Vom Retro-Ortskern und dem Verlust des Charmes

Stefanie Wendt betreibt die Facebook-Seite „Vilsen darf nicht sterben!“

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Br.-Vilsen - Von Vivian Krause. Als sie vor rund 25 Jahren nach Bruchhausen-Vilsen zog, erlebte sie einen Ort mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Es gab in Vilsen viele Kneipen, man konnte von Geschäft zu Geschäft bummeln, es war immer was los. Das habe nachgelassen, findet Stefanie Wendt. Mit einem Bekannten hat sie aus Spaß „ein wenig rumgeflachst“, und so kamen die Zwei zu dem Entschluss „Vilsen darf nicht sterben“. So heißt auch eine Facebookgruppe, die Wendt seit 2013 betreibt. Doch was sagt sie heute?

Der Abriss eines Hauses gab letztlich den Ausschlag, dieses Thema öffentlich zu machen. Und zwar jener des Gebäudes an der Bahnhofstraße neben dem Kaffeehaus Orlamünde (ehemals Café Kornau). Der Charme von Bruchhausen-Vilsen gehe durch Neubauten wie dem, der an den Platz kam, verloren. Stefanie Wendt beschloss also, öffentlich mit Freunden und Fremden über die Veränderungen, vor allem im Ortskern zu diskutieren.

Zunächst lud Wendt Bekannte via Facebook ein, dann entwickelte sich die Gruppe zu einem Selbstläufer. Mittlerweile hat sie 379 Mitglieder. „Im Moment passiert nicht so viel in der Gruppe“, sagt Wendt und bedauert, dass sie selbst nicht mehr die Zeit findet, aktiv zu diskutieren.

„Diese Gruppe ist entstanden, weil wir unserem Unmut Luft machen möchten, dass aus einem einst sehr charmanten Ort mit sehr viel Flair ein langweiliges Möchtegern-Schickimicki-Dorf werden könnte“, schrieb die 47-Jährige am 4. November 2013 in die Gruppenbeschreibung. Die Resonanz war positiv. „Man merkte, dass man Verbündete hatte“, blickt sie heute zurück.

Doch nicht immer herrscht Konsens. Ein Gruppenmitglied meint, das alte Haus an der Bahnhofstraße sei ohnehin kein Schmuckstück gewesen. Dennoch, die Botschaft der Gruppe ist klar: Vilsen verliert mehr und mehr an Charme.

Ein ehemaliger Einwohner, der jetzt laut eigenen Angaben auf Facebook in Amerika lebt, schreibt nach einem Besuch im Luftkurort: „Ich war schockiert und bestürzt! Bruchhausen-Vilsen hat stark nachgelassen und seinen charmanten Flair verloren! Häuser entfernt, neue Häuser hingestellt.“

„Bürger sollten mehr Ideen einbringen“

Weitere brisante Themen für die Gruppe waren zum Beispiel die Renovierung der Klostermühle Heiligenberg und der Bau des Aldi-Markts an der Langen Straße. Von Februar 2014 bis März 2015 dauerte die Diskussion um den Aldi-Bau laut der Administratorin Stefanie Wendt. „Ich war selbst auch in ein paar Ratssitzungen“, erinnert sie sich.

Stefanie Wendt sieht den Vilser Ortskern auf einem guten Weg.

Die Erkenntnis der Mediengestalterin, die sie aus ihren Besuchen im Bruchhausen-Vilser Rathaus mitnahm: Bürger sollten mehr Ideen einbringen. So startete sie einen Aufruf in der Facebook-Gruppe. „Gibt es Ideen für die Ortsentwicklung? Mal angenommen, ihr dürft den Ortskern gestalten und kreativ werden ... Wie sähe er dann aus? Spinnt ruhig ein bisschen rum!“ Leider stieß dieser Aufruf auf wenig Resonanz. „Das ist ein bisschen schade“, sagt Wendt. Sie selbst schlug Folgendes vor: „Ich würde mir einen Retro-Ortskern wünschen. Mit außergewöhnlichen Läden, die besondere Klamotten, Möbel, Schnickschnack et cetera anbieten. Ein bisschen wie ‘ne kleine Zeitreise.“

Neben Diskussionen zu Neubauten waren in den Jahren auch Veranstaltungen wie der Brokser Markt oder der Wettkampf „Mensch gegen Maschine“ sowie Gästeführungen Themen. Stefanie Wendt lobt zudem beispielsweise das Projekt „OBaMa“. Die aus Barrien stammende Wahl-Bruchhausen-Vilserin bezeichnet es als „schön, spannend und mutig“. Wie berichtet, soll der Ostbahnhof am Maidamm zu neuem Leben erweckt werden. Entstehen soll ein Gästehaus.

„Natürlich kann man mit einer Facebook-Gruppe keinen Ort retten“, sagt Wendt. Dennoch sei es Bruchhausen-Vilsen wert, „dass wir darüber diskutieren, kritisieren, loben, erzählen, schwelgen et cetera. Der Ort hat es verdient, dass wir uns Gedanken machen.“

Die Gruppe gibt es nun seit mehr als vier Jahren. Zeitweise hatte Wendt mit Spam-Kommentaren zu kämpfen. Ihre Lösung: Jedem, der in die nicht-öffentliche Gruppe aufgenommen werden möchte, schickt sie eine Nachricht, um die Echtheit der Person und das Interesse des Menschen an dem Ort zu klären.

„Sind auf einem guten Weg“

Ein Großteil der Mitglieder kommt aus Bruchhausen-Vilsen und Umgebung, aber auch Mitglieder aus Oldenburg, Hamburg und Bremen sind darunter. Eins dieser Mitglieder ist Samtgemeindebürgermeister Bernd Bormann. Mitdiskutiert hat er bisher nicht.

Im vergangenen Jahr sei es in der Gruppe ruhiger geworden, Konfliktpunkte gebe es aber noch immer. Stefanie Wendt nennt als Beispiel den geplanten Bau von zwei neuen Gebäuden an der Bahnhofstraße 28. Auf dem Grundstück (ehemals „Raumausstattung Meier“) sollen, wie im vergangenen Jahr berichtet, ein Bürohaus und ein Mehrfamilienhaus entstehen. Das Haus, in dem einst „Raumausstattung Meier“ untergebracht war, soll nach Angaben von Samtgemeindebürgermeister Bernd Bormann abgerissen werden.

„Mal gucken, wie es weitergeht“, sagt Wendt, die selbst nahe der Ortsmitte wohnt. Sie wünscht sich, dass es gastronomisch noch lebendiger wird. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt sie auch mit Blick auf das neu eröffnete Bistro „Kzwei“ im ehemaligen Chinarestaurant „Canton“ am Engelbergplatz.

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