bedeutet das ganz praktisch?

In der letzten Zeit kam es zu extremen Preissteigerungen bei diesen Stoffen. Unsere Mitgliedsunternehmen erhalten aktuell nur noch wenige Angebote für Stahlmatten, Träger, Stabstahl und Bleche. Auch Rohre und Aluminiumprodukte sind betroffen. Produkte aus diesen Rohstoffen können derzeit häufig nur nach tagesaktueller Verfügbarkeit geordert werden. Es wird für die Unternehmen zunehmend schwierig, verbindliche Angebote für Bauleistungen mit diesen Bauprodukten abzugeben, weil die Preise unkalkulierbar steigen.

Mehl ist in den Supermärkten zur Mangelware geworden. Auch in den Betrieben der Bäckerinnung?

Die Produktion muss nicht eingeschränkt werden. Jedoch: Die Nahrungsmittelgewerke stehen aktuell vor zahlreichen Herausforderungen. Neben den andauernden Belastungen durch die Corona-Krise und dem unverhältnismäßigen Bürokratieaufwand vor allem für kleine und mittelständische Betriebe sind die steigenden Produktionskosten durch den Ukraine-Konflikt zu verkraften.

Auch wenn Russlands Exportstopp keine Auswirkungen auf die Produktion haben wird, verändern sich weltweit Lieferketten und -wege. Diesen Wandel am Weltmarkt bekommen unsere Betriebe zu spüren.

Steigen die Preise weiter?

Je nach Lieferkontrakt sind die Auswirkungen der Börsenpreise bereits jetzt bei Handwerksbäckern bemerkbar. Aufgrund der enormen Kostensteigerungen im Bereich Rohstoffe, Energie und Personal wird eine Anpassung für viele Betriebe vermutlich jedoch unabdingbar.

Vor allem die Preise für Strom, Gas, Öl und Benzin machen allen energieintensiven Handwerksbetrieben Sorgen. Ob die Betriebe Preise anpassen, entscheidet jedes Unternehmen individuell. Auch für die Bau- und Ausbaubranche gilt: Aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine und der weltweiten Sanktionen gegen Russland kommt es jetzt zu massiven Lieferengpässen und deutlichen Preissteigerungen bei vielen Rohstoffen und Baustoffen.

Welche Folgen hat das für Häuslebauer?

Die aktuelle Destabilisierung der Rohstoffkosten betrifft nahezu jedes Bauvorhaben. Wir appellieren insbesondere an Bauherren in dieser sehr schwierigen Situation, die noch viele Monate andauern wird, mit den Bauunternehmen zu kooperieren, um die Bautätigkeit zu sichern. Laufende Verträge müssen individuell angepasst werden, neue Verträge müssen die extreme Unsicherheit bei den Baustoffpreisen unbürokratisch und kooperativ berücksichtigen.

Händeringend suchen Verbraucher nach Alternativen zu Gas und Öl. Kann das Handwerk Photovoltaikanlagen oder Wärmepumpen überhaupt noch liefern?

Komponenten für PV-Anlagen sind derzeit noch einigermaßen lieferbar, auch weil die Firmen ihre Lagerbestände hochgefahren haben. Was fehlt und auch schwer lieferbar ist, das sind die Montagesysteme aus Metall – was sich durch den fehlenden Stahl aus Russland und der Ukraine auch noch weiter verschärft. Ebenso fehlen – wie in anderen Branchen auch – die Facharbeiter, die die Anlagen montieren. Bei Wärmepumpen sieht die Liefersituation nicht besser aus, derzeit sind Liefertermine von drei Monaten „normal“. Aufgrund der eh schon guten Konjunktur im Baugewerbe setzt die derzeitig stark steigende Nachfrage auf eine Spitze der Beschäftigung auf und ist zusätzlich, auch aufgrund fehlender Kapazitäten und des Fachkräftemangels, nicht zu bewältigen.

Welche Folgen hätte ein Öl- und Gasembargo für die Betriebe in der Region?

Gerade in den energieintensiven Handwerken werden die Produktionskosten dann so stark steigen, dass dies auch die Kunden noch erheblicher spüren würden. Ob es dann aufgrund von Rationierungen zu Produktionsstilllegungen käme, hängt davon ab, wie schnell die Regierung Alternativen aufbauen kann. Stilllegungen wären natürlich eine Katastrophe. Ein kurzfristiges Ölembargo erscheint mir deutlich leichter verkraftbar als ein Gasembargo, weil uns hier mehr Alternativen offen stehen.

Wie könnte vor Ort schnell und realistisch mehr Energie produziert werden?

Aus meiner Sicht hat Deutschland als Technologiestandort den Zeitpunkt zur Selbstversorgung mit Energie verschlafen. Schnell und vor Ort ausreichend Energie zu erzeugen, scheint mit realistisch nicht möglich. Was uns helfen könnte, ist sicherlich, wenn jeder seinen Energiestatus überprüft und auch auf Kosten des Komforts Energie spart, sowie der Einsatz vorhandener Technik zur Optimierung des Verbrauchs – und die damit verbundene Verlegung der Verbrauchszeiten in Zeiten hoher alternativer Energieerzeugung: windstark, hoher Sonnenstand.

Was ist der Herzenswunsch des Kreishandwerksmeisters?

Die christliche geprägte Welt blickt nach dem Osterfest nun Pfingsten entgegen. Ich denke, eine über unseren Glauben hinausgehende Botschaft ist der Aufruf zum Frieden an alle – aber speziell natürlich auch an die Aggressoren in dieser Welt. Das ist schon ein Herzenswunsch, auch wenn es erschütternd ist, wie dringend gerade auch in Europa dieser Appell wieder gehört werden soll.

Aber es gibt auch einen Wunsch an die heimische Verwaltung und Politik: Insbesondere an die öffentlichen Auftraggeber appellieren wir, Ausschreibungen mit Preisgleitklauseln zu versehen und in den laufenden Verträgen Anpassungen vorzunehmen, weil ansonsten die Handwerksbetriebe auf unkalkulierbaren Kosten sitzen blieben. Wir erleben immer wieder, dass unsere Kommunen aktuell Bauvorhaben ausschreiben, die erst in 2023 oder 2024 durchzuführen sind, und für die Handwerksbetriebe verbindlich Preise anbieten sollen, mit denen sie in ein bis zwei Jahren abrechnen müssen. Das ist wirtschaftlicher Irrsinn, denn die ausschreibenden Stellen wissen nur zu genau um die extremen Preisschwankungen aufgrund des Krieges. Und trotzdem wollen sie diese Risiken allein den Handwerkern aufbürden – das ist eine kaum zu überbietende Ignoranz! Wir wünschen uns hier deutlich mehr Flexibilität.

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