30 Jahre Seelsorger in Leeste: Pastor Tietz will sich gegen Wertekrise stemmen

Vom Dackel zum Adler

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Holger Tietz, Seelsorger aus Leidenschaft, in seinem Arbeitszimmer in Erichshof.

Leeste - Von Sigi Schritt. Er nennt die Marienkirche liebevoll „den Leester Dom“, deutet zum Kreuz und zeigt auf „den Chef“ und bezeichnet Kirchenbedienstete und ehrenamtliche Helfer als „Bodenpersonal“.

Und von sich selbst sagt er, nicht „jedermanns Liebling“, aber auch nicht „jedermanns Trottel“ zu sein – ein Pastor mit Ecken und Kanten sowie flotten und eingängigen Sprüchen: Holger Tietz aus Erichshof. Seit drei Jahrzehnten ist er Seelsorger der evangelischen Kirchengemeinde in Leeste.

Der 59-Jährige bestimmte fast 20 Jahre lang die Geschicke als Vorsitzender des Kirchenvorstands mit. Nach den letzten Wahlen trat Tietz dieses Amt allerdings nicht wieder an, um sich mehr Zeit für das zu nehmen, weshalb er einmal Pastor geworden ist: Seelsorge zu betreiben und Menschen in „guten wie in schlechten Zeiten“ zu begleiten.

„Wer für sich selbst keinen Entwurf fürs Leben findet, wird seelisch und körperlich krank“, sagt er. Denn dann fehle nämlich „die Trotzkraft des Geistes“, begründet der 1953 in Hamburg geborene Sohn eines Pastors seine These. Sein Ziel für die Zeit bis zur Pensionierung? „Ich möchte Menschen darlegen, warum sie leben, worin der Sinn des Lebens besteht und wie man das eigene Leben deuten kann, um glücklich zu werden“, sagt er. „Die Zahl derjenigen wird immer größer, die an der Zerbrechlichkeit des Lebens leiden“, zieht Tietz ein Fazit nach zahlreichen Gesprächen. Er sieht Deutschland und Europa in einer Wertekrise. Sein Vorschlag lautet deshalb: „Wir müssen mehr Gesprächsanlässe und Foren schaffen, um zu diskutieren, wie die Zukunft im neuen Jahrtausend aussehen kann.“ Es gehe um einen fairen Ausgleich zwischen Arm und Reich, der arbeitenden Bevölkerung und den Arbeitslosen sowie den gesunden und schwachen Menschen. „Wie können Leistungsstarke motiviert werden, sich für Schwache einzusetzen?“, lautet seiner Meinung nach die brennende Frage, für die die Gesellschaft dringend und schnell Antworten finden muss. Weyhe bildet seiner Ansicht nach keine Ausnahme, obwohl die Anzahl der Ehrenamtlichen außergewöhnlich hoch sei. Es gibt zwar viele Bürger, die sich sehr engagieren, aber andererseits auch viel zu viele Menschen, die sich in ein Milieu verliebt haben. „Dort betrachten sie nur ihre eigene, kleine Welt Alles andere wird ausgeschlossen.“ Er führt als Beispiel einige Trauerfeiern an: Familienangehörige wollen ihre Trauer und ihren Schmerz auf den engsten Familienkreis beschränken und wollen nicht Teil der Gesellschaft sein. „Die Menschen, mit denen man jahrelang an einer Straße gelebt hat, werden nicht eingeladen. Sie können sich nicht von den Verstorbenen verabschieden. Man betoniert sich ein.“ Es bedarf einiges an Anstrengungen, dass Menschen ihre Perspektive vom Dackel- zum Adlerblick wechseln. „Ich bin der Meinung, dass die Gesellschaft kälter wird, weil es viele Menschen gibt, die weder die Kraft noch den Willen haben, ernsthaft und in gegenseitiger Wertschätzung und Barmherzigkeit umzugehen“, sagt Tietz.

Auch er habe viele Fehler gemacht, etwa im Umgang mit Mitarbeitern, gibt der Pastor selbstkritisch zu. Es sei allerdings wichtig, „Menschen wertzuschätzen. Man kann sich streiten und eine andere Meinung haben, wichtig ist, dass der andere spürt, er wird respektiert.“

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