Landwirtschaft im Teufelskreis

Corona und Schweinepest: Die Schweinehalter im Landkreis Diepholz sind verzweifelt

Schweine in einem Lastwagen zu einem Tiertransport
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Schweine auf einem Tiertransport. Dabei müssen strenge Vorgaben eingehalten werden. Weil die Schlachtkapazitäten zurzeit eng begrenzt sind, Wartezeiten bestehen und etliche Tiere schwerer sind als üblich, können auch weniger transportiert werden.

Das Telefon steht nicht still, Mitarbeiter in den Viehvermarkungsunternehmen stehen unter extremem Druck, und bei den Schweinehaltern liegen die Nerven blank: Die stark eingeschränkten Kapazitäten in den Schlachthöfen haben die Branche in einen nie gekannten Ausnahmezustand katapultiert.

  • Schweinemäster und Ferkelerzeuger können ihre Tiere nicht mehr vermarkten
  • Einkommensverluste: Die Lage für Schweinemäster sei „absolut dramatisch“
  • Landvolk-Vorsitzender fürchtet, dass es bald keine Ferkelerzeugung mehr gibt

Landkreis Diepholz – „Das ist ein Drama für alle“, weiß Florian Warkentin als Geschäftsführer der Viehvermarktungsgemeinschaft Weser-Hunte. Ferkelerzeuger können ihre Tiere nicht wie geplant verkaufen, weil die Ställe der Mäster belegt sind – und die wiederum können ihre schlachtreifen Tiere nicht vermarkten: „Ein Teufelskreis“, sagt Warkentin. Und ein extremes Wechselbad: Den Spitzenpreis von 2,07 Euro pro Kilo Schlachtgewicht hatten Schweinemäster noch vor Corona erzielt, weil die Nachfrage nach Schweinefleisch wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in China extrem hoch war. Nun aber herrscht Exportstopp, weil die ASP Deutschland erreicht hat. Der Preis pro Kilo Schlachtgewicht ist auf magere 1,27 Euro gesunken. Ferkelerzeuger, die in Spitzenzeiten 80 Euro für ein 25 Kilo schweres Jungtier erhielten, bekommen jetzt nur noch ein Drittel: 27 Euro.

„Wir schieben 2.500 bis 3.000 Schweine vor uns her“, erläutert Thomas Langner als Einkaufsleiter bei der Viehvermarktungsgemeinschaft Weser-Hunte allein für den Bereich Diepholz/Nienburg. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, berichtet der Fachmann mit drei Jahrzehnten Berufserfahrung. Immer wieder muss er – wie seine Kollegen in anderen Viehvermarktungsunternehmen auch – Schweinemäster vertrösten, weil ihre Tiere nicht verwertet werden können. Obwohl sie die Schlachtreife längst erreicht haben.

Corona und Schweinepest: Tiere müssen länger gefüttert werden

Was das für Betroffene bedeutet, weiß Theo Runge als Vorsitzender des Landvolkverbands Grafschaft Diepholz aus eigenem Erleben. Rund 680 Schweine hat er zurzeit in seinem Stall. In etwa zwei Wochen haben sie das optimale Gewicht für den Verkauf erreicht, für die beste „Preismaske“, wie es in der Branche heißt. Kann Runge sie dann nicht verkaufen, müssen die Tiere im Stall bleiben – und der Landwirt muss sie weiter füttern, hat statt Einnahmen zusätzliche Kosten. 800 bis 1.000 Gramm nimmt ein Schwein pro Tag zu, erläutert der Mäster. Am Markt gilt: Je weiter sich das Gewicht von der optimalen „Maske“ entfernt, umso höher sind die Abschläge beim Preis. Will heißen: Je mehr Geld die Schweinemäster für Futter investieren müssen, umso geringer ist am Ende der Preis, den sie für ihre Tiere erzielen.

Eine fatale Dynamik, auf die nicht wenige Landwirte mit schierer Verzweiflung reagieren. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und das Exportverbot wegen der Afrikanischen Schweinepest empfinden nicht wenige nur als Auslöser und Vorwand für eine ganz andere Entwicklung: „In Wirklichkeit geht es der Politik doch nur darum, die Tierbestände zu senken“, sagt ein Betroffener, der namentlich aber nicht genannt werden will. Der Mäster bezeichnet seine Lage als „absolut dramatisch“ und denkt an seine Kollegen, die Ferkelerzeuger, und ihre enormen Einnahmeverluste.

Corona und Schweinepest: Landwirtschaft muss zukunftssicher werden

Thomas Langner hat großes Verständnis für ihre Lage: „Man kann den Sauen ja nicht sagen, sie sollen ihre Ferkel im Bauch behalten!“

Landvolk-Vorsitzender Theo Runge weiß, dass die Sauenhalter vor enormen Herausforderungen stehen. Das Kastenstandsverbot macht auf Dauer neue Stallbauten notwendig. Auch wenn die Sauenhalter dafür Zuschüsse erhalten könnten: „Wenn die Situation wie bisher weiter geht, wird es in einem Jahr in Deutschland keine Ferkelerzeuger mehr geben“, prophezeit der Landvolk-Vorsitzende – und überlegt vor diesem Hintergrund, „ob man den Ferkelerzeugern Geld dafür geben sollte, dass sie ihre Produktion einstellen“. In den Niederlanden sei das längst Praxis.

Dass die Landwirtschaft vor einem nie gekannten Umbruch steht, darüber sind sich die Bauern mit Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast einig. Für Theo Runge ist es höchste Zeit, entschlossen zu handeln: „Wir müssen nach Wegen suchen, um die Landwirtschaft zukunftssicher aufzustellen.“

Corona und Schweinepest: Lieber ein Tier aus Deutschland statt aus Osteuropa oder Asien

Das absolut drängendste Ziel ist für Kreislandwirt Wilken Hartje die Erhöhung der Schlachtkapazitäten: „Da müssen pragmatische Lösungen her! Theoretisch haben wir Kräfte genug. Aber das will ja keiner mehr machen.“ Schweinemast und Ferkelerzeugung seien extrem wichtig, sagt Hartje, denn: „Das nachhaltigste Lebensmittel ist das, was regional produziert wird.“ Deutschland gehöre zu den Ländern mit den höchsten Umwelt- und Tierschutzstandards weltweit, und davon würden auch die Verbraucher profitieren: „Ich möchte lieber ein Schwein aus Deutschland essen statt aus Osteuropa oder Asien.“ 

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