Wenn der Schienenstrang den Rhythmus vorgibt

Blues im Zug zwischen Bruchhausen-Vilsen und Heiligenberg

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Die australische Sängerin Jessie Gordon konnte mit ihrem erstaunlichen Stimmvolumen Akzente setzen und war persönlich von der Idee „Blues on the Train“ begeistert. 

Br.-Vilsen - Von Ulf Kaack. Die Rezeptur hinter dem „Europe Blues Train Festival“ ist so simpel wie charmant: ein paar ambitionierte Musiker mit erdigen handgemachten Songs, dazu ein euphorisches Publikum und das Ganze serviert in einem historischen Eisenbahnzug in Fahrt.

So geschehen am Samstag bei der Museumsbahn, wo „Ginger Blues“ und die „Charlie Slavik Revue“ zunächst auf dem Schienenstrang und anschließend im Alten Gaswerk gastierten.

Wie viele Blues-Songs passen zwischen die Bahnhöfe Bruchhausen-Vilsen und Heiligenberg? Das muss man nicht wissen, aber es sind exakt vier. Dies zu beweisen war allerdings nicht der Grund, aus dem sich rund drei Dutzend Freunde des kultig-antiquierten Musikstils mit Wurzeln in den USA auf eine kurze, aber umso intensivere Bahnreise gen Süden begaben. Zum zweiten Mal machte das „Europe Blues Train Festival Station“ im Luftkurort und präsentierte zwei Formationen, die weit über den Tellerrand des Genres herausblickten – und das an zwei ungewöhnlichen Orten.

Nicht die Trillerpfeife des Zugführers, sondern die Mundharmonika von Charlie Slavik gab das Startsignal für den Lokführer, die 1942 gebaute Diesellokomotive V1 in Bewegung zu setzen. Los ging’s – und fortan standen der Schlagzeuger und der rumpelnde Schienenstrang in direkter Konkurrenz darum, wer denn nun den Rhythmus vorgibt. Nach der ersten Weiche und einem ruppigen Schlenker des Konzertwaggons entschieden sich die Musiker, im Sitzen weiterzuspielen. Einzig Frontman Slavik krallte sich weiterhin tapfer an der Gepäckablage fest.

Im ungewöhnlichen Ambiente eines historischen Bahnwaggons überzeugte die „Charlie Slavik Revue“. - Foto: Ulf Kaack

Natürlich ging es unplugged zur Sache. Eine Snaredrum sowie zwei batteriebetriebe Verstärker reichten aus, den Sound flächig im Waggon zu verteilen. Und der Funke sprang schon nach dem ersten Andreaskreuz über. Das Publikum konnte angesichts des vollkommen ungewohnten Ambientes und der sprühenden Spielfreude der vier tschechischen Musiker gar nicht anders, als kräftig mitzugehen. Sie ließen es swingen und bluesen, angereichert mit einer würzigen Prise aus Rock’n’Roll und Boogie-Woogie.

Kurzer Stopp mit Umbaupause am Bahnhof Heiligenberg: Während die Lokomotive für die Rückfahrt ans andere Ende des Zugs rangiert wurde, wechselten die Musiker auf der geschätzt fünf Quadratmeter großen Bühne. Nun war es die Berliner Formation „Ginger Blues“, die neben dem lautvernehmlichen Dieselmotor der Lok den Ton angab.

Aus dem Stand nahm die aus Australien stammende Sängerin Jessie Gordon das Auditorium für sich ein. Charismatisch und mit einem ungeheuer nuancierbaren Stimmvolumen wusste sie zu begeistern. Ihre Mitstreiter Dorian Gollis am Kontrabass und vor allem Gitarrist Jan Hirte, der in Deutschland zu den Besten seines Fachs gezählt wird, legten ein perfektes Fundament dafür. Bei jedem Bahnübergang ergänzte das Signalhorn der Diesellok unfreiwillig aber umso passender das Repertoire.

Elektrifiziert und energiegeladen ging es am Zielort weiter. Was sich in launiger Runde im Zug bereits ankündigte, entlud sich auf der Bühne des Alten Gaswerks.

Warme Gitarrensounds

Den Anfang machten „Ginger Blues“, nunmehr ergänzt um Keyboarder Matthias Falkenau. Warme Gitarrensounds mischten sich mit den Klängen von Barpiano und Hammondorgel. Es waren traditionelle Blueskompositionen, angereichert mit Elementen aus Swing und Soul, die durch den Gesang von Jessie Gordon eine unbeschreibliche Dynamik gewannen. Selbst den zweifellos tief unter die Haut gehenden Balladen verlieh die Australierin einen geradezu rockigen Drive.

Und die „Charlie Slavik Revue“ sattelte in Sachen Geschwindigkeit noch mal kräftig drauf. Orientiert an Vorbildern wie Gene Vincent und Eddie Cochran servierte das Quartett Rockabilly sowie Avancen aus Doo-Wop und der Frühphase des Rock’n’Roll. Akzente setzte dabei einmal mehr Sänger Charlie Slavik mit ausgedehnten Solopassagen an der Mundharmonika. Sein handliches Instrument beherrschte er dabei in Vollendung.

Ein Festival, das es zweifellos in sich hatte. Sowohl die Bands, als auch die beiden Locations hatten Charme und wussten in ihrer Synergie auf ganzer Linie zu überzeugen. Künstlerisch erstklassig und angereichert mit jeder Menge Spaß für die Akteure, vor allem aber fürs Publikum. Das hätte mit knapp 50 Gästen durchaus noch zahlreicher vertreten sein können, was der Stimmung im Clubambiente indes keinen Abbruch tat.

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