Autorenteam des Vereins „Eule“ stellt Buch 

In Schwarme standen einst 100 Häuslingshäuser

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Ulrich Dunker, Dieter Voigts, Siegfried Haubner und Herbert Brückner (von links) haben zwei Jahre lang an dem Buch über die Häuslinge gearbeitet. 

Schwarme - Von Karin Neukirchen-Stratmann. Vom schweren Leben der Häuslinge in Schwarme zwischen 1600 und 1960 erzählt das Buch „Besitz- und rechtlos“ von den Autoren Herbert Brückner, Ulrich Dunker, Siegfried Haubner und Dieter Voigts, alle vom Heimat-, Umwelt- und Kulturverein „Eule“ in Schwarme. Das Werk ist jetzt im Kellner-Verlag Bremen erschienen. Am heutigen Freitag um 19 Uhr wird das Buch in Robberts Huus in Schwarme (Hoyaer Straße 2) vorgestellt. Gleichzeitig eröffnet der Kreisheimatbund die Ausstellung „Häuslingswesen im Landkreis Diepholz“. Alle Bürger sind willkommen.

Die Idee zum Buch hatte das Autorenteam vor rund zwei Jahren. „Da gab es schon das Projekt ,Häuslingswesen‘ des Kreisheimatbunds, bei dem wir mitarbeiteten. Dabei stellten wir fest, dass über das Häuslingswesen in Schwarme so gut wie nichts bekannt ist“, erklärt Herbert Brückner. Häuslinge seien einfache Landarbeiter gewesen, die die Erlaubnis gehabt hätten, in Scheunen, Backhäusern oder kleinen Häusern ihrer Bauern zu wohnen. „Sie waren besitzlos und rechtlos im juristischen Sinne“, sagt Brückner. Nur wer zu damaligen Zeiten – ab circa 1600 – einen Wohnsitz hatte, durfte heiraten. Daher war die Tätigkeit als Häusling begehrt.

Rund 100 Häuslingshäuser, so hat das Autorenteam herausgefunden, gab es in Schwarme um 1850. „Vermutlich waren es nirgendwo in der näheren Umgebung so viele Häuslinge wie hier in Schwarme“, erklärt Herbert Brückner. Die Häuslinge seien sehr arm und ihr Leben beschwerlich gewesen, nicht selten seien viele Familienmitglieder krank gewesen.

Um aus dieser fast aussichtslosen Lage herauszukommen, gab es für Häuslinge verschiedene Möglichkeiten. „Viele lernten nebenbei ein Handwerk und verkauften Dinge wie Reisigbesen oder Ähnliches“, sagt Brückner.

Aus vielen Häuslingen wurden Kleinbauern 

Es gab auch die sogenannten Hollandgeher. Das waren Häuslinge, die sich zwischen Ostern und Pfingsten nach Holland begaben, um dort gegen Bezahlung als Wanderarbeiter tätig zu sein. Das Geld half ihnen, die Abgaben zu bezahlen, die sie für ihren Dienstherrn leisten mussten, oder die Rauchhuhnabgabe. „Damals musste jedes Haus mit einer Feuerstelle diese Abgabe zahlen. Der Name resultiert aus der Tatsache, dass die Abgabe zunächst in Form eines Huhnes bezahlt wurde, erst später in Geldform“, sagt Brückner.

Oftmals hatten die Häuslinge auch eine Kuh, durften diese aber nicht auf die gemeindeeigenen Flächen, die sogenannte Allmende, treiben. „Diese Flächen waren den Voll- und Halbmeiern und Brinksitzern vorbehalten“, erklärt das Autorenteam. Vollmeier war, wer vier Pferde besaß, ein Halbmeier hatte zwei Pferde. Der Brinksitzer hatte nach dem Dreißigjährigen Krieg das Recht, ein Haus zu bauen, außerhalb des Dorfs. Dazu gehörten dann auch zwei Morgen Land.

Nach der Aufhebung der Grundherrschaft um 1830 wurden aus vielen Häuslingen Kleinbauern. „Schon im Jahr 1923 gab es eine Buslinie nach Bremen, die viele Arbeiter in die Stadt transportierte“, sagt Herbert Brückner. Das Ende des Häuslingswesens begann mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Industrialisierung setzte auch in der Landwirtschaft ein, es gab immer mehr Arbeitsplätze in der Industrie, die lukrativer waren als die Landarbeit. Von den vielen Häuslingshäusern in Schwarme sind heute noch rund 20 erhalten und in dem neuen Buch dokumentiert.

Dank an Hobbyhistoriker Hartmut Bösche

Die vier Autoren haben in den vergangenen zwei Jahren oft zusammen gesessen, Material gesichtet und bewertet. Sie recherchierten im Staatsarchiv in Stade und Hannover sowie im Archiv der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen. Die alte Kanzleischrift, ein Vorgänger der Sütterlinschrift, zu entziffern war dabei eine Herausforderung. Dabei unterstützte die Vier Hobbyhistoriker Hartmut Bösche, „dem wir großen Dank sagen“, erklärt Brückner.

Am Computer vergrößerte Siegfried Haubner die Schriften oft, „dann ging es mit dem Lesen gleich besser“, so seine Erfahrung.

Mit dem umfangreichen Kartenmaterial im Buch, unter anderem ist eine nie veröffentlichte Karte der alten Brandkasse Hannover abgebildet, beschäftigte sich Dieter Voigts.

Eher zufällig stießen die Vier bei ihren Recherchen auf eine alte Volkszählung, sogenannte Urlisten aus den Jahren 1852 und 1861. „Dort sind alle Personen aus Schwarme mit Alter, Wohnung und Tätigkeit aufgeführt. Überraschend für uns war, dass Schwarme damals schon 1 907 Einwohner hatte“, sagen die Autoren. Heute sind es rund 2 500.

Das Buch ist für 20 Euro in Schwarme bei den Banken, im Buchhandel sowie heute Abend in Robberts Huus zu erwerben.

Die Ausstellung ist bis Freitag, 18. Mai, täglich von 15 bis 19 Uhr zu sehen.

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