Die Süstedter Antwort auf den Kölner Karneval

Theatergruppe beweist, dass Anti-Aging auch rückwärts funktioniert

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Harald Stellmann brillierte in der Rolle des pensionierten Steuerinspekteurs Ewald Brummer, doch standen ihm seine Mitstreiter auf der Bühne hinsichtlich der schauspielerischen Authentizität keinesfalls nach. 

Br.-Vilsen - Von Ulf Kaack. Premieren haben einen ganz besonderen Charme. Vor allem, wenn es sich um ein Amateurensemble handelt, bei dem man die Akteure auf der Bühne aus dem täglichen Leben, häufig aus dem familiären Umfeld, gut kennt. Am Samstagabend wurde „Sluuderkram in’t Treppenhuus“ von der Theatergruppe Süstedt uraufgeführt. Keine Frage: Karten an der Abendkasse waren nicht zu kriegen, die Spielstätte für diesen wichtigen Termin war bereits seit Wochen ausverkauft.

Die Spannung im Publikum war deutlich spürbar im Saal von Mügges Gasthaus in Bruchhausen-Vilsen, bevor sich der Vorhang nach einem launigen Intro vierer kittelbeschürzter Damen öffnete. Frei war der Blick aufs Bühnenbild: rechterhand ein Treppenaufgang, Strom- und Wasserzähler an der Wand, Leitungen über Putz, dazu vier hölzerne Wohnungstüren. Wem dieses innenarchitektonische Ensemble irgendwie bekannt vorkam, der wurde schnell bestätigt. Bei dem nun Gezeigten handelte es sich um ein Äquivalent des Ohnsorg-Klassikers „Tratsch im Treppenhaus“, der durch kaum mehr zählbare NDR-Wiederholungen im Kultranking mittlerweile gleich hinter „Dinner for One“ gelistet sein dürfte.

Im Treppenhaus blühte das Wirtschaftswunder in barockem Bauhaus-Stil, musikalisch treffend intoniert mit dem deutschsprachigen Rock-‘n‘-Roll-Klassiker „Motorbiene“, einst von Peter Krauss erfolgreich in den Charts platziert, als diese noch Hitparade hießen. Und dann öffneten sich wechselweise die vier Türen in der Kulisse, einem reduzierten Adventskalender gleich. Hinter ihnen leben die Protagonisten. Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Der Flur davor bildet das Podium für vielerlei Animositäten. Hier köchelt‘s, hier reibt man sich.

Bewährt, schmackhaft und leicht verdaulich

Die gewählte Rezeptur war bewährt, schmackhaft und leicht verdaulich. Munter wurde mit Klischees jongliert, die klassische Mann-Frau-Rollenverteilung bis zum Exzess ausgespielt. Es ging um Eitelkeiten, Peinliches, Beziehungsanbahnungen in erfolgreicher und vergeblicher Form … Im Treppenhaus wurde gefegt und gefeudelt, getratscht und gelästert, verleumdet und lautstark gezankt. Und über allem schwebten die Bemühungen um die Aufrechterhaltung einer makellosen Fassade. Gute Nachbarschaft halt, ganz wie in der Realität.

Der Friede-Freude-Eierkuchen-Effekt in diesem Bühnenstück aus der Feder von Jens Exler, uraufgeführt 1960, war programmiert, was dem Spaß keinesfalls abträglich war. Im Gegenteil: Die Vorhersehbarkeit war Programm, ja stilprägend für das gesamte Genre der populären niederdeutschen Komödien.

So barock die Anmutung von Kulisse und Requisite war, so konservativ war auch die Auslegung des Skripts. Das Ensemble hielt sich nahezu kongruent an das Original. Das war gut und machte Sinn. Der Versuch, diesen Klassiker mit hippen Adaptionen anzureichern oder ihn gleich ganz in die Moderne zu verlegen, wäre zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. So war es die eigentliche Herausforderung der Macher, das Gros der Schauspieler ihren Rollen entsprechend künstlich altern zu lassen. Also Anti-Aging, nur eben rückwärts. Und das gelang hervorragend. Besonders bei Hauptakteur Harald Stellmann, der auf der Bühne den pensionierten Steuerinspekteur Ewald Brummer verkörperte, bestand durchaus Anlass zur Vermutung, dass er direkt nach der Premiere in eine Seniorenresidenz verfrachtet wurde.

Laut, fulminant und extrem spaßig

Auch seine Mitstreiter auf den Brettern, die ja die Welt bedeuten sollen, agierten hochgradig authentisch, sicher in Mimik und Gestik. Lampenfieberbedingte Hänger im Text kamen nicht vor, waren für das Publikum zumindest nicht wahrnehmbar.

Natürlich soll an dieser Stelle das Ende nicht vorweggenommen werden, obwohl es eigentlich landläufig bekannt sein sollte. Eins sei jedoch verraten: Es wurde laut, fulminant und vor allem extrem spaßig beim Finale dieser – passend zur Jahreszeit – Süstedter Antwort auf den Kölner Karneval. Gibt es eigentlich Fitnessstudios, in denen man Lachmuskeln trainieren kann? Ein Besuch wäre als Prophylaxe in jedem Fall empfehlenswert gewesen.

Was nach diesem dreistündigen Theatergenuss blieb, waren die Erkenntnisse, dass gute Ideen zeitlos sind, dass es für das Wort Joint im Plattdeutschen bislang keine adäquate Vokabel gibt und dass die Süstedter Theaterspieler ein ebenso wirksames wie niveauvolles Gegengift gegen die derzeit allabendliche RTL-Dschungelcamp-Seuche gefunden haben. Aber Achtung, Medikamente in Form von Eintrittskarten für die folgenden zwölf Inszenierungen sind nahezu vergriffen. Unter Telefon 04240/1561 nimmt Helga Zierath Reservierungen für das verbleibende Restticketkontingent entgegen.

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