„Stellenkürzungen wären fatal“

Verein „Lebenswege begleiten“ erhält Integrationspreis und bangt um Landesmittel

3 Personen mit Urkunde und Blumenstrauß
+
Den Integrationspreis des Lions District Niedersachsen-Bremen nehmen Antje Alberts und Axel Hillmann von Prof. Dr. Barbara Zimmermann (rechts) entgegen, der Integrationsbeauftragen des Lions Districts.

Br.-Vilsen – Der Verein „Lebenswege begleiten“ aus Bruchhausen-Vilsen freut sich über eine Auszeichnung des Lions District Niedersachsen-Bremen: den Integrationspreis 2021. Das Preisgeld von 750 Euro versteht der Verein als Anerkennung für seine jahrelange Arbeit in der Flüchtlingshilfe.

Etwa 300 Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern hat der Verein bisher beim Ankommen in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen unterstützt. Diese öffentliche Aufgabe hat die Samtgemeinde schon vor Jahren im Rahmen eines Kooperationsvertrags an den Verein delegiert. Seit 2016 beteiligt sich auch das Land finanziell daran. Um Landesmittel aus dem Fördertopf „Migrationsberatung“ müsse der Verein jetzt aber bangen, sagt Axel Hillmann im Namen des Vorstands im Gespräch.

Das Land plane, diesen Zuschuss im Haushalt 2022/2023 um knapp 50 Prozent zu kürzen, informiert der Landes-Flüchtlingsrat. „Mit den geplanten Kürzungen werden in den kommenden zwei Jahren in ganz Niedersachsen rund 100 Stellen in der Migrationsberatung wegfallen“, fürchten 22 betroffene Träger. Unter ihnen „Lebenswege begleiten“. Der Verein beschäftigt zwei hauptamtliche Integrationsbeauftragte. „Und das ist fast zu wenig für die Aufgaben, die wir übernommen haben“, meint Axel Hillmann.

Neben der Flüchtlingshilfe, die eine erste umfassende Orientierung beinhaltet, nimmt die Sozialarbeit für Migranten einen breiten Raum ein, erläutert er. Ein relativ neuer Aspekt dabei: die Arbeitsvermittlung.

„Die allermeisten Flüchtlinge wollen finanziell unabhängig sein und ihr eigenes Geld verdienen“, berichtet Integrationsberaterin Antje Albers, neben Imke Dierks eine der Hauptamtlichen, aus ihrem 40-Stunden-Alltag bei „Lebenswege begleiten“. Der Arbeitsmarkt sei für diese Gruppe jetzt günstig: „Es werden viele Leute gesucht“, weiß Antje Alberts. Der Verein versuche jedoch, die Migranten nicht nur in kurzfristige Jobs für Ungelernte zu vermitteln, sondern in Ausbildung und feste, langfristige Arbeitsverhältnisse. Das Interesse der Arbeitgeber sei da, der Verein könne mittlerweile auf ein gut ausgebautes Netzwerk zur Wirtschaft zurückgreifen. „Aber die nötigen Papiere stellen für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber oft eine Hürde dar“, so die Erfahrung des Vereins. „Wer das Geld für die Migrationsberatung streicht, riskiert soziale Folgekosten“, heißt es in der Kampagne des Flüchtlingsrats. „Dann würden wichtige Anlaufstellen wie wir wegfallen“, ahnt Antje Alberts.

Im Landkreis Diepholz gibt es fünf Träger der Migrationsberatung, neben der Caritas in Twistringen ist „Lebenswege begleiten“ die einzige im Nordkreis. „Wir tragen dazu bei, dass Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte gestärkt werden, am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können und zu ihren Rechten kommen“, formuliert der Flüchtlingsrat.

Was das in der Praxis bedeutet, erläutert Antje Alberts: „Wir helfen vor allem über bürokratische Hürden hinweg.“ Ankunft in Deutschland, Umzug in einen anderes Bundesland zu Familienangehörigen, Schulangelegenheiten der Kinder – die soziale Beratung umfasst viele Stichworte. Umso mehr seit der Pandemie. „Wir bereiten die Informationen für alle Migranten, vor allem aber die Analphabeten auf, unterstützen vor allem beim Impfprozedere“, nennt die Beraterin Beispiele dafür, dass der „psychosoziale Beratungsbedarf deutlich zugenommen“ habe. Immer mehr Flüchtlinge wollen auch in ihre Heimatländer zurückreisen. Das Wie sei auch dabei eine Wissenschaft für sich.

Dass die Anzahl der Flüchtlinge im Land abnehme, lasse sie als alleiniges Argument für die beabsichtigten Kürzung nicht gelten. Allein die Situation in Afghanistan sei noch zu undurchsichtig für eine Prognose. Das Land habe zugesagt, Ortskräfte aufzunehmen, „noch sind diese aber nicht da“, erinnert sie und führt aus, dass die Beratung und Begleitung einzelner mit dem Ziel, sich finanziell unabhängig vom Staat zu integrieren, viel umfassender geworden sei.

„Lebenswege begleiten“ beteilige sich daran unter anderem mit eigenen Sprachkursen und Lerntandems, also der Unterstützung von Auszubildenden durch einen erfahrenen, ehrenamtlichen Coach. Obwohl der Verein über ein großes Netz an Helfern und Unterstützern verfüge, könne die Arbeit der Hauptamtlichen durch Ehrenamtliche nicht ersetzt werden, spinnt Axel Hillmann einen Gedanken fort, der sich bei angedachten Kürzungen aufdrängt.

Der Integrationspreis, für den Dr. Nicolin Niebuhr und Dr. Heike Mumm vom Lions Förderverein Hunte-Weser „Lebenswege begleiten“ nominiert hatten, sei eine „schöne Würdigung“ der Arbeit, sagt Hillmann. Die bisherige Unterstützung der Samtgemeinde bezeichnet er als „bavourös“. „Aber ohne Landesmittel können wir die Arbeit nicht fortsetzen“, nutzt er die Preisverleihung als Anlass, um den Land aufzuzeigen: „Stellenkürzungen wären fatal“.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

15 Ratsmitglieder in Weyhe verabschiedet

15 Ratsmitglieder in Weyhe verabschiedet

Meistgelesene Artikel

Das wird wohl teuer: 20-Jähriger baut Unfall – ohne Lappen und Versicherung

Das wird wohl teuer: 20-Jähriger baut Unfall – ohne Lappen und Versicherung

Das wird wohl teuer: 20-Jähriger baut Unfall – ohne Lappen und Versicherung
Plötzlich ist die Haustür weg: Mieter fühlt sich aus Haus heraus gemobbt

Plötzlich ist die Haustür weg: Mieter fühlt sich aus Haus heraus gemobbt

Plötzlich ist die Haustür weg: Mieter fühlt sich aus Haus heraus gemobbt
Kaputte Autoscheibe: Zeugen entlasten Hunderetter Rüdiger Weber

Kaputte Autoscheibe: Zeugen entlasten Hunderetter Rüdiger Weber

Kaputte Autoscheibe: Zeugen entlasten Hunderetter Rüdiger Weber
Bagger im Diepholzer Moor

Bagger im Diepholzer Moor

Bagger im Diepholzer Moor

Kommentare