Vorgängerin der Realschule

Vor 60 Jahren: Grundsteinlegung der Mittelschule in Bruchhausen-Vilsen

Ansicht eines großen Rotsteinhauses von der Jahrhundertwende in Sepia.
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Nicht nur die Volksschule war im Haus Lange Straße 89 untergebracht, auch die Mittelschule zog dort ein. Für deren Besuch musste man übrigens bis 1954 Schulgeld zahlen.

Br.-Vilsen – Vor fast genau 60 Jahren, am 20. Dezember 1960, wurde auf dem Moorfeld in der Nähe des Bahnhofes der Grundstein für das Neubauprojekt Mittelschule gelegt, das man dann mit der Einweihung am 14. März 1962 zu einem vorläufigen Abschluss führte. Anlass genug, um einen kurzen Blick auf die Historie und weitere Entwicklung der in dieser Form heute nicht mehr bestehenden Schule zu werfen.

Da der Begriff „Mittelschule“ vielen jüngeren Menschen nicht mehr geläufig ist, zunächst einmal eine vereinfachte Beschreibung des seinerzeit in Volks-, Mittel- und Oberschule gegliederten Schulsystems: Die der heutigen Hauptschule entsprechende Volksschule, die mit ungefähr 75 Prozent das Gros der Schüler bis zum achten Schuljahr besuchte, bildete den Unterbau des damaligen Bildungssystems und vermittelte ein für die meisten Berufe in Handwerk, Handel und Landwirtschaft erforderliches Grundwissen.

Sofern sie über entsprechende Begabungen verfügten, die zunächst noch durch eine Aufnahmeprüfung nachgewiesen werden mussten, konnten etwa 20 Prozent der Schüler ab dem fünften Schuljahr die Mittelschule besuchen, für die sich später die Bezeichnung Realschule durchsetzte. Der Unterrichtsstoff, der auch das Erlernen einer Fremdsprache beinhaltete, ermöglichte mit dem Erreichen der Mittleren Reife den Einstieg in anspruchsvollere Tätigkeiten.

Die verbleibenden fünf Prozent der Schüler hatten die Möglichkeit, zur Oberschule, dem heutigen Gymnasium, zu gehen. Nur dort konnten sie mit dem Abitur den Zugang zu einem Universitäts- oder Hochschulstudium erlangen. Akademische Abschlüsse waren seinerzeit Voraussetzung, um Mediziner, Jurist oder Ingenieur zu werden. Die Oberschüler rekrutierten sich in den 1960er-Jahren fast ausschließlich aus gut situierten Familien, in denen von vornherein ein höheres Bildungsniveau der Kinder angestrebt wurde, zumal die Eltern meist selbst entsprechend vorgebildet waren. Dass diese Kinder die in sie gesetzten Erwartungen längst nicht immer erfüllen konnten, ist an vielen Beispielen belegt. Bezeichnend hierfür ist auch der sprichwörtliche, in verschiedenen Varianten bekannte Spottvers „Pastors Kinder und Müllers Vieh, geraten selten oder nie“.

Die Bruchhauser Mittelschule wurde 1939 gegründet und offiziell am 10. April eröffnet. Das Hoyaer Wochenblatt vermerkte am 18./19. März 1939: „Wie bereits kurz berichtet wurde, tritt hier nach den Osterferien eine staatliche Mittelschule ins Leben. Mehr als 70 Kinder sind bereits zum Besuch angemeldet worden.“ Aus diesem Bericht sowie zahlreichen anderen Archivalien geht weiter hervor, dass es vor Ort schon seit den 1870er-Jahren eine höhere Privatschule gegeben hat, an deren Besuch jedoch die Zahlung eines Schulgeldes geknüpft war.

Der Verdener Historiker Hartmut Bösche berichtet, dass seine aus Kleinenborstel stammende Mutter diese Privatschule besucht habe, weil der damalige Kleinenborsteler Lehrer seinem Großvater zutiefst unsympathisch gewesen sei. Diese Privatschule, die sich im Haus Wetterhoff, Lange Straße 29 befand, verlor 1939 ihre Existenzgrundlage und ging in die neugegründete Lehranstalt auf. Ebenso wie viele Schüler wurden jedoch ihre Lehrkräfte, der Oberlehrer Schröder, die Studienassessorin Fräulein Ellbrecher und ein Dr. Schröder übernommen. Zu ihrer Verstärkung wurde noch ein vierter Lehrer gesucht, geht aus Unterlagen hervor, die im Archiv der Samtgemeinde zu finden sind.

Die Mittelschule, für deren Besuch bis 1954 ebenfalls noch Schulgeld gezahlt werden musste, brachte man zunächst mit in der Bruchhauser Volksschule unter, die sich im Haus Lange Straße 89 befand. Die Räumlichkeiten wurden allerdings von Beginn an als ungeeignet angesehen. Dennoch dauerte es fast 20, von Streitereien begleitete Jahre, bis sich Schulbehörde und Politik zu dem eingangs erwähnten Neubau durchringen konnten.

Zuvor war der zeitweise geplante und besonders von Vilser Ratsmitgliedern propagierte Umzug nach Vilsen gescheitert. Erst als sich an dem dortigen Gebäude in der Vilser Schulstraße bauliche Unzulänglichkeiten herausstellten, die bei Umbauarbeiten sogar zum Einsturz eines Giebels führten, bei dem mehrere Arbeiter erheblich verletzt wurden, entschloss man sich endlich zum Neubau, der am 14. März 1962 eingeweiht und danach noch in zwei zusätzlichen Bauabschnitten bis 1966 erweitert wurde.

Das unter anderem mit sechs Klassenzimmern, Werk- und Physikraum sowie Lehrer- und Rektorzimmer ausgestattete neue Gebäude, wurde bei Übergabe als schön, weiträumig und zweckmäßig bezeichnet, wie im Archiv belegt ist. Die nunmehr darin untergebrachte Mittelschule genoss einen guten Ruf.

In einem als sehr positiv angesehenen Versuch wurden auch neue Wege beschritten, bestand hier doch die Möglichkeit für Volksschüler, die neunte und zehnte Klasse zu absolvieren und somit zwar verzögert, aber ebenfalls zur Mittleren Reife zu gelangen. Dieses Angebot wurde nicht nur von Schülern aus dem Kreis Grafschaft Hoya, sondern auch aus den Nachbarkreisen Diepholz, Nienburg und Verden genutzt. Aufgrund der weiten Anfahrtswege waren diese Schüler „in Pension“ unterbracht, lebten also gegen Bezahlung in fremden Haushalten.

In den 1970er-Jahren wurde der Begriff Mittelschule durch Realschule ersetzt, die pädagogische Grundausrichtung blieb aber weitgehend unberührt, woran auch die im Jahr 2000 erfolgte organisatorische Zusammenlegung von Haupt- und Realschule zunächst nichts änderte.

Erst mit dem Zusammenschluss zur Oberschule am 1. August 2012 war eine Neuausrichtung verbunden. Diese machte auch die weitreichenden Änderungen des Bildungssystems deutlich, die sich in den vergangenen 60 Jahren vollzogenen hatten. Wie es im Internetauftritt der heute von Natascha Rogge geleiteten Schule heißt, wird seither in allen Jahrgängen nach der Verordnung für Oberschulen gearbeitet, nach der in den Klassen 5 und 6 der Unterricht im Klassenrahmen stattfindet.

Ab Klasse 7 wird in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik in Grund- und Erweiterungskursen differenziert unterrichtet. In Klasse 9 besteht die Möglichkeit, den Hauptschulabschluss zu erreichen, in Klasse 10 können Sekundärabschluss I Hauptschule, Realschulabschluss und erweiterter Realschulabschluss erworben werden.

Die 1960 als Mittelschule gebauten Räumen bilden heute das Herzstück des Schulzentrums, in dem Schüler von der ersten bis zu 13. Klasse unterrichtet werden und alle Abschlüsse machen können, ohne allzu weite Anfahrtswege zurücklegen zu müssen.

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