PORTRÄT Erwing Rau fasst nach seiner Flucht aus Chile Fuß in Bremen - und der Samtgemeinde

Die Schauspielerei ist seine ewige Liebe

Aufbruch zu neuen Ufern: Erwing Rau ist ein künstlerischer Tausendsassa, mit dem auch nach dem Ende des Theaterrestaurants „Kastanie“ auf diversen kulturellen Fächern zu rechnen ist. Foto: Ulf Kaack

Hollen - Von Ulf Kaack. Er ist der Kulturexport Nummer Eins in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen und in Sachen Schauspielerei weit über Niedersachsens Grenzen hinaus bekannt: Erwing Rau. Das Leben des charismatischen Darstellers ist von einigen wenigen, dafür umso substantielleren Wendungen geprägt. Wir sprachen mit ihm über Biografisches, Aktuelles und seine Zukunftspläne.

Der Mann lacht mit seinen Augen. Knapp 1,60 Meter sprühende Sympathie. Er weiß, was er kann, hat seine Ziele exakt definiert. Vor einem knappen Jahr fasste er gemeinsam mit seiner Ehefrau Barbara Stadler den Entschluss, das seit zwei Jahrzehnten existierende Theaterrestaurant „Kastanie“ in Martfeld-Hollen zu schließen. „Einerseits fiel es uns natürlich schwer, uns von der lieb gewonnenen und gut etablierten ,Kastanie‘ zu trennen“, blickt Erwing Rau zurück. „Auf der anderen Seite war es für uns beide der ideale Zeitpunkt, im Leben noch einmal neue Pfade zu beschreiten. Wir wollten einfach ohne wesentliche Einschränkungen vornehmlich das tun, was uns wirklich wichtig ist. Nämlich kreativ sein, uns nochmal neu definieren.“

Der 66-Jährige wendet sich mit dem gewonnenen zeitlichen Freiraum wieder intensiver seiner lebenslangen Leidenschaft zu, der Schauspielerei. Er hat sich dem Bremer Tourneetheater angeschlossen und steht aktuell mit der rasanten Familienkomödie „Ein Sams zu viel“ auf der Bühne. Gerade hat er in der Rolle des Herrn Mon mit dem überregional präsenten Ensemble gut ein halbes Dutzend Mal im Syker Theater für gutgefüllte Ränge gesorgt, ebenso im „Kioto“ des Bremer Lagerhauses.

Als Mitglied des „Theater 11“ in Bremen widmet sich Erwing Rau derzeit einer besonderen Herausforderung: „Hierbei handelt es sich um ein Ensemble, das tief im russischen Kulturkreis verwurzelt ist. Zur Zeit studieren wir das Drama ,Onkel Wanja‘ aus der Feder von Anton Tschechow ein. Und zwar bilingual - teils in deutscher Sprache, teils auf Russisch. Das Einstudieren der Texte ist äußerst anspruchsvoll. Ebenso die Regisseurin, die höchste Qualität einfordert.“

Und auch auf kulturpolitischer Ebene hat er für sein Fach die Netze ausgeworfen. Er engagiert sich für die freien Theater in der Hansestadt, für deren Anerkennung und Förderung. Gerade erst hat er als einer der Motoren im Landesverband Freie Darstellende Künste Bremen das vierwöchige Festival „Spotlight“ in der Schwankhalle im Stadtteil Neustadt erfolgreich inszeniert. Außerdem ist er Ideengeber und Jurymitglied beim „Fabelhaften Bremer Schlüssel“, dem neuen Kulturpreis für kreative Theatermacher in der Wesermetropole.

Doch damit nicht genug: Auch musikalisch ist er wieder aktiv. Nach einem ersten Auftritt in Gehlbergen, bei dem er mit südamerikanischen Songs sein Publikum zu begeistern wusste, will Erwing Rau zukünftig verstärkt mit Gesang und Gitarre präsent sein. Außerdem lernt er jetzt mit eiserner Disziplin Saxofon, ein Instrument, das ihn schon immer fasziniert hat.

Und auch seine bekannte Theaterwerkstatt für Laien und Amateure geht im März erneut an den Start. Es gibt „Improvisation, Technik, Bewegung, Ausdruck … und alles mit viel Spaß an der Sache“, verrät er vorab. „Diese fantasievollen Workshops vermitteln das schauspielerische Handwerk und dienen außerdem der eigenen Persönlichkeitsbildung.“

Doch wie ist er überhaupt zum Beruf, nein, zur Berufung des Schauspielers gekommen? „Ein konsequenter und dennoch verschlungener Weg“, antwortet Erwing Rau, der 1952 in Molina im Herzen Chiles geboren wurde und dessen Familie über deutsche Wurzeln verfügt. „Mein Vater war Großgrundbesitzer, meine Mutter war Zeichnerin und fertigte Keramiken. Ich wuchs wohlbehütet und privilegiert auf, besuchte eine Privatschule.“

Durch die künstlerischen Ambitionen seiner Mutter bekam er tiefe Einblicke in die Kunstwelt. Die Schule förderte seine kulturellen Aktivitäten. So stand er mit acht Jahren erstmals auf der Bühne. 1970 machte er sein Abitur und ergriff anschließend ein akademisches Studium der Theaterwissenschaften. Das kulturelle Leben in Chile stand damals in voller Blüte. Erwing Rau war mittendrin, engagierte sich in nahezu allen künstlerischen Bereichen. Vor allem natürlich im Schauspiel, seiner ewigen Liebe.

Doch dann geriet er zwischen die politischen Fronten. Wirtschaftlich ging es mit der Regierung von Salvador Allende abwärts. „Der Versuch des Präsidenten misslang, aus einer funktionierenden Demokratie einen sozialistischen Staat zu formen“, erklärt Erwing Rau. „Enteignungen und Verstaatlichungen sowie der Wirtschaftsboykott durch die USA und europäische Staaten zogen für viele Chilenen den Abstieg in die Armut nach sich. Aufstände waren die Folge. Das Land war in ein rechtes und linkes Lager gespalten, die sich beide radikalisierten.“

1973 kam Augusto Pinochet durch einen Militärputsch an die Macht und regierte fortan diktatorisch. Erwing Rau, eher im linken Lager Chiles verwurzelt, rückte nun ins Visier der herrschenden Militärjunta. Als Kulturaktivist wurde die Heimaterde brenzlig für ihn. Er tauchte zunächst ab in den Untergrund. Mit einem deutschen Pass gelang es ihm, nach Argentinien zu flüchten. Nach einem halben Jahr besorgte ihm die deutsche Botschaft in Buenos Aires schließlich einen Schiffstransfer nach Europa.

„Mit der ‚Cap San Nicolas‘ ging es innerhalb von 28 Tagen über den Atlantik”, erinnert sich der Künstler. „Einer der legendären ,Weißen Schwäne des Südatlantiks‘, wie diese wunderschönen Cap-San-Schnellfrachter der Reederei Hamburg Süd genannt wurden. Ein Arzt gehörte zur Crew, wir hatten einen Salon, eine Bar und sogar einen Swimmingpool an Bord. Ich machte mich als Steward nützlich, war Teil der Besatzung.“

In Rotterdam in den Niederlanden betrat Erwing Rau erstmals europäischen Boden, gelangte anschließend nach Bochum: „In dieser Phase lebten rund 15 000 geflohene Chilenen im Ruhrgebiet. Wir wurden gut aufgenommen, zum Teil sogar heroisiert. Es war die Zeit des Vietnam-Kriegs, der RAF und Che Guevara.“

Für den jungen Chilenen stand fest: Er wollte Theater machen. Dem stand natürlich zunächst die sprachliche Barriere im Weg. Erwing Rau paukte Deutsch, hielt sich mit Jobs über Wasser und absolvierte ein Studium der Sprachwissenschaften. Nach vier Jahren war er fit für die Bühne.

„Chile war recht europäisch orientiert, darum fiel mir der Neustart nicht schwer“, erinnert er sich. „Ich kappte meine Wurzeln und nahm mein neues Leben zielorientiert und mit voller Energie an.“

Los ging es mit Straßentheater und Engagements bei freien Bühnen. Er schloss sich der von Clown Jango Edwards inspirierten Fools-Bewegung an, entdeckte für sich das Fach der modernen Pantomime, maßgeblich beeinflusst durch den französischen Theaterpädagogen Jacques Lecoq. 1978 verschlug es Erwing Rau nach Bremen. An der Weser wurde er heimisch, stieß zum etablierten Schnürschuh-Theater.

Gemeinsam mit Alvaro Solar entstand 1981 das Duo „erwi und alvi“, das 16 Jahre aktiv sein wird. Diverse Preise und zahlreiche Auftritte in Deutschland, Österreich, Schweden, Slowenien, der Schweiz und Italien zierten ihre Engagements. Ende der 80er-Jahre spielte Erwing Rau am Münchner Volkstheater in den zwei erfolgreichsten Produktionen dieses Hauses: Er mimte den Sancho Panza in „Don Quixote“ bei 180 Vorführungen und sogar 205 Mal den Kater in „Der Wunschpunsch“ aus der Feder von Michael Ende. Auch TV-Auftritte standen immer wieder mal auf dem Programm. Doch die Arbeit vor der laufenden Kamera ist nicht unbedingt seine Welt.

1994 übernahm der erfolgreiche Mime die Direktion der Schauspielschule am Ernst Waldau Theater in Bremen. Nach Differenzen mit dem Intendanten schmiss er diesen Job nach drei Jahren und brach erneut zu neuen Ufern auf.

Bereits 1995 hatte er mit seiner Gattin Barbara Stadler die ländliche Idylle vor den Toren der Hansestadt für sich entdeckt. Dort inszenierte er William Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ in einem Waldstück bei Martfeld. Ein ausrangierter Zirkuswagen bildete die Basis dieser künstlerischen Mission, die an jedem Wochenende aufgeführt wurde.

„Bei einem Spaziergang entdeckten Barbara und ich eine ehemalige Dorfkneipe in Hollen und verliebten uns sofort in das charismatische Bauwerk“, sagt der 66-Jährige lächelnd. „Die ideale Plattform für unsere damaligen Zukunftspläne. Als es zum Verkauf angeboten wurde, machten wir innerhalb von drei Tagen Nägel mit Köpfen.“

So begann sein nächster Lebensabschnitt. „Die Kastanie“ entstand, ein Theaterrestaurant mit gepflegter Küchenkultur und natürlich jeder Menge Theater. Erwing Rau rief seine Theaterwerkstatt im angrenzenden Saal ins Leben. Regelmäßig präsentierte er dort nun Schauspiel in nahezu allen Nuancen des Genres. Dazu gehören die Inszenierungen vom Sommernachtstraum von Shakespeare und den „Krabat“ im Freien. Dass nun, nach über zwei Jahrzehnten, das Kapitel „Kastanie“ zu Ende ist, bereut er nicht: „Dies ist kein Schlusspunkt, nur eine Veränderung und ein wiederholter Aufbruch zu Neuem.“

Permanent hat sich Erwing Rau in seinem künstlerischen Schaffen frisch erfunden. Ganz sicher, was seine Bühnenperformance angeht. Seine Sicht auf die Welt - auf die Menschen, Zeitströme und kulturellen Wandlungsprozesse - will er hingegen als bodenständig, von Kontinuität und Disziplin geprägt verstanden wissen: „Ich bin dankbar für mein Leben als Schauspieler. Die freiwilligen und unfreiwilligen Brüche in meiner Vita empfinde ich dabei als ausgesprochen positiv. Es waren stets Neuorientierungen, die mich weiter nach vorne gebracht haben und mir spannende kreative Prozesse und Felder bescherten.“

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