Wie im Kaufmannsladen

„Süße Post“ in Bruchhausen-Vilsen schließt und zieht als „Zuckerzeuch“ nach Bremen

Verkäuferin in einem Süßwarenladen
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Drei Schlümpfe, zwei Bananen, drei rote Taler – in der „Süßen Post“ stellt sich jeder seine Lieblingsmischung selbst zusammen, so die Geschäftsidee von Dörthe Ahlers.

Br.-Vilsen – Der Weg ist nicht ganz ohne. Drei Stufen muss man erklimmen, eine Klinke drücken, damit sich die alte Tür öffnet. Der Ton eines Glöckchens, das an der Ladentür befestigt ist, begleitet den Eintritt in den Laden von Dörthe Ahlers. Fast 15 Jahre lang hat dieses Tönen ihren Tagesrhythmus bestimmt. Mittwoch verstummt die Bimmel. Die „Süße Post“ ist Geschichte.

„Ich ziehe nach Bremen, dort leben meine vier erwachsenen Kinder“, sagt Dörthe Ahlers, und ihre Stimme klingt nach Vorfreude, nach Aufbruchstimmung, nach Lust auf Neues. Im Viertel lässt sie sich nieder, die Suche nach neuen Räumen für ihr Geschäft läuft. Für Laufkundschaft soll es gut zu erreichen sein, ist eines der Kriterien.

„Zuckerzeuch und Postkarten“ soll es heißen. Im Viertel gibt es bereits eine „Flaschenpost“, da wäre „Süße Post“ zu ähnlich, ist sie auf gute Nachbarschaft aus.

Lose Süßigkeiten zum Stückpreis von ein paar Cent, bei dieser Geschäftsidee waren 2006 manche skeptisch. Doch es funktionierte. Dank der kleinen und großen Kundschaft, die mit den Jahren immer mehr wurde und auch immer wieder kamen.

Den alten Laden an der Bahnhofstraße, den die Schwestern Hoopmann in früheren Jahren als Drogerie betrieben, hatte Dörthe Ahlers nicht modernisiert, vieles „Marke Eigenbau“ so installiert, wie es die Abläufe erleichterte. „So kann man es auch machen“, kommentierte einst ein fachkundiger Handwerker anerkennend. Die Atmosphäre in der „Süßen Post“ ist einzigartig. Ein märchenhafter Kaufmannsladen im richtigen Leben.

Er könne schmecken, ob die Lakritze aus der Schatulle der „Süßen Post“ komme oder aus einer handelsüblichen Verpackung, weiß sie über den Mann einer Stammkundin zu erzählen. Sie holt für ihn regelmäßig seine heiß geliebten Salinos.

Dörthe Ahlers kennt die Vorlieben ihrer Kunden. In den vergangenen 15 Jahren hat sie eine ganze Generation bedient. Die Kleinsten kommen das erste Mal an Mamas oder Papas Hand. Für große Kindergartenkinder ist der Weg zum Laden oft die erste Strecke, die sie allein gehen dürfen. Eltern wissen, dass ihr Kind in guten Händen ist. „Mich ehrt dieses Vertrauen“, sagt die Geschäftsfrau dazu.

Das Konzept, dass jede einzelne Süßigkeit einen festen Preis hat und dieser nicht durch Abwiegen ermittelt wird, animiert auch die Kinder, mitzurechnen. „Da weiß man genau, wie viel man sich für sein Taschengeld kaufen kann. Und auch Erwachsene haben so die Möglichkeit, den Überblick über den Preis zu behalten, das ist beim Abwiegen deutlich schwieriger einzuschätzen“, ist ihr an diesem Modell wichtig.

Doch wer glaubt, die „Süße Post“ ist nur etwas für Kinder, liegt gründlich falsch. „Ich habe Kunden, die über 80 Jahre alt sind“, sagt die Inhaberin. Sie kaufen sogenannte süße Tüten für ihre Enkel und Urenkel und lieben die Klassiker wie Nappos ebenso wie die Marzipankartoffeln oder kleinen Kreationen aus Marzipan, die Dörthe Ahlers selbst herstellt. Die Rohmasse wird mit der Post aus der Marzipan-Metropole Lübeck im 12,5 Kilogramm-Block angeliefert.

Manche Kunden kommen in den Laden und sagen, „wir schenken uns eigentlich nichts“, wenn sie bei Freunden zu einem Glas Wein oder Grillabend eingeladen sind. Doch Süßes geht auch in diesem Fall immer.

Süße Geschenkideen wie „Torten“ aus Schleckkram gehören zu den Verkaufsschlagern der „Süßen Post“. Meist als Drumherum für ein Geldgeschenk. Für viele zu schön und originell, um sie zu vernaschen.

Aus der Entschlossenheit, für ihre damals fünf bis fünfzehn Jahre alten Kinder da sein zu wollen und Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, entstand die „Süße Post“ als Laden im eigenen Wohnhaus. Ein Vorhang trennt privat von geschäftlich, zumindest der Form halber, denn die familiäre Atmosphäre trägt wesentlich zum Erfolg bei.

Kaum ein Kunde, mit dem sich nicht ein nettes Gespräch entwickelt. Über den Anlass für ein süßes Präsent entsteht oft ein Plausch über ganz Persönliches. „Das bleibt hier alles unter uns“, wissen ihre Kunden.

„Aber nicht wieder so viel erzählen“, auch das ist manchmal zu hören, aus Kindermund, der endlich probieren möchte, was die kleinen Finger gerade mühevoll mit der komplizierten Zange aus den Fächern geangelt haben, während Mama mit Dörthe schon wieder so viel zu plaudern hat.

Unter neuem Namen wird Dörthe Ahlers das erfolgreiche Konzept der „Süßen Post“ mit nach Bremen nehmen, mit nur kleinen Veränderungen. Dazu gehört, dass das Sortiment an Postkarten soll deutlich größer werden. Seit einigen Monaten gestaltet Dörthe Ahlers selbst Grußkarten, die sie im DIN A6-Format drucken lässt. Die Sparte möchte sie weiter ausbauen. Die Kollektion umfasst bereits um die 50 Motive. Und es sollen mehr werden. „Ich liebe Postkarten für jeden Anlass“, verrät sie über sich. „Auch die Kunden bringen mich mit ihren Anfragen auf Ideen“, beschreibt sie die Symbiose, die der „Süßen Post“ so eigen ist.

Die Kunden. „Ohne sie wäre die ‚Süße Post‘ nicht, was sie ist. Auch nicht ohne meine Kinder“, erzählt Dörthe Ahlers. Nach einem langen Gespräch über das, was war und das, was kommen wird, ist zu spüren, dass trotz der Freude auf die Zukunft ein Abschied bevorsteht. Ein Abschied, er ihr nahe geht.

Heute endet ein Stück Vilser Geschichte, endet ein Kapitel in der Lebensgeschichte von Dörthe Ahlers. Das Haus von 1851 verkauft sie und ist gespannt, wie dessen Geschichte weitergehen wird. Wen es wohl als nächstes beherbergt? „Für uns war es ein schönes Zuhause“, sagt sie an der Tür.

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