Vize-Landrat Ulf Schmidt muss ausscheiden /  Patrick Bade gelingt Hattrick

Wählerwille wirkt wie Katapult

Muss ausscheiden, obwohl die Grünen vier Prozent mehr Stimmen haben: Ulf Schmidt aus Bruchhausen-Vilsen.
+
Muss ausscheiden, obwohl die Grünen vier Prozent mehr Stimmen haben: Ulf Schmidt aus Bruchhausen-Vilsen.

Landkreis Diepholz. Wenn sich der neu gewählte Kreistag am 1. November konstituiert, dann wird es ungewöhnlich viele neue Gesichter zu sehen geben. Denn fast die Hälfte der Mandatsträger ist neu im obersten Entscheidungsorgan des Landkreises, 28 Abgeordnete sind zum ersten Mal dabei. Nur 34 Kreistagsmitgliedern haben die Wähler eine Fortsetzung ihrer Arbeit ermöglicht.

Genau das ist im Vergleich zu anderen Kreistagswahlen eine ungewöhnliche Dynamik, denn in der Regel sind etwa ein Drittel der Gewählten neu.

Diesmal haben Wählerwille und Wahlmöglichkeiten wie ein Katapult gewirkt – zumindest bei zwei Persönlichkeiten: Ulf Schmidt, Fraktionsvorsitzender der Grünen und stellvertretender Landrat, ist nicht wieder gewählt worden und muss nach einem Vierteljahrhundert aus dem Kreistag ausscheiden – für viele eine Überraschung.

Dagegen ist Patrick Bade, Wählergemeinschaft „Sulingen!“, genauso überraschend ein Wahl-Hattrick gelungen: Das Bürgermeisteramt in Sulingen, ein Stadtratsmandat und einen Kreistagssitz gleichermaßen vertrauten die Wähler dem Newcomer an. Aber: Nur ein Mandat kann Patrick Bade annehmen. Als hauptamtlicher Bürgermeister von Sulingen darf er deshalb auch nicht im Kreistag sitzen. Das bestätigt Kreiswahlleiter Wolfram van Lessen, der auf ein Verwaltungsgerichts-Urteil verweist.

Im Kreistag werde „Sulingen!“ voraussichtlich durch Markus Liebs vertreten, so der neue designierte Sulinger Bürgermeister. Seine Freude über das große Vertrauen, das die Sulinger Wähler in ihn setzen, ist groß.

Auf Kreisebene hat die Wählergemeinschaft „Sulingen!“ zwar nur ein Prozent der Stimmen erringen können, Patrick Bade aber den Löwenanteil davon – sprich 1 989 von 3 051.

Mit 66 Stimmen in den Kreistag

Nur mit einem kleinen Bruchteil dieser Summe, mit gerade einmal 66 Stimmen, gelang dem grünen Bewerber Wolfgang Depken der Sprung in den Kreistag. Sein Glück: der Listenplatz 2 im Wahlbereich Stuhr.

Nur für Listenplatz 4 hatte es dagegen für Ulf Schmidt im Wahlbereich Bruchhausen-Vilsen/Syke gereicht, die Bewerber aus diesen beiden Kommunen mussten sich auf eine Reihenfolge einigen. Obwohl seit 25 Jahren im Kreistag und seit zwei Jahrzehnten Fraktionsvorsitzender, musste sich Ulf Schmidt mit einem unvorteilhaften Platz begnügen. „Ich bin nicht aus allen Wolken gefallen“, sagt er zu seiner Nicht-Wiederwahl.

Aber er weiß, dass es durchaus hätte anders kommen können und er wahrscheinlich wieder im Kreistag säße – wenn ein grüner Kandidat nur etwas eher umgezogen wäre: Heinz-Jürgen Michel zieht über den Listenplatz 2 in den Kreistag ein. Bei deren Aufstellung hatte er noch in Syke gewohnt, nun aber ist er Bürger der Stadt Bassum. Wäre er vor der Aufstellung der Liste nach Bassum gezogen, wäre Platz 2 für Ulf Schmidt möglich gewesen. Denn Bassum gehört zu einem anderen Wahlbereich, für den übrigens Romuald Buryn in den Kreistag einzieht – per Listenplatz 2. Buryns 197 Direktstimmen hätten dafür nicht gereicht. Auch die von Ulf Schmidt nicht, aber er heimste mehr als das Fünffache ein: 999 persönliche Wählerstimmen bekam er. „Ich freue mich darüber, dass ich persönlich so ein gutes Ergebnis erzielen konnte“, so Ulf Schmidt. Deshalb scheide er „erhobenen Hauptes“ aus dem Kreistag aus. Viel Zeit hatte er in das Amt des Fraktionsvorsitzenden und des stellvertretenden Landrats investiert. Wie will er sie künftig nutzen? „Sie kommt meinen Enkelkindern zugute“, lacht der mittlerweile fünffache Opa.

2370 ehrenamtliche Wahlhelfer

Ein Kraftakt war der Wahlsonntag auch für die Wahlhelfer im Landkreis Diepholz. Denn in zehn von 15 Kommunen standen Bürgermeister zur Wahl, mussten genauso die Stimmen für die Stadt-, Samtgemeinde- sowie Gemeinde- oder auch Ortsräte ausgewertet werden. Nach Auskunft von Kreiswahlleiter Wolfgang van Lessen waren 2 370 ehrenamtliche Wahlhelfer im Einsatz, teilweise bis um 5 Uhr morgens.

Salopp gesagt waren es sechs „kleine Kreistagswahlen“, die auszuzählen waren: Der Landkreis mit seinen 15 Kommunen ist in sechs Wahlbereiche aufgeteilt, um die gerechte Vertretung im Kreistag sicherzustellen. „Für die Sitzverteilung findet das nach dem Engländer Thomas Hare und dem deutschen Mathematikprofessor Horst Niemeyer benannte Proportionalverfahren Anwendung“, erläutert die Landeswahlleiterin. Wie es genau funktioniert, beschreibt sie so: „Hierbei wird das Stimmenverhältnis proportional auf das Sitzverhältnis übertragen. Dazu wird die Gesamtzahl der in der jeweiligen Vertretung zu vergebenden Sitze mit der für einen Wahlvorschlag abgegebenen Stimmenzahl multipliziert und durch die Gesamtzahl aller abgegebenen Stimmen dividiert. Diese Berechnung ergibt Proportionalzahlen. Jeder Wahlvorschlagsträger erhält zunächst soviel Sitze, wie sich nach seiner Proportionalzahl für ihn ganze Sitze ergeben. Die danach noch zu vergebenden Sitze erhalten die Parteien, Wählergruppen oder Einzelbewerber mit den höchsten Zahlenbruchteilen. Innerhalb der Wahlvorschläge von Parteien und Wählergruppen kommen die Bewerber teilweise nach dem Grundsatz der Personenwahl (Reihenfolge nach der Zahl der persönlich erhaltenen Stimmen), teilweise nach dem Grundsatz der Listenwahl (Reihenfolge nach der Benennung im Wahlvorschlag) zum Zuge.“

Von Anke Seidel

Zur Wahldynamik ein
Kommentar von Anke Seidel:

Gerecht, aber schicksalhaft

So gerecht wie nur eben möglich sollen die Sitze für den Kreistag, für das oberste Entscheidungsgremium über die Lebenswelt Landkreis Diepholz, verteilt werden. Das ist gut so. Aber genau diese Gerechtigkeit hat manchmal fatale, ja schicksalhafte Wirkung. Wie zum Beispiel bei Ulf Schmidt, dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen.

Obwohl er seit 20 Jahren mit großem persönlichen Engagement diese Fraktion führt und sicher viel Kraft in den Ausgleich der unterschiedlichen Charaktere ihrer Mitglieder investiert, sitzt er künftig nicht mehr am politischen Entscheidungstisch des Landkreises. Das ist bitter – und ganz sicher kein gerechter Lohn für sein ehrenamtliches Engagement mit Herzblut.

Seine Nicht-Wiederwahl wirkt umso zynischer, als gerade Ulf Schmidts Partei mit einem Plus von vier Prozent die unangefochtene Siegerin der Kreistagswahl ist. Dass er als ihr Frontmann im Landkreis sehr wohl zu diesem Gewinn beigetragen hat, beweisen seine exakt 999 persönlichen Stimmen.

Es scheint unfassbar, dass ein anderer Grüner mit nur 66 Stimmen an ihm vorbei zieht – direkt in den Kreistag. Genau das wurzelt im Wechselspiel zwischen Direkt- und Listenwahl und den unterschiedlichen Ergebnissen in den sechs Wahlbereichen – ein komplexes System.

Unter dem Strich zieht die Hälfte der grünen Abgeordneten über die Liste in den Kreistag ein. Entschieden haben genau das Menschen, die allein die Partei gewählt haben – und keinen Kopf. Den Grünen ist zu wünschen, dass sie künftig einen ebenso ausgleichend wirkenden Kopf an ihrer Spitze haben, wie ihn Ulf Schmidt bewiesen hat. Denn eines steht fest: Nur im Konsens mit anderen Fraktionen, nur mit Kompromissbereitschaft, werden sie ihre politischen Ziele im Kreistag verwirklichen können.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

15 Ratsmitglieder in Weyhe verabschiedet

15 Ratsmitglieder in Weyhe verabschiedet

Meistgelesene Artikel

Plötzlich ist die Haustür weg: Mieter fühlt sich aus Haus heraus gemobbt

Plötzlich ist die Haustür weg: Mieter fühlt sich aus Haus heraus gemobbt

Plötzlich ist die Haustür weg: Mieter fühlt sich aus Haus heraus gemobbt
Der K70 vom Ätna: Andreas Kernke aus Drebber holt Volkswagen-Klassiker eigenhändig von Sizilien ab

Der K70 vom Ätna: Andreas Kernke aus Drebber holt Volkswagen-Klassiker eigenhändig von Sizilien ab

Der K70 vom Ätna: Andreas Kernke aus Drebber holt Volkswagen-Klassiker eigenhändig von Sizilien ab
Verletzte und hoher Sachschaden durch Unfall

Verletzte und hoher Sachschaden durch Unfall

Verletzte und hoher Sachschaden durch Unfall
65-jähriger Mann ertrinkt im Weyher Wieltsee

65-jähriger Mann ertrinkt im Weyher Wieltsee

65-jähriger Mann ertrinkt im Weyher Wieltsee

Kommentare