Als ARD-Hörfunk-Korrespondent in den USA

Jan Bösche aus Loge: Unser Mann in Washington

Jan Bösche berichtet im deutschen Radio über aktuelle Ereignisse in den USA.

Loge/Washington - Von Mareike Hahn. Seine Stimme kennt man. Wer regelmäßig Radio Bremen oder NDR einschaltet, hat mit Sicherheit schon Beiträge von Jan Bösche gehört. Der Loger arbeitet als ARD-Hörfunk-Korrespondent in Washington.

Sein journalistischer Werdegang begann bei der Kreiszeitung: In der elften Klasse absolvierte Bösche ein Praktikum in der Lokalredaktion in Hoya, wurde anschließend freier Mitarbeiter. Nach dem Abitur studierte er Geschichte, Politik und Journalistik in Leipzig, fing beim Uniradio „mephisto 97.6“ an und arbeitete dann für den MDR – als Redakteur und Moderator und schließlich fünf Jahre als Korrespondent in Thüringen. Seit Juli 2014 berichtet der 40-Jährige nun aus der US-amerikanischen Hauptstadt. Ein Interview:

Wo und wie verbringen Sie die Feiertage?

Im vergangenen Jahr war ich in Loge, in diesem Jahr bleibe ich hier in Washington – ich bin mal dran mit Feiertags-Bereitschaft. Hoffentlich werden es trotzdem ein paar ruhige Tage. Meine Eltern haben mir selbst gebackene Kekse geschickt, die sind rechtzeitig angekommen.

Was haben Loge und Washington gemeinsam?

Es gibt keine Wolkenkratzer! Hier in Washington liegt es daran, dass kein Gebäude höher sein darf als das Kapitol. Und die Stadt hat sich weitgehend dran gehalten.

Und was sind die größten Unterschiede?

Na, die Größe auf jeden Fall. Washington ist zwar nicht so groß wie New York, Los Angeles oder Chicago, aber doch eine ziemlich lebendige Großstadt. Drumherum sind auch keine Felder, sondern viele Vororte – wir sind ja an der Ostküste, die ist verhältnismäßig stark besiedelt.

Wie wohnen Sie in Washington?

Ich wohne ganz anders als in Loge. Bei meinen Eltern gibt’s vorne Felder und hinten Wald. Hier wohne ich im neunten Stock, vorne schaue ich runter auf die Massachusetts Avenue, hinten schaue ich in andere Wohnungen und kann Leuten beim Essen zugucken.

Beschreiben Sie doch mal Ihren Job. Wie sieht ein typischer Tag aus?

Meine fünf Kollegen und ich, wir kümmern uns um fast alles, was in den USA passiert. Also vom Hurrikan in Florida über Proteste in North Dakota bis hin natürlich zur Politik. Obama, Clinton, Trump – die beschäftigen uns ganz schön. Wir haben ja Zeitverschiebung – die USA hängen sechs Stunden hinterher. Wir fangen also früh morgens an, arbeiten und produzieren für die Nachmittags-Sendungen in Deutschland. Dann wird’s ein bisschen ruhiger, wir recherchieren, machen Interviews. Abends kümmern wir uns dann um die Frühsendungen – ganz wichtig, das ist ja die Primetime im Radio. Dazu kommen dann noch Reisen: Manchmal geht’s innerhalb von zwei Stunden in den Flieger, wenn irgendwo im Land etwas passiert ist.

Haben Sie als deutscher Journalist viel Kontakt zu Amerikanern?

Ja, auf jeden Fall. Hochrangige Politiker sind schwierig, für die ist ein deutscher Radio-Journalist einfach nicht wichtig genug. Aber ich interviewe viele Experten hier, treffe für die Arbeit Leute überall im Land – unser Job ist es ja, auch zu berichten, wie die Amerikaner so ticken. Außerdem habe ich amerikanische Freunde gefunden, die ich abends oder am Wochenende treffe.

Was macht man samstagabends in Washington, wenn man nicht arbeiten muss?

Washington hat ein gutes Nachtleben, das hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich entwickelt. Es gibt viele Restaurants, unterschiedlichste Küchen, Clubs, Partys, Theater, Orchester, Oper. Also, man kann sich hier die Nächte um die Ohren schlagen, wenn man will.

In den deutschen Medien war die Präsidenten-Wahl in diesem Jahr DAS Thema aus den USA. Wie kann ein erfolgreicher Unternehmer und Fernsehstar der mächtigste Mann der Welt werden?

Das ist die entscheidende Frage. Die Antwort wird uns sicher noch ein bisschen beschäftigen. Trump hatte einfache Themen: Industriejobs zurückholen, weniger Einwanderer, mehr Sicherheit – und überhaupt: Amerika solle wieder großartig werden. Da kann man jetzt sagen: Teilweise stimmten seine Fakten nicht, dem Land geht es besser, als er es dargestellt hat – aber er hat den Nerv von vielen Wählern getroffen, besonders in der Mitte des Landes. Hillary Clinton hat es dagegen nicht geschafft, genügend Leute in diesen Bundesstaaten zu motivieren. Viele Amerikaner wollten sie auch einfach nicht. So haben wir die Situation, dass Clinton zwar mehr Stimmen bekommen hat – fast drei Millionen mehr. Hat ihr aber nicht geholfen, weil die Präsidentenwahl hier in den USA nach Bundesstaaten organisiert wird. Da haben ihr die vielen Stimmen, die sie in den Küstenregionen geholt hat, nichts genützt.

Was wollten die Radiohörer über den Kandidaten Trump wissen, und was interessiert sie am künftigen Präsidenten Trump?

Alles! Das Interesse ist wirklich groß, wir reden fast jeden Tag über Trump. Das liegt auch daran, dass so vieles noch unklar ist. Er ist kein Politiker, verstößt ständig gegen Regeln, geschriebene und ungeschriebene. Selbst Experten sind ratlos, wie er regieren wird. Ich meine, es sind nur noch wenige Wochen, bis er im Weißen Haus sitzt und Entscheidungen treffen wird!

Einige Amerikaner werfen den deutschen Medien vor, bewusst negative Schlagzeilen über Trumps Kontrahentin Hillary Clinton nicht veröffentlicht zu haben, zum Beispiel in Sachen Wikileaks-Enthüllungen. Was sagen Sie dazu?

Amerikaner, die deutsche Medien kritisieren? Ich habe das Gefühl, die Amerikaner wissen nur selten, was im Ausland über sie geschrieben wird. Clinton war ziemlich viel Kritik ausgesetzt, ihr privater E-Mail-Server als Außenministerin, es gab jeden Tag was Neues bei Wikileaks, was aber nicht jeden Tag interessant oder bedeutsam war. Schon im Wahlkampf haben sich natürlich viele mehr für Trump interessiert – der war neu, ungewöhnlich, polterig. Clinton kannten viele schon. Hier im Land gab es nach der Wahl von allen Seiten Kritik an den Medien, auch zum Beispiel, dass sie zu viel über Clintons E-Mails und Wikileaks berichtet haben, während Trumps unklare Geschäfte nicht so stark thematisiert wurden.

Sie haben als Schüler für die Kreiszeitung geschrieben. Können Sie sich noch an Ihren ersten Artikel erinnern?

Klar! Der erste eigene Artikel war übers Babyschwimmen in der Schwimmhalle in Martfeld. Das erste Foto war eine Theater-Aufführung im Schützenhaus in Loge.

Was haben Sie bei der Kreiszeitung gelernt, wovon Sie heute noch profitieren?

Viel! Das ganze grundlegende Handwerk hab’ ich bei den Kollegen in Hoya gelernt. Schreiben, fotografieren, recherchieren, mit den Leuten reden. Das war wirklich eine spannende Zeit. Ich finde gut, wie viel Feedback es in der Lokalredaktion gab. Leser riefen an, beschwerten sich, lobten. Wehe, man brachte die Meyers durcheinander! Durch diesen direkten Austausch mit den Lesern habe ich gelernt, dass man als Journalist nicht in den luftleeren Raum reinschreibt oder reinspricht.

Bleiben Sie in den USA oder kommen Sie irgendwann zurück nach Loge?

Meine Zeit hier ist begrenzt auf fünf Jahre, das ist bei den meisten Korrespondenten so. Dann geht’s für mich wieder zurück nach Deutschland, erst mal nach Leipzig. Dort sitzt ja der MDR, der mich hier hergeschickt hat.

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