Zwei besondere Läufer stellen sich einem besonderen Wettbewerb

Das Ziel lautet: Dampfeisenbahn bezwingen

Br.-Vilsen - In Bruchhausen-Vilsen startet am Sonntag, 29. Mai, der Wettbewerb „Mensch gegen Maschine“. Dort treten Läufer auf einer 7,8 Kilometer langen Strecke zwischen Vilsen und Asendorf gegen die Dampflok an. Wer das Rennen um Schnelligkeit gewinnt, ist völlig offen. In einem Interview haben wir mit Gerd von Seggern gesprochen, ein erfahrener Läufer und der Betreuer von Michael Fleischer, der ebenfalls an den Start geht. Was die beiden verbindet und so besonders an ihrer Teilnahme ist, lesen Sie im Inteview Die Fragen stellte Alina Pleuß.

Ein starkes Team: Gerd von Seggern (rechts) und sein Laufpartner Michael Fleischer (Mitte). Auch der Heizer der Museumseisenbahn drückt den beiden die Daumen für Sonntag.

Bitte stellen Sie sich und Michael einmal kurz vor.
Gerd von Seggern: „Michael ist 25 Jahre alt und Autist. Er hat einen wahnsinnigen Werdegang hinter sich. Er steht heute dort, wo auch andere in seinem Alter stehen. Zwar mit Einschränkungen, aber er hat eine unglaubliche Entwicklung vollbracht. Früher hat er nicht einmal gesprochen, doch in den vergangenen 14 Jahren Betreuung hat sich alles geändert. Mein Auftrag war von Anfang an: Integration in die Öffentlichkeit. Beim Laufen geht das sehr gut! Hier kann sich Michael auspowern und gleichzeitig runterfahren. Ich bin Michaels Betreuer, 52 Jahre alt und von Beruf Heilerziehungspfleger. Wobei statt von Beruf eher von einer Berufung gesprochen werden sollte. Es macht mir unglaublich viel Spaß, zu sehen, was man alles erreichen kann, und die Entwicklungen bei den Menschen zu sehen, vor allem bei Michael. Er hat, seit ich ihn betreue, tanzen, schwimmen und sprechen gelernt.“

Warum nehmen Sie an dem Wettbewerb „Mensch gegen Maschine“ teil?
Gerd von Seggern: „Wir haben uns nicht nur mit großer Freude dafür entschieden teilzunehmen, wir unterstützen den Wettbewerb auch in Form von Werbung und Flyern. Zum einen ist es eine ganz fantastische Sache, da Michael und ich sehr großes Interesse für Dampfeisenbahnen hegen und selber langjährige Läufer sind. Und zum anderen ist der Gedanke, dabeizusein, großartig. Man lernt bei solchen Veranstaltungen tolle Leute kennen. Das ist genau das, was wir wollen, dass Menschen mit Handicap dabeisein können und integriert werden. Trotz geistiger Behinderung können sie bei diesem außerordentlichen Event mitmachen. Obwohl ich statt des Wortes Behinderung lieber Einschränkung sage, denn es gibt ja letztlich zahlreiche Einschränkungen wie auch das Alter, die jeden Menschen auch irgendwo verbinden.“

Was ist Ihr Ziel bei dem Wettbewerb?
Gerd von Seggern: „Sekundär ist das Ziel dabeizusein und tolle, neue Leute kennenzulernen. Primär ist das Ziel natürlich, die Dampfeisenbahn zu bezwingen! Wir haben den eher langsameren Lauf gewählt, aber aus taktischen Gründen, da es für Michael hier einfacher sein wird, eine bessere Leistung zu erzielen und den Kampf gegen die Lok zu gewinnen. Wenn 100 Leute antreten, sehe ich uns ganz klar unter den besten 20. Michael hat bisher schon so unglaubliche Leistungen erzielt wie letztes Jahr beim Halbmarathon in Bremen, als er 21 Kilometer in zwei Stunden und drei Minuten gelaufen ist. Das muss man erst mal schaffen! Für Michael zählten bei solchen Veranstaltungen natürlich auch besonders der Spaß und der Aspekt der Gesundheit. Denn er weiß, wie wichtig Bewegung für den Körper ist.“

Wie sind Sie auf den Wettkampf aufmerksam geworden?
Gerd von Seggern: „Die Details zum Wettbewerb sind mir an unterschiedlichen Stellen aufgefallen. Aber am intensivsten wohl bei der Eisenbahn, wo darüber informiert wurde. Ich unterstütze die Eisenbahn, da auch hier tolle Events veranstaltet werden wie zum Beispiel an Nikolaus, wo die Integration aller Menschen in ihre Gemeinschaft reibungslos verläuft. Sie haben sogar seit einigen Jahren einen Waggon, in dem auch Rollstuhlfahrer problemlos ein- und aussteigen können. Alle Mitglieder bei der Eisenbahn arbeiten ehrenamtlich. Dieses Engagement finde ich wirklich sehr lobenswert. Michael und ich gratulieren als Eisenbahnliebhaber auch herzlich zum 50. Geburtstag.“

Wie kam es, dass Sie mit Michael angefangen haben, zu laufen?
Gerd von Seggern: „Das ist eine sehr wichtige Frage. Michaels Mutter und ich haben uns schon als er noch klein war, immer wieder überlegt, wie er am besten an allem teilhaben kann, was gut für ihn wäre und wie er am besten integriert wird. Bis zu seinem 17. Lebensjahr war er Mitglied in einer Kinderturngruppe, was dann allerdings aufgrund seines Alters irgendwann keinen Sinn mehr hatte. Dann haben wir überlegt, was ihm Spaß machen könnte. Wir waren im Fitness-Studio, beim Schwimmen und haben auch das Laufen ausprobiert. Hier hat er dann am meisten Entwicklung gezeigt und es hat ihm großen Spaß gemacht. Und heute kann man sehen, dass sich diese Investition von Training wirklich gelohnt hat. Wir trainieren auch demnächst wieder für den Halbmarathon in Bremen. Und letzte Woche haben wir gerade erst die Generalprobe für „Mensch gegen Maschine“ gelaufen. Gerade zur dieser Zeit fuhr eine Lokomotive und wir haben gewettet, ob wir es schon heute schaffen. In 41 Minuten haben wir es dann gemeistert, die Lokomotive auf einer Strecke von 7,8 Kilometern zu besiegen. Eine gelungene Generalprobe also! Für einen Autisten ist Vorbereitung alles, damit er sich an die Situation gewöhnen kann.“

Wieso macht Ihnen das Laufen Spaß?
Gerd von Seggern: „Wenn man beim Laufen eine Schwelle durchbrochen hat, fühlt man sich durch die freigesetzten Endorphine wie neu geboren. Körperlich merke ich zwar schon, dass ich mit meinen 52 Jahren nicht mehr so laufe wie ein 20-Jähriger, aber es ist trotzdem ein tolles Gefühl, sehen zu können, dass ich meine Zeiten halte. Außerdem tut das Laufen sowohl der Seele als auch dem Körper gut.“

Inwiefern ist Laufen für Inklusion und für Autisten wichtig?
Gerd von Seggern: „Es ist einfach absolut empfehlenswert. Der inklusive Gedanke ist hier das ,Dabeisein’. Durch Veranstaltungen des gemeinsamen Laufens kommen die Menschen zusammen und lernen sich kennen. Man ist Teil einer Gemeinschaft und gerade das ist bei der Inklusion unglaublich wichtig. Ein Autist zieht sich normalerweise zurück und meidet die Masse. Bei Michael ist das durch das Laufen wesentlich besser geworden. Durch Ausdauer-Sportarten können die Autisten sich ordentlich auspowern, Kontakte knüpfen, Nähe kennenlernen, Gespräche suchen, Druck abbauen und im Sinne unseres kommenden Events ganz besonders: Dampf rauslassen!“

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