Vitamine am Straßenrand

Obsternte im öffentlichen Raum ist möglich - aber es gibt Regeln

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Erntezeit am Straßenrand: Die Apfelbäume tragen in diesem Jahr viele Früchte (hier bei Wachendorf). Grundsätzlich dürfen Bürger zugreifen, müssen aber wichtige Regeln beachten.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Sie leuchten rot und saftig am Straßenrand: Äpfel und Birnen sind reif. Sowohl an Gemeinde- als auch an Kreis- und Landesstraßen im Landkreis Diepholz säumen Obstbäume den Fahrbahnrand. Dort gibt es zurzeit also Vitamine gratis. Aber dürfen Autofahrer, Spaziergänger und Radler sie einfach ernten, die Früchte dieser Straßenbäume? Oder sogar für die eigene Saft- und Musproduktion mit nach Hause nehmen? Die zuständigen Behörden signalisieren: Im Grunde spricht nichts gegen die Ernte – aber bitte mit Augenmaß und Rücksicht.

Wer erntet, handelt auf eigene Gefahr: Rechtlich gesehen sind Gemeinde, Landkreis oder Land Eigentümer des Obstes. Wer es verwerten möchte, sollte sich zuvor unbedingt an die zuständige Straßenmeisterei wenden, erklärt Uwe Schindler als Leiter der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau am Standort Nienburg. Denn es gebe durchaus Gefahrenpunkte, die Bürger nicht im Blick hätten. Deshalb sollten die Mitarbeiter der Straßenmeistereien informiert werden. „Anruf genügt“, sagt Schindler – und verweist auf die Adressen im Internet.

Früher, so erinnert sich Karin Bellingrodt als Vorsitzende der Kreisgruppe Diepholz im Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), habe ihre Organisation Äpfel und Birnen geerntet, Saft daraus pressen lassen und verkauft. Das hat der BUND mittlerweile eingestellt. Die Kreisvorsitzende wirbt aber für die Verwertung des Obstes – angefangen im eigenen Garten.

Knorrige Apfelbäume an den Straßen – charakteristisch vor allem in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen. An den Gemeindestraßen ist die Ernte erlaubt: „Die Bürger können das Obst gern einsammeln“, so Samtgemeinde-Bürgermeister Bernd Bormann. Denn Fallobst verschmutze im schlimmsten Fall die Straße, dann müsse der Bauhof wieder für Sauberkeit sorgen.

Wer große Mengen sammeln will, sollte vorher fragen

Die Ernte-Erlaubnis gilt aber nur für den Eigenbedarf und eine haushaltsübliche Menge: „Wenn jemand im großen Stil Äpfel sammeln möchte, dann sollte er sich vorher unbedingt mit uns in Verbindung setzen“, bittet Bormann um einen Anruf bei der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen.

Auch an Obstbäumen von Kreisstraßen dürfen sich Bürger bedienen, so Stephan Maas als Leiter des zuständigen Landkreis-Fachdienstes. Allerdings habe die Sicherheit dabei oberste Priorität: Die Obst-Sammler dürften weder sich selbst noch andere gefährden. Will heißen: Auf der Fahrbahn dürfen keine Fahrzeuge abgestellt werden, um schnell einige Äpfel zu pflücken – ebenso wenig dürfen Bürger Leitern an die Obstbäume an den Kreisstraßen stellen. Das gilt auch für andere Straßen, so Schindler.

Auch auf Streuobstwiesen glänzen zurzeit große Obstmengen. BUND-Kreisvorsitzende Karin Bellingrodt weiß, dass viele private Besitzer die Früchte gern selbst ernten und verwerten.

Was man in der Hand tragen kann, darf man mitnehmen

Im südlichen Landkreis, nahe der Gemeinde Brockum am Stemweder Berg, hat die Stiftung Naturschutz in der Naturerlebnislandschaft „Auf den Bröken“ eine Streuobstwiese angelegt. Mehr als 300 Obstbäume gedeihen dort – darunter Apfel-, Birnen- sowie Hauszwetschen- und Mirabellen-Bäume. Informationstafeln erklären den Besuchern, was dort wächst.

„Leider ist es schon vorgekommen, dass Unbekannte mit Erntefahrzeugen auf die Wiese gefahren sind und das Obst in großem Stil geerntet haben“, berichtet Jan Kanzelmeier als Geschäftsführer der Stiftung Naturschutz – und stellt klar: „Das ist Diebstahl. Das wollen wir auf keinen Fall!“ Naschen sei erlaubt: „Das, was man mit den Händen tragen kann, dürfen die Besucher gern mitnehmen“, sagt Kanzelmeier. Denn vom Obst leben auch heimische Wildtiere. Ihnen soll es als Nahrung dienen, sprich den Naturkreislauf stärken.

Die Organisation „Mundraub“ setzt sich bundesweit für eine „essbare Landschaft“ ein. „Mundräubern basiert auf Verantwortungsbewusstsein, Respekt und gesundem Menschenverstand“, heißt es auf deren Internetseite. Wichtige Regeln sollten die Bürger befolgen: „1. Beachte die Eigentumsrechte; 2. Gehe behutsam mit Baum und Natur um.“ Zu finden ist auf der Internetseite ebenso eine Karte: Obstfreunde können darauf öffentliche Fundorte eintragen.

https://mundraub.org

www.strassenbau.niedersachsen.de

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