Hinlauftendenz: Demenzkranke vor allem im Winter gefährdet

Wenn Opa plötzlich weg ist

Ob in der Stadt oder auf dem Land: Demenzkranke sind im Winter oft besonders gefährdet.
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Ob in der Stadt oder auf dem Land: Demenzkranke sind im Winter oft besonders gefährdet.

Br.-Vilsen – Gerhard ist unterwegs – wohin, das weiß er nicht. Zumindest nicht mehr. Er erinnert sich noch, dass er sein Zimmer verlassen hat und etwas bei einem Bekannten abholen wollte. Der Rentner ärgert sich. Verdammt, was war das denn noch? Egal! Dann nur auf einen kurzen Besuch vorbeischauen. Aber zu wem wollte er noch gleich? Jetzt ist Gerhard komplett verwirrt und bekommt es mit der Angst zu tun. Er will zurück nach Hause, dreht sich um – aber die Straße vor seinen Augen ist ihm fremd.

Was Gerhard in dem fiktiven Beispiel passiert, ist keine Seltenheit. Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz – Tendenz steigend. 2050 könnten es laut Prognosen bereits drei Millionen sein. Bei der Krankheit, die vor allem Ältere betrifft, sterben nach und nach die Gehirnzellen ab. Die geistigen Fähigkeiten schwinden. Das bedeutet nicht nur Schwierigkeiten beim Kreuzworträtsel-Lösen. Eine Folge kann auch die sogenannte Hinlauftendenz sein. Betroffene verlassen das Haus und laufen mit einem bestimmten Ziel los, nur: Das Ziel gibt es oft gar nicht.

„Sie verfolgen ihre Erinnerungen“, fasst es Christopher von Spreckelsen zusammen. Er leitet die DRK-Tagespflege „Haus am Kurpark“ in Bruchhausen-Vilsen. Mit demenzkranken Menschen, die plötzlich ohne Rücksprache irgendwo hinlaufen, hat er regelmäßig zu tun. Bewusst wird dabei nicht der Ausdruck „weglaufen“ verwendet, denn die Menschen haben ja ein Ziel, sie laufen zu einem bestimmten Ort hin – und sei er nur in ihrem Kopf.

Was im Sommer nicht immer gefährlich sein muss, birgt in kalten Wintern große Gefahren. „Viele Demenzkranke haben nicht nur Probleme mit der Orientierung, sie sind häufig auch nicht mehr in der Lage, sich angemessen zu kleiden – also zum Beispiel im Winter warme Schuhe und einen Mantel anzuziehen – was extrem gesundheitsgefährdend enden kann“, schreibt von Spreckelsen in einer Mitteilung.

Daher appelliert der Einrichtungsleiter an Angehörige von Demenzkranken, gerade in dieser Zeit besonders wachsam zu sein. Vor allem in der Nacht sollten sie ihre Demenzkranken „gut absichern“, rät er. Eine bewusst vorsichtige Formulierung, denn: Einsperren, oder gar Fußglocken anbinden, ist nicht erlaubt. Das sei eine „strafrechtliche Sache“, so von Spreckelsen.

Wer sich dennoch des Nachts nicht ausschließlich auf seine Sinne verlassen möchte, für den hat der DRK-Mitarbeiter noch einen Tipp: GPS-Uhren, -Armbänder oder -Halsketten. Die gebe es schon für rund 100 Euro im Handel. Aber auch hier sei Transparenz und Rücksprache mit den Erkrankten oberstes Gebot. Immerhin erlauben die Sensoren eine durchgehende Standortbestimmung der Person. Nur im absoluten Notfall könne die Verwendung eines GPS-Senders gerichtlich erzwungen werden, so von Spreckelsen.

Aber nicht nur Angehörige von Demenzkranken können tätig werden, sondern auch jeder Einzelne. Wer etwa auf dem Parkplatz eine desorientierte Person sehe oder von ihr angesprochen werde, solle ruhig eine Unterhaltung mit ihr beginnen und sie nicht alleine lassen, rät der Fachmann. Oft zeige schon ein normales Gespräch, ob die Person zurechnungsfähig ist oder sich zum Beispiel die ganze Zeit wiederholt. Ansonsten würden Leitfragen helfen wie: Kann ich Ihnen helfen? Kennen Sie sich hier aus? Wollen wir ein Stück zusammen gehen?

Eine Regel sollte allerdings unbedingt beachtet werden: „Auf keinen Fall anfassen!“ Keiner wolle schließlich von fremden Menschen einfach berührt werden. Einzige Ausnahme: wenn Gefahr in Vollzug ist.

Wer den Verdacht hat, das Gegenüber könne orientierungslos und möglicherweise dement sein, der sollte umgehend die Polizei kontaktieren, so von Spreckelsen. Die Beamten können die Person dann sicher unterbringen, Vermisstenfälle nachschauen und die Herkunft ermitteln.

Aufmerksam zu sein und im richtigen Moment die Polizei zu rufen, wird dabei immer wichtiger. Eine steigende Tendenz bei den degenerativen Hirnerkrankungen hat auch von Spreckelsen festgestellt. „Ich kann bestätigen, dass die Zahl der Demenzerkrankten zugenommen hat“, so der DRK-Einrichtungsleiter. Entsprechend würden die Fälle von Hinlauftendenzen zunehmen. Faktoren, die ein solches Verhalten bei Demenzerkrankten begünstigen, kann der Pflegefachmann nicht direkt nennen. Doch neben dem Grad der Erkrankung könnte vor allem ein Umstand eine Rolle spielen, vermutet er: Wer in einer gewohnten Umgebung, zum Beispiel dem Elternhaus, lebe, der laufe erfahrungsgemäß seltener irgendwo hin. Denn: Meist sind es bekannte Orte oder Gesichter aus der Vergangenheit, denen die Demenzkranken einen kleinen Besuch abstatten wollen.

Hilfe für Angehörige

Christopher von Spreckelsen hat nebenbei eine freiberufliche Lehrtätigkeit beim Senioren- und Pflegestützpunkt „Umsorgt Zuhause“ in Bruchhausen-Vilsen. Dort berät er auch explizit zu Folgen von Demenzerkrankungen wie der Hinlauftendenz. Hilfesuchende Angehörige erreichen die Einrichtung unter 04252 / 90 90 272.

Von Luka Spahr

Viele Demenzkranke haben nicht nur Probleme mit der Orientierung, sie sind häufig auch nicht mehr in der Lage, sich angemessen zu kleiden – also zum Beispiel im Winter warme Schuhe und einen Mantel anzuziehen – was extrem gesundheits-gefährdend enden kann.

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