Professor Niko Paech erläutert in Asendorf-Arbste, warum weniger Konsum mehr ist

Zeit für „ökologischen Anstand“

Dicht gedrängt in der Waldscheune: Sitzplätze waren heiß begehrt. Fotos: Hermann Schröder

Arbste – Drangvolle Enge in der Waldscheune auf dem Hof Arbste 7: Mehr als 100 Interessierte sind an diesem Freitag gekommen, um sich von Professor Niko Paech Impulse für ein Leben jenseits des klimaschädlichen Konsums geben zu lassen. Mehr als doppelt so viele sind aus Platzgründen nicht zum Zuge gekommen: „Es hätten 250 Zuhörer sein können“, berichten die Gastgeber, Peter und Vera Henze vom Verein „Land & Kunst“, über einen außergewöhnlichen Ansturm bei der Anmeldung.

Wer Glück hat an diesem Abend, hat sofort einen Stuhl ergattert. Darauf die Botschaft: „Du musst Dein Leben ändern.“ Wie das geht, das erläutert Niko Paech eindrucksvoll. Es ist eine kurzweilige Mischung aus Fakten, Thesen und treffendem Humor, mit der er einen neuen Blick aufs Leben wirft. „Die Menschen in Mitteleuropa waren noch nie so reich und so gebildet wie heute“, so der Nachhaltigkeitsforscher zunächst. Aber sie seien auch noch nie so psychisch belastet gewesen.

„Die Atmosphäre steht am Abgrund“, warnt Paech – und blickt auf „dekadenten Luxus“ wie Flugreisen. Ganz zu schweigen davon, dass der Wohnraum von 15 Quadratmetern pro Bundesbürger in den 1950er-Jahren auf heute 46,5 Quadratmeter angestiegen sei. Zuviel Wohnraum, Güterverkehr, Flüge und Autos – belastende Faktoren für das Klima, genauso wie übermäßiger Konsum: „Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen“, bringt es der 58-jährige auf den Punkt.

Der Volkswirt mit Entertainer-Fähigkeiten beschreibt die Deutschen als Plastikabfall-Rekordhalter in Europa, erinnert an Flächenversiegelung, Insekten- sowie Singvögelsterben und ist mit Blick auf die Nahrungsmittel- und Trinkwasserversorgung überzeugt: „Wir werden demnächst Notstände erleben.“

Die Technik, so Niko Paech, scheidet als Regulativ aus. Immer mehr Industrialisierung und Technisierung könne uns nicht retten. Paech erteilt der „infantilen Fortschrittsbesoffenheit“ eine klare Absage. Er fordert: „Wir müssen das industrielle Wachstum bremsen und die De-Industrialisierung einleiten.“

Die Politik eignet sich nach Einschätzung des Nachhaltigkeitsforschers ebenso wenig als Regulativ – systembedingt. Denn die Geschichte des Parlamentarismus sei eine des „Geschenke-Verteilens“, sprich sie lebe von Wahlversprechen. Niemand werde gewählt, der weniger Arbeitszeit und weniger Geld für Arbeitnehmer verspreche. Anderseits: „Politik müsste uns das Handwerk legen und dafür sorgen, dass wir sparsamer mit Energie, Autofahren, Flügen und Plastik umgehen. Aber das wird keiner wagen!“

Doch die Probleme, davon ist Paech fest überzeugt, lassen sich nur durch Reduktionsleistungen lösen. Deshalb propagiert er Suffizienz – Verzicht – und „ökologischen Anstand“: Für ihn ist es das einzig wirksame Regulativ. Denn die existenzielle Frage laute: „Was darf sich ein einzelnes Individuum an materiellen Freiheiten nehmen, ohne ökologisch und sozial über seine Verhältnisse zu leben?“

Ganz bewusst führt der 58-Jährige seinem Publikum in Arbste den Ablasshandel im Mittelalter vor Augen, einst käufliche Gewissensentlastung. „Heute glaubt keiner mehr an die Hölle. Aber die Menschen haben Angst, politisch und ökologisch unkorrekt zu sein.“ Die Folge: „Sie kaufen im Supermarkt einen Demeter-Brühwürfel und eine Flasche Bionade, um wegen des Flugs nach Indien kein schlechtes Gewissen zu haben.“

Die Energiewende sei „pure Techniküberschätzung“, Strom aber die Basis der modernen Gesellschaft: „Wenn der Strom ausfällt, sind wir handlungsunfähig und müssen womöglich sterben, wenn es im Krankenhaus keinen gibt.“ Aber: „Niemand stirbt, wenn er nicht nach Mallorca in den Urlaub fliegt.“

Deshalb wirbt Paech für ein konsequentes „Weniger ist mehr“. Gelebt von Menschen, die 20 statt 40 Stunden arbeiten und weniger Geld verdienen, ihre Zeit in die Produktion von Nahrungsmitteln investieren und sowohl Kleidung als auch Technikgeräte reparieren (lassen) statt wegzuwerfen. Die gemeinschaftliche Nutzung von Handwerksgeräten, Autos und Waschmaschinen gehört genauso dazu. „Suffizienz ist Lebenskunst“, so der Professor. Er ist fest überzeugt: „Das ist eine wahre Befreiung!“

In der anschließenden, lebhaften Diskussion ist schnell klar: Dieses Modell des „ökologischen Anstands“ muss von Menschen gelebt und im besten Fall zum neuen Trend werden. Ein erster Schritt ist schon heute möglich. „Einkaufen in der Region können Sie schon jetzt“, gibt Paech seinem Publikum noch mit auf den Weg.

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