Da steckt viel drin

Architekt erklärt Vorgehen bei Sanierung der Klostermühle und Bau des Gästehauses

Architekt Gerhard Fröhlich gewährte Einblicke in das bauliche Gesamtkonzept.

Heiligenberg - Von Ulf Kaack. In ganz Niedersachsen fand kürzlich der Tag der Architektur statt. 108 ausgewählte Objekte an 48 verschiedenen Orten öffneten ihre Türen und gewährten Einblicke. Lediglich zwei davon aus dem Landkreis Diepholz. Neben einem Remisenpavillon in Affinghausen war die Klostermühle in Heiligenberg ein Magnet für zahlreiche Liebhaber historischer und moderner Baukunst.

Wohl kaum ein Bauwerk in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen wird so geliebt, genießt so viel Bekanntheit und Aufmerksamkeit weit über die Grenzen der Region hinaus, wie die Klostermühle. In malerischer Hanglage gelegen, umgeben von Wald, Wasser und Wiesen, ist das historische Bauwerk ein Kleinod. 2015 nahm die neue Eigentümerfamilie Brüning die Pläne für eine komplette Umgestaltung des denkmalgeschützten Ensembles, verbunden mit Abriss- und Neubaumaßnahmen, in Angriff. Damals diskutierte man die Planungen kontrovers in der Politik, bei den Behörden und in der Öffentlichkeit. Der Zustand der historischen Bausubstanz sowie ein stark modifiziertes und zukunftsorientiertes gastronomisches Nutzungskonzept machten die Maßnahme laut Brünings unumgänglich.

So war der Anforderungskatalog für die Planer bei diesem Objekt außergewöhnlich umfangreich, wie der ausführende Architekt Gerhard Fröhlich einer Gruppe von interessierten Besuchern am Tag der Architektur erklärte: „Viele Aspekte galt es im Vorfeld aus planerischer und gestalterisch-kreativer Perspektive unter einen Hut zu bringen. Historie und Moderne, Ästhetik und Funktionalität. Kunst und die Nähe zur Natur sollten einen weiten Raum einnehmen. Ein wichtiger Faktor war natürlich der Denkmalschutz. Hinzu kamen die Komponenten Ökologie und Energieeffizienz. Und eben auch die Wirtschaftlichkeit, also die langfristige Refinanzierung des Projekts durch den gastronomischen Betrieb. Bislang hatte ich noch kein Projekt auf dem Tisch, das eine solch differenzierte Herangehensweise erforderlich machte.“

Im Zentrum der Überlegung stand die Wassermühle, deren Erhalt niemals infrage gestellt war. Um sie langfristig zu bewahren, fügte man einen nicht sichtbaren Stahlrahmen ein, der das gesamte Gebäude trägt. Wände, Decken und Fachwerk waren nun für die Statik unerheblich, sodass die Einrichtung der Gastronomie und des Küchenbereichs sowie der Erhalt des alten Mahlwerks und der Galerieräume weitgehend frei gestaltet werden konnten.

Das gleichsam historische und moderne Mühlenensemble in Heiligenberg ist als architektonisches Highlight bekannt.

„Als wir den Abriss des alten Nebengebäudes mit den Fremdenzimmern und den Bau eines neuen Gästehauses erwogen, taten sich nur zwei architektonische Möglichkeiten auf“, schilderte Fröhlich das Szenario vor drei Jahren. „Entweder ein Abbild des historischen Gebäudes, um ein harmonisches Ganzes zu schaffen. Oder eben ein moderner Neubau als Kontrast, um die Wertigkeit der Wassermühle zu betonen. Die Entscheidung für letztere Variante erzeugte teils heftige Kritik. Die ist heute angesichts des Geschaffenen verstummt.“

Die Aufgabe bestand darin, Alt und Neu visuell und emotional zu verbinden. Das Gästehaus, als Domus bezeichnet, ist einhüftig konzipiert. Ein Flur in jeweils beiden Geschossen fungiert als wirksamer Schallschutz zur stark frequentierten Terrasse vor dem Gebäude. Die großzügigen Zimmer mit freiem Blick ins Grün sind einerseits abgekoppelt vom Geschehen vor der Tür, ein Zugang für die Gäste ist andererseits jederzeit möglich.

Der moderne Domus ist in seiner Grundarchitektur sehr einfach strukturiert. „Kiste“ nennt Gerhard Fröhlich das Funktionsgebäude augenzwinkernd. Als Vorbild dazu diente ihm eine Tankstelle mit Imbissanbau in Kalifornien. Deren Einfachheit und schlichte Ästhetik hat er adaptiert.

„Der Mensch soll sich in den Räume selber spüren, sich selber als Person empfinden, dabei nicht von gestalterischen Elementen oder baulichen Mächtigkeiten erschlagen werden“, erklärte er während eines Rundgangs durch das Innere. „Schnickschnack findet hier keinen Platz. Transparenz und Reduziertheit, die unmittelbare Nähe zur Natur sowie funktionale Eleganz machen den Charakter der Räume aus. An den Wänden werden Gemälde etablierter Künstler aus der Region gezeigt, was der Familie Brüning ein besonderes Anliegen war. Natürlich haben wir hocheffiziente Haustechnik und eine Brandschutzanlage verbaut, das gesamte Areal ist barrierefrei gestaltet. Doch das entzieht sich weitgehend dem Auge des Betrachters.“

Eine Verschmelzung der Epochen wird vor allem durch die Auswahl des verwendeten Materials erzielt. Ein rauer Putz, hartes Rubinienholz, Metall sowie natürlicher Bewuchs prägen die Fassade des Domus‘. Durch den normalen Alterungsprozess entsteht eine Patina, die das Bauwerk optisch mit der Wassermühle in Harmonie zusammenwachsen lassen soll. Ein Prozess, der durch die zahlreichen alten und neuen Accessoires und Kunstwerke im Außenbereich noch unterstützt wird.

Einher gingen die Baumaßnahmen mit einer Umgestaltung des weitläufigen Außenbereichs, deren integrativer Bestandteil das Mühlenensemble ist. Der Kunstpfad zum benachbarten Forsthaus ist revitalisiert und schon aus der Ferne ein farbenfroher Blickfang. Basierend auf ökologischen Gutachten, sanierten die Bauherren den Mühlenteich und seinen Zulauf aus dem nahegelegenen Quellgebiet der Eiter. Die terrassenförmige Gartengestaltung vermeidet parkartige Avancen. Sie gibt sich naturnah und von traditionellen Bauerngärten inspiriert, integriert dabei Mauerreste, Brücken und Wanderwege.

„Es ist eindrucksvoll zu erfahren, welch ein vielschichtiges Gedankenkonstrukt hinter diesem Projekt steht“, zeigte sich Gast Ulrich Cramer aus Nienburg nach der Fachexkursion begeistert. Der 63-Jährige schätzt seit vielen Jahren die Gastronomie und das Ambiente der Klostermühle. „Auch ich stand den Planungen zunächst kritisch gegenüber. Das ist zwar schon seit einiger Zeit bei mir ins Gegenteil umgeschlagen, doch die heutigen Erläuterungen des Architekten über die vielen kreativen Ideen, die in diesem Bauprojekt stecken, eröffnen mir eine völlig neue Sicht der Dinge. Ich muss sagen, das begeistert mich hier alles hochgradig.“

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