Zu Gast im Gymnasium

Holocaust-Überlebende: „Das Schlimmste war die Angst“

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Die Schüler des Gymnasiums Bruchhausen-Vilsen stellten Marion Blumenthal Lazan nach ihrer Rede im Forum des Schulzentrums etliche Fragen. Das große Interesse hat Schulleiter Reinhard Heinrichs (rechts neben der Holocaust-Überlebenden) sehr gefreut.

Br.-Vilsen - Von Vivian Krause. In der Baracke im Konzentrationslager Bergen-Belsen hatte sie einen Ofen entdeckt. Bislang war dieser nie an gewesen, doch als draußen ein Wagen hielt, schöpfte sie Hoffnung. Sie dachte, auf dem Wagen würde Holz liegen. Doch es waren nackte Leichen.

„Jeden Tag sah man Leichen herumliegen“, sagt die Holocaust-Überlebende Marion Blumenthal Lazan gestern bei ihrem Vortrag vor Schülern des Gymnasiums im Forum des Schulzentrums in Bruchhausen-Vilsen.

Die Familie von Marion Blumenthal Lazan lebte früher in Hoya. Geboren wurde die heute 82-Jährige in Bremen. Ihr Vater Walter Blumenthal betrieb ein Schuhgeschäft in Hoya, darüber lebte seine Familie, wozu neben Marion Blumenthal Lazan ihr zwei Jahre älterer Bruder Albert und ihre Mutter Ruth zählten. 

„Das Leben für Juden wurde schwieriger“, erinnert sich Blumenthal Lazan an die Zeit im Jahr 1935. Am 15. September hatte Adolf Hitler, dessen Namen die 82-Jährige nie nennt, die Nürnberger Gesetze erlassen. Sie legalisierten den Antisemitismus nicht nur, sie forderten ihn sogar.

Reichspogromnacht war nur der Anfang

In der Reichspogromnacht, vom 9. auf den 10. November 1938, wurden Synagogen und jüdische Geschäfte zerstört. „Das war der Anfang einer Massenzerstörung“, sagt Marion Blumenthal Lazan. „Das war der Anfang des Holocaust.“

Ihre Familie reiste zunächst in die Niederlande, wartete dort auf ihr Visum für die Einreise nach Amerika. Doch dann besetzten die Deutschen im Mai 1940 das Land. „Wir waren gefangen“, sagt Marion Blumenthal Lazan. Gefangen im Durchgangslager Westerbork. Jeden Dienstagmorgen gingen Frauen, Männer und Kinder zu einer Station, von der aus sie zum Konzentrationslager gebracht wurden. „Wir nannten den Weg ,Boulevard de misère‘, ,die Straße des Kummers‘.“

„Im Februar ‘44 kam unsere Zeit“, erinnert sie sich. Ihre Familie wurde ins Konzentrationslager Bergen-Belsen (Kreis Celle) gebracht. „Es war bitterkalt und regnerisch“, erinnert sich Blumenthal Lazan, die damals neun Jahre alt war. „Ich hatte eine Riesenangst.“

Frauen und Männer getrennt

Die Frauen wurden getrennt von den Männern untergebracht. Die Baracken hatten keine Fenster, waren dunkel und immer kalt. Die Betten waren drei Etagen hoch, zwei Personen teilten sich ein Bett, das etwa 70 Zentimeter breit war. „Ich teilte mir eins mit meiner Mutter“, sagt sie. „Ihr wisst es: Der deutsche Winter ist lang und kalt“, sprach sie die Siebt- bis Zwölftklässler an. „Wir hatten nur eine dünne Decke“, führte sie weiter aus. 

Die Inhaftierten hatten oft Frostbeulen an den Zehen und Fingern, „die haben wir dann mit unserem eigenen Urin behandelt.“ Nicht nur dieser Satz ließ es im voll besetzten Forum noch stiller werden, als es eh schon war. „Wir haben anderthalb Jahre keine Zähne geputzt, es gab keine Bäume, keine Blumen, kein Gras.“ Alle vier Wochen durften die Gefangenen duschen gehen. „Wir wussten nie, ob Wasser oder Gas aus den Duschen kommen würde.“

Schmerzen, Hunger und Durst – das waren die Gefühle, die Marion Blumenthal Lazans Kindheit im Konzentrationslager begleiteten. „Wir hatten nichts“, erinnert sie sich. Sie versuchte, sich selbst etwas abzulenken, und dachte sich Spiele aus. „Das war meine Überlebensstrategie.“

Spiele halfen zum Überleben

Ein Spiel war das Sammeln von Kieselsteinen. Marion Blumenthal Lazan hatte es sich zur Aufgabe gemacht, vier etwa gleich große und ähnlich aussehende Steinchen zu finden. Dies standen symbolisch für ihre vierköpfige Familie. Wenn sie die Steine findet, glaubte Marion Blumenthal Lazan, sei das ein Zeichen dafür, dass ihre Familie durchkommen würde. „Aber ich habe geschummelt“, gibt sie zu. Überlebt haben alle Vier das Konzentrationslager. „Ich glaube, es war auch die innere Stärke meiner Mutter, die uns am Leben gehalten hat.“

Im April 1945 wurden „unsere Leute“, wie Marion Blumenthal Lazan sie nennt, in drei Waggons gepfercht. „In unserem waren wir etwa 2 500.“ Sie fuhren nach Osten. Ohne Essen, Wasser, Medizin und Toiletten. „Der Zug war eine Hölle auf Rädern“, sagt sie. Eines Tages kamen Soldaten durch den Zug und verlangten nach Männerkleidung. Der Grund: Man sollte sie nicht als deutsche Soldaten identifizieren können. 

Russen befreiten das Lager

„Da wussten wir, der Krieg ist vorbei.“ Russen befreiten die Gefangenen und brachten sie nach Tröbitz (Brandenburg). Viele Einwohner des Orts waren geflüchtet, „wir haben ihre Häuser übernommen“. Damals wog die Zehnjährige 16 Kilogramm. „Wir waren alle schwach, krank und erschöpft“, sagt sie. „Aber es war ein wunderbares Gefühl, frei zu sein.“ Kurz darauf starb ihr Vater an Fleckfieber.

Für Marion Blumenthal Lazan, ihren Bruder und ihre Mutter ging es doch noch nach Amerika. „Drei Jahre nach unserer Befreiung sind wir dort angekommen.“ Ein Glück, denn dort lernte sie ihren jetzigen Mann Nathaniel Lazan kennen. Die beiden hatten im August ihren 64. Jahrestag, haben drei Kinder, neun Enkelkinder und drei Urenkel.

Doch die Erinnerung an die Zeit des Holocaust bleibt. Den Gestank und die Angst könne man laut Blumenthal Lazan nicht in Worten beschreiben, nicht in Büchern schildern und nicht in Filmen übermitteln. Daher reist sie als Überlebende durch die Welt, um ihre Geschichte persönlich zu erzählen. Denn: So etwas dürfe sich niemals wiederholen.

Insgesamt kamen damals sechs Millionen jüdische, unschuldige Menschen um. „Berlin hat ungefähr drei Millionen Einwohner“, wirft Blumenthal Lazan zum Vergleich ein.

„Ihr seid die letzte Generation, die das von einer Überlebenden hört“, gab sie den rund 280 anwesenden Schülern mit. Und dazu noch eine Botschaft: Seid respektvoll und nett zueinander, egal, welche Religion, welche Hauptfarbe, welche Nationalität ihr habt. Das ist die Basis für Frieden. „Eine so einfache Botschaft, die so schwer zu erreichen ist.“

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