Hoffen auf temporäre Freizeitparks

Zwischen Frust und Kreativität: Wie ergeht’s den Schaustellern im Landkreis Diepholz?

Albert Dormeier steht vor dem Eingang seines umgebauten Lkw-Aufliegers.
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Albert Dormeier baut seinen Lkw-Auflieger als Wohnplatz für mitreisende Mitarbeiter um: „Damit sie einen Schlafplatz haben, wenn wir irgendwann wieder auf Reise gehen dürfen. Ich bin optimistisch, sonst würde ich den Anhänger nicht umbauen.“

Was machen eigentlich die Schausteller im Landkreis Diepholz, wo sie doch ihrer regulären Arbeit nicht nachgehen können? Lars Stummer und Albert Dormeier geben Einblicke.

  • Auch im zweiten Jahr muss die Schaustellerbranche im Landkreis Diepholz fast ohne Einnahmen auskommen.
  • Schausteller werden während der Pandemie kreativ, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.
  • Lars Stummer und Albert Dormeier hoffen auf temporäre Freizeitparks sollten die großen Jahrmärkte in diesem Jahr wieder ausfallen.

Landkreis Diepholz – Was macht jemand, wenn er das, was er sonst sein Leben lang gemacht hat, wegen Corona nicht mehr machen darf? Die Schausteller im Landkreis Diepholz dürfen und können nun schon im zweiten Jahr ihren Beruf nicht mehr ausüben. Was machen sie stattdessen? Wie sieht ihr Tagesablauf während der Pandemie aus? Wie geht es ihnen? Die Kreiszeitung hat exemplarisch bei zwei von ihnen nachgefragt.

„Im Moment kommen wir über die Runden“, meint Lars Stummer, „wenn wir gute Banken haben, die unsere Kredite stunden“, relativiert der Schausteller aus Bruchhausen-Vilsen. Kredite hätten viele Schausteller durch die Corona-Krise aufnehmen müssen. Je länger sie anhalte, desto düsterer werde die Aussicht. „Für uns alle war ein Jahr schon schwierig, aber zwei Jahre werden heftig“, sagt er zu den Corona-Beschränkungen, die die Schausteller überall in Deutschland seit mehr als einem Jahr außer Gefecht setzen, weil keine Volksfeste erlaubt sind.

Albert Dormeier, Schausteller aus Bassum und Cousin von Lars Stummer, glaubt, dass sich an der verzwickten Situation für seine Branche so schnell nicht viel ändern wird: „Ich habe zwar von einem Kollegen gehört, dass sich ab Juni wegen des Impfens alles bessern soll, aber ich befürchte, dass es das ganze Jahr über keine Feste geben wird.“ Er könne sich einfach beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich innerhalb weniger Wochen alles ändern werde.

Schausteller müssen während der Coronakrise einfallsreich sein

Auch wenn Albert Dormeier schwarz sieht für baldige Volksfeste, glaubt er an sich und seine Schaustellerkollegen, sofern sie ihre berufstypischen Fähigkeiten einzusetzen wissen: „Wir sind ganz findige Menschen. Irgendwie schlagen wir uns durch.“ Als Schausteller müsse man derzeit einfach andere Wege gehen. „Nützt ja nichts, das Essen muss ja auf den Tisch“, meint Albert Dormeier. Wer das nicht kann oder will, der werde es sehr schwer haben, meint der Bassumer. Möglichkeiten, wenigstens den Grundbedarf finanziell zu decken, gebe es immerhin genug. Lars Stummer: „Manche von uns fahren jetzt Lkw oder stehen mit kleinen Verkaufsbuden auf den Parkplätzen von Supermärkten.“ Albert Dormeier meint: „Jetzt ist Spargelsaison. Manche von uns können sich zum Beispiel in eine Bude stellen und Spargel verkaufen.“

Auch Hartz IV sei für manche Schausteller eine Option, wenngleich eine nicht sonderlich beliebte. „Der eine oder andere von uns ist ins Arbeitslosengeld II gegangen, um sein Essen und Trinken bezahlen zu können. Das ist aber das letzte Mittel. Wir Schausteller wollen dem Staat nicht auf der Tasche liegen“, erklärt Stummer, der auch Vorsitzender des Schaustellervereins Bruchhausen-Vilsen ist.

Der eine oder andere von uns ist ins Arbeitslosengeld II gegangen, um sein Essen und Trinken bezahlen zu können. Das ist aber das letzte Mittel. Wir Schausteller wollen dem Staat nicht auf der Tasche liegen.

Lars Stummer

Die Hilfe sorge zwar dafür, dass die Schausteller finanziell durchkommen. Dass sie ihrem Job nicht nachgehen können, mache ihnen aber schwer zu schaffen. „Wir gehen in unserem Beruf auf“, meint der Bruchhausen-Vilser. „Das ist das, was wir am besten können.“ Albert Dormeier habe sich selbst eine Zeit lang als Lkw-Fahrer versucht, es dann aber wieder aufgegeben. Der Grund: „Das war nicht mein Leben.“ Als Schausteller sei er es gewohnt, in Gesellschaft zu sein. Der Job als Berufskraftfahrer konterkariere das. „Ich muss mit den Leuten reden, sie unterhalten. Als Lkw-Fahrer bist du den ganzen Tag ganz allein.“ Deswegen ist er jetzt mit einem Verkaufswagen in der Region unterwegs und verkauft Schmalzkuchen. „Ich stehe jeden Tag woanders“, sagt er, „um ein bisschen Geld zu verdienen.“

Das, was im vergangenen Jahr am ehesten an echte Schausteller-Aktivitäten erinnerte, waren temporäre Freizeitparks. Einer dieser sogenannten Pop-up-Parks, der „BruVi-Park“, war im Spätherbst für vier Wochen in Bruchhausen-Vilsen aufgebaut. Lars Stummer und Albert Dormeier gründeten deshalb gemeinsam mit anderen Schaustellern die Firma „Fun Fair Event“ (wir berichteten).

Schausteller ohne Arbeit: Temporäre Freizeitparks als Option für 2021

Richtige Volksfeste wären den beiden Firmenchefs zwar lieber, aber bevor gar nichts geht, werde die Firma auch in diesem Jahr aktiv und organisiere weitere Pop-up-Parks. „Wir haben bereits einige Städte angeschrieben und bisher große Resonanz bekommen“, meint Lars Stummer. Durch temporäre Freizeitparks bekämen sie wenigstens ein Stück ihres Schaustelleralltags zurück. „Wir machen das, damit sich die Karussells wieder drehen und nicht weiter still stehen“, sagt Stummer. Albert Dormeier meint: „Dann bin ich mit meinem Karussell unterwegs. Das ist mein Leben.“

Eine voll bestückte Werkbank: Vor Corona war dieses Bild selten. Das Werkzeug von Albert Dormeier war selten in Bassum, sondern oft unterwegs.

Dass die Pop-up-Parks keine Corona-Hotspots seien, habe die Premiere im vergangenen Jahr gezeigt. „Mit den Corona-Regeln können wir umgehen. Das haben wir bewiesen“, kommentiert Albert Dormeier. „Wir wollen so schnell wie nur irgendwie möglich loslegen und wieder arbeiten“, erklärt Lars Stummer. Er würde derzeit nur noch auf die Absage des Brokser Marktes und die Freigabe für die temporären Freizeitparks warten.

Lars Stummer und Albert Dormeier fühlen sich gewappnet für die nächsten Monate im Lockdown. Dass alle Schausteller die Krise überleben, bezweifeln sie allerdings. „Manche sind nicht so einfallsreich“, sagt Dormeier. Wie schlimm die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Schausteller-Branche am Ende sein werden, stehe noch in den Sternen. Lars Stummer: „Wer von uns letztendlich auf der Strecke bleibt, das sieht man erst hinterher.“ Er hoffe aber, dass es nicht zu viele sein werden.

Wie steht es um die Planungen der großen Jahrmärkte in der Region?

Stoppelmarkt Vechta (12. bis 17. August): Der Stoppelmarkt in Vechta ist noch nicht abgesagt. Stadtsprecher Volker Kläne dazu: „Die Planungen laufen. Die Verordnungen sind für den August noch nicht aussagekräftig. Auch für eine Absage braucht man eine rechtliche Grundlage. Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet.“

Brokser Heiratsmarkt (27. bis 31. August): „Solange der Markt nicht abgesagt ist, ist er noch in Planung“, sagt Marktmeister Ralf Rohlfing. Und eine Absage beziehungsweise ein Verbot gibt es bislang nicht. Rohlfing und sein Team arbeiten derzeit aber nur mit angezogener Handbremse – denn fest stehe bereits: „Ein Markt wie 2018, 2019 wird nicht möglich sein.“

Diepholzer Großmarkt (16. bis 19. September): Aus dem Diepholzer Rathaus heißt es: „Der Markt ist noch nicht abgesagt, die Planungen laufen noch.“ Weil es bis zum September noch eine Weile hin ist, sei es zu voreilig, jetzt schon eine Entscheidung zu treffen.

Bremer Freimarkt (15. bis 31. Oktober): Auch beim Bremer Freimarkt ist derzeit noch alles offen. „Das ist abhängig vom Pandemiegeschehen“, sagt Kristin Viezens, Pressesprecherin des Bremer Wirtschaftsministeriums.

Brockumer Großmarkt (30. Oktober bis 2. November): Eine Entscheidung über den Brockumer Großmarkt möchte die Gemeinde Brockum so spät wie möglich treffen, „um den Schaustellern eine Perspektive zu bieten“, sagt Bürgermeister Marco Lampe. Die Entscheidung fällt im besten Fall Ende August. „Davor entstehen der Kommune keine Kosten“, erklärt Lampe.

Kirchdorfer Herbstmarkt (6. und 7. sowie 10. November): Für den Kirchdorfer Herbstmarkt gibt es bisher weder eine Zu- noch eine Absage. „Noch ist keine Entscheidung getroffen“, erklärt Samtgemeindebürgermeister Heinrich Kammacher. Der Gemeinderat Kirchdorf beobachte das Infektionsgeschehen und werde darauf aufbauend entscheiden.

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