Galerieholländer im Ortsbild

Als in Martfelder der „Mühlenkrieg“ tobte

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Heute wird die Fehsenfeldsche Mühle in Martfeld für kulturelle Veranstaltungen sowie standesamtliche Trauungen genutzt.

Martfeld – Von Uwe Kampe. Nachdem Preußen 1866 das Königreich Hannover annektiert hatte, wurde auch hier 1869 die Gewerbefreiheit eingeführt. Dieses bedingte wiederum, dass in Martfeld zusätzlich zu der schon seit Jahrhunderten betriebenen Feldmühle (wir berichteten über die Feldmühle bereits im August 2018) zwei weitere Windmühlen entstanden.

Sei es aus Verärgerung über die bestehenden Mahl-Verhältnisse, einer zentraleren Lage wegen oder schlichtweg aus wirtschaftlichen Erwägungen, 1871 ließ eine Interessengemeinschaft mitten im Dorf eine weitere Windmühle errichten. Auf diese neue Konkurrenzsituation reagierte der Besitzer der Feldmühle, Carl Meyer (1816-1884), dann 1876 mit dem Bau eines weiteren Galerieholländers am Ortsausgang nach Bruchhausen, der sogenannten Stührmühle. Aufgrund der zahlreichen Streitereien, Anfechtungen und Anfeindungen sprach der Chronist Rudolf Bode auch vom „Martfelder Mühlenkrieg“. Die Fehsenfeldsche Mühle an der Kirchstraße und die Stührmühle an der Bruchhauser Straße sind zwei weitere Bauwerke, die sich in die Reihe der etwa 20 Mühlen der heutigen Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen einreihen, von denen wir einige in unregelmäßigen Abständen in der Kreiszeitung vorstellen möchten.

Fehsenfeldsche Mühle

Der 1871 errichtete Galerieholländer hat mit 28 Metern eine beträchtliche Höhe, musste sich doch sein Flügelkreuz über den Dächern des Dorfs drehen, um genug Wind zu bekommen. Die Sockelgeschosse und das Galeriegeschoss des Mühlenturms sind aus Backstein, der Stapel ist aus Holz und mit Faserzementplatten verkleidet. Die Galerie besteht heute aus einer Stahlkonstruktion. Die Mühle ist mit Jalousieflügeln mit Stahlruten, zwei noch betriebsfähigen Schrotgängen, einem Feinmahlgang, einem Graupengang, einem Sichter und einem Sackaufzug ausgestattet. Als zusätzliche Antriebsaggregate dienten ab etwa 1930 Diesel- und Elektromotor. Wie ältere Aufnahmen zeigen, hatte die Mühle ursprünglich einen Steert, der später durch eine Windrose ersetzt wurde.

Beim großen Brand in Martfeld im Jahr 1881 gelang es der Familie des Pächters Winter, unter großem persönlichen Einsatz und unterstützt von vier Spritzen, die Mühle permanent mit Wasser zu überschütten und damit zu erhalten. Anders wäre wohl auch ein Übergreifen des Brands auf die Kirche und weitere Ortsteile nicht zu verhindern gewesen.

Im Jahr 1904 verkaufte die Interessengemeinschaft die Mühle für 24 000 Mark an den bisherigen Pächter Hermann Fehsenfeld (1864-1927) aus Kampsheide bei Asendorf. Im Besitz seiner Familie ist sie bis in die Gegenwart geblieben. Kurt Fehsenfeld (1935-1976), unverheirateter Enkel von Hermann Fehsenfeld, legte den Mühlenbetrieb 1971 still.

Im Jahr 1976 beschloss der Heimat- und Verschönerungsverein (HVV) den Erhalt der Mühle. Nachdem bereits 1960 die Flügel erneuert worden waren, erfolgte 1991 eine grundlegende Instandsetzung. Heute wird die das Martfelder Ortsbild prägende Mühle vom HVV für kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen, Lesungen und Konzerte sowie von der Gemeinde für standesamtliche Trauungen genutzt. Die Mühle soll in Zukunft von einer neuen LED-Anlage illuminiert werden.

Stührmühle

Dieses Bild zeigt die Stührmühle im Jahr 1935.

Der massive Mühlenturm des 1876 von dem Baumeister Fahlenkamp gebauten Galerieholländers ist 19 Meter hoch und hat einen achtkantig-konischen Unterbau. Auch Galeriegeschoss und Stapel bestehen aus verputztem, teilweise geteertem Mauerwerk. Die mit Windrose und Jalousieflügeln ausgestattete Stührmühle hatte ein ähnliches Erscheinungsbild wie die zwischen 1876 und 1882 errichteten Mühlen in Wedehorn, Engeln und Hassel.

Die Nutzungsdauer dieser Mühle war relativ kurz. Bereits 1909 verkaufte Bernhard Meyer, Sohn von Carl Meyer, sie an Heinrich Koröde (1876-1925). Anfang des Zweiten Weltkriegs wurde der Betrieb mit Einberufung von Johann Koröde (1907-1980) zum Wehrdienst eingestellt. 1945 erlitt sie schwere Schäden durch englischen Beschuss. 1949 mussten die Flügel abgenommen werden, 1994 auch die inzwischen verrottete Kappe. Bis 1954 nutzte man noch einen Elektromotor, um geringfügige Mahltätigkeiten auszuführen.

Die Nutzungsdauer der Stührmühle war relativ kurz.

Die heute ein Notdach tragende Mühlenruine steht gleichwohl unter Denkmalschutz. Aktuell laufen Bestrebungen für eine zumindest teilweise Sanierung. Das Anwesen ist heute im Besitz von Lothar Klerings und Marion Hofmann.

Weitere Martfelder Mühlen

Der Vollständigkeit halber ist noch zu erwähnen, dass es in Martfeld neben den bislang vorgestellten drei Windmühlen zeitweise noch eine Motormühle an der Verdener Straße und auch noch eine Lohmühle gegeben hat. Über beide ist nur wenig bekannt, wegen ihrer eher untergeordneten Bedeutung wird an dieser Stelle nicht näher auf sie eingegangen.

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