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Alle Flüchtlingskinder werden am Gymnasium Bruchhausen-Vilsen betreut

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Von: Anne-Katrin Schwarze

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„Ich gehe, Du gehst...“: Unterricht in der Sprachlernklasse für ukrainische Kinder und Jugendliche.
„Ich gehe, Du gehst...“: Unterricht in der Sprachlernklasse für ukrainische Kinder und Jugendliche. © Anne-Katrin Schwarze

Br.-Vilsen – „Guten Morgen“, sagt Jenny Döhl langsam und betont, wenn sie zur dritten Stunde in den bis auf den letzten Platz gefüllten Klassenraum kommt. Als Antwort erhält sie ein Gemurmel, das einem „guten Morgen“ ähnelt. Ein zögerlicher Start in eine Doppelstunde „Deutsch als Fremdsprache.“ Aber ein Anfang. Das Gymnasium Bruchhausen-Vilsen betreut alle zehn bis 18-jährigen Schüler, die aus der Ukraine geflüchtet und in der Samtgemeinde untergekommen sind.

Ende vergangener Woche waren es etwa 30. Weitere zehn seien für diese Woche angekündigt. „Aber das kann sich ständig ändern“, weiß Jenny Döhl. Die stellvertretende Schulleiterin ist die Ukraine-Beauftragte an der Schule. Auch weil sie russisch spricht. Das kann außer ihr im 63-köpfigen Kollegium nur eine weitere Referendarin. Die neuen Schüler hingegen sprechen kein Deutsch, die älteren unter ihnen aber zum Teil Englisch. Zwei Schulstunden pro Tag sitzen alle zusammen in einem Raum und lernen „Ich, du, er/sie/es…“, „Ich heiße…“, erste Vokabeln wie „Stift“, „Heft“, „Klasse“.

„Es ist eine Herausforderung“, sagt Schulleiterin Lisa Peitzmeier-Stoffregen. „Für alle Beteiligten.“ Dabei scheint ihre Schule verhältnismäßig gut aufgestellt. So gut, dass sie ihre Lehrkräfte für 68 Unterrichtsstunden pro Woche an andere Schulen abgeben muss: 13 an die Oberschule nach Schwaförden, 55 an verschiedene Grundschulen.

Mit reduzierter Kraft stehen die Pädagogen jetzt vor der Aufgabe, Kriegsflüchtlinge zu integrieren. „Niemand von uns weiß, was die Kinder erlebt haben“, sagt Jenny Döhl. „Aber wir sind überzeugt: Sie brauchen Gleichaltrige um sich herum, um sich wohlzufühlen.“ Daher sind die ukrainischen Schüler je nach Alter Klassen aller Jahrgänge zugeordnet und nicht – außer zum Deutschlernen – in einer isolierten Gruppe. Eine Erfahrung aus den Jahren 2015/16, als mit jener Fluchtwelle bis zu 30 Syrer Schüler des Gymnasiums wurden, sagt Lisa Peitzmeier-Stoffregen.

Alle ukrainischen Kinder ab zehn Jahre besuchen übrigens das Gymnasium, egal, von welcher Schulform sie kommen. Die Oberschule nebenan kümmert sich um alle Kiner der afghanische Ortskräfte.

Dem eigentlichen Unterricht können die Ukrainer noch nicht folgen. Aber das sei im Moment noch nicht wichtig. „Wir lassen sie erst einmal ankommen. Sie sollen sich in Ruhe vom Erlebten erholen und spüren, dass unsere Schule ein sicherer Ort ist“, erklärt Jenny Döhl das Konzept.

Dabei bringe sich auch die Schülerschaft ein. „Viele haben sich gemeldet, um den neuen Mitschülern zu helfen“, erzählt die Schulleiterin. Es gebe Willkommenstreffen, da werde gespielt oder es werden Waffeln gebacken. Es gebe Paten, die den Fremden die Schule mit ihren vielen Räumen zeigen. Und vor allem gebe es zahlreiche Dolmetscher. Etwa 20 Gymnasiasten sprechen russisch, weil bei ihnen zu Hause russisch gesprochen werde. Meist mit den Großeltern. Zwei Schüler können auch ukrainisch. „Sie helfen uns sehr“, betont Lisa Peitzmeier-Stoffregen. Denn die Verständigung ist derzeit die größte Hürde.

Das Ukrainische ist dem Russischen eng verwandt. Alle ukrainischen Schüler sprechen daher russisch. Auch weil es jede Menge verwandtschaftliche Beziehungen gibt, lernt man über die komplizierten Verhältnisse im Nachbarland unsere Nachbarlands. Doch in der germanischen Sprache Deutsch und der slawischen Russisch gibt es kaum Gemeinsamkeiten. „Guten Morgen“ lässt sich weder optisch noch klanglich von „Dobroye utro“ ableiten. Ganz anders als das englische „good morning“.

Und doch sind es vor allem die Englisch- und Französisch-Lehrkräfte, die die Sprachlernklasse betreuen. „Sie wissen am besten, wie man eine fremde Sprache vermittelt“, sagt Jenny Döhl. Einfache Sätze, ein Vokabular aus dem (Schul-) Alltag der Kinder, die Pronomen, das ist Unterrichtsinhalt der Sprachlernklasse. „Wir sind dabei, geeignetes Material und Bücher zu bestellen, das haben wir ja nicht im Regal“, berichtet die Schulleiterin. Auch Headsets, Kopfhörer mit Mikrofon, werden benötigt. Damit können die Schüler am Online-Unterricht teilnehmen, den ukrainische Lehrer anbieten. Kaum noch einer von ihnen aus der Ukraine heraus, viele seien nach Polen geflohen.

Seitdem die ersten Schüler am 14. März in die Schule kamen, werde noch viel improvisiert. „Wir sind nicht perfekt, aber wir machen das Beste daraus“, sagt Jenny Döhl. Mit jetzt etwa 30 Schülern ist die Sprachlernklasse mehr als voll. Weil mindestens weitere zehn Schüler angekündigt sind, gibt es seit dieser Woche eine zweite. Eine Gruppe für Schüler mit ersten Kenntnissen, eine für Schüler, die noch mehr Unterstützung brauchen. Ein Lernbüro soll eingerichtet werden, in dem die Ukrainer am Homeschooling in ihrer Muttersprache teilnehmen können. In einigen Räumen wird es eng, weil niemand mit vier, fünf oder sechs Neuzugänge im laufenden Schuljahr pro Klasse gerechnet hat.

„Es gibt viel zu organisieren“, berichtet Lisa Peitzmeier-Stoffregen. Für wie lange, sei allerdings völlig offen. Die meisten Ukrainer wollen so schnell wie möglich zurück in ihr Land. Die Fernsehbilder vermitteln, dass das nicht heute und nicht morgen sein wird.

„Ich bin stolz auf unsere Schüler“, sagt die Schulleiterin. Nicht nur, weil sie hilfsbereit, sondern vor allem, weil sie offen seien. Wer in der Schule russisch spreche, werde nicht schief angesehen. „Ich habe nicht gehört, dass es wegen der Abstammung unser Schüler je zu Problemen gekommen ist“, berichtet sie. Die Sprache der Angreifer wird hier zur Sprache der Helfer. So kompliziert kann die Welt sein.

„Guten Morgen“, sagen die ukrainischen Schüler noch zaghaft, wenn die Lehrer in die Klasse kommen. Untereinander begrüßen sich die Kinder mit „Privet“, „Hallo“. Das geht auch den deutschen Kindern zunehmend lässig über die Lippen.

Praktikantin Abigail schreibt:

Am „Zukunftstag“ hat die elfjährige Abigail in den Alltag der Redaktion der Kreiszeitung reingeschnuppert. Sie besucht die fünfte Klasse des Gymnasiums in Bruchhausen-Vilsen und hat für diesen Artikel mit zwei der ukrainischen Jugendlichen an ihrer Schule gesprochen. Abigail schreibt:

„Die Kinder heißen Hena und Alyona. Ich habe sie gefragt, wie es ihnen geht. Es geht ihnen gut, haben sie geantwortet. Sie kommen aus der Stadt Kiew. Die meisten ihrer Freunde sind noch da, sie haben online Kontakt mit ihnen. Aber die zwei vermissen ihre Freunde sehr.

In Kiew gibt es 140 verschiedene Schulen, die man nach seinen Stärken und Schwächen aussuchen kann. Hena ist 17 Jahre alt und geht auf eine Schule mit viel Englisch-Unterricht. Daher kann er das sehr gut. Er ist der große Bruder von Alyona. Sie ist 15 Jahre alt und geht auf eine Schule, die viel Wirtschaft unterrichte, kann aber auch gut Englisch. Die beiden sind Geschwister und haben noch eine kleinere Schwester, die jetzt auch in Bruchhausen-Vilsen zur Schule geht.

Sie sind am 2. März mit ihrer Mutter nach Lemberg (Lwiw) an der Grenze von Polen geflüchtet, dort war es am Anfang des Krieges sicherer. Dann sind sie aber weiter nach Krakau in Polen geflohen, von da nach Warschau, auch eine Stadt in Polen, dann weiter nach Berlin. Sie wissen nicht genau, warum sie jetzt in Bruchhausen-Vilsen sind. Da waren Freiwillige, die haben sie mitgenommen. Sie denken, es war Zufall, dass sie jetzt hier sind.

Sie wohnen jetzt in Bruchhausen-Vilsen in einer großen Wohnung, in der sie zwei Zimmer bewohnen. In derselben Wohnung leben außerdem noch zwei weitere Landsleute, die sie aber vorher nicht kannten. Ihr Vater musste in der Ukraine bleiben, wie alle anderen Männer. Sie werden zu Soldaten ausgebildet, wenn die Ukraine sie braucht.

Hena und Alyona haben in Bruchhausen-Vilsen schon viele neue Freunde gefunden, vor allem in der Schule. Deutsch finden sie kompliziert, bei der deutschen Sprache fallen ihnen die langen Wörter auf.

Die ukrainischen Kinder üben die drei Artikel, denn in ihrer Sprache gibt es nur zwei. Sie sagen zum Beispiel „das Sonne“, wir „die Sonne“. Hena und Alyona finden es ungewohnt, dass sie die anderen Kinder und Lehrer nicht verstehen. Sie wollen schnell Deutsch lernen, um sich besser verständigen zu können. Sie sagen: „Wir haben das Gefühl, Glück zu haben, hier gelandet zu sein, denn hier ist Frieden.“

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