Heute vor 60 Jahren öffnete das erste Autokino Deutschlands, Bruchhausen-Vilsen folgte 1977

In der Sandgrube wird Jugendtraum wahr

Im Frühjahr 1977: Leinwand und Autostellplätze sind nahezu fertiggestellt. Bald kann es losgehen. Der erste Film, der auf der leinwand flimmerte, hieß „Zwei außer Rand und Band“ mit Bud Spender und Terence Hill. Repro: neu

Br.-Vilsen - Von Karin Neukirchen-stratmann. „Zwei außer Rand und Band“, so hieß der erste Film, der über die große Leinwand im Autokino Bruchhausen-Vilsen flimmerte. Das war am 1. Juli 1977. Für den Flecken eine absolute Neuheit, für die Kinolandschaft aber keine Sensation: Das erste Autokino in Deutschland nahm am 31. März 1960 seinen Betrieb bei Frankfurt/Main in Gravenbruch auf, heute vor genau 60 Jahren.

Das Vilser Autokino hat Walter Spannhake aufgebaut. Seine Leidenschaft für Filme machte er schon in frühen Jahren zum Beruf.

Der gebürtige Vilser lernte jedoch zunächst im grafischen Gewerbe, wurde Buchdrucker und Schriftsetzer, arbeitete einige Jahre in Mannheim beim Bibliografischen Institut, das unter anderem den Duden verlegte.

Doch Spannhakes berufliche Laufbahn sollte sich bald ändern. Wo heute die Kreissparkasse Vilsen an der Bahnhofstraße ihren Sitz hat, war seinerzeit das Hotel Dörgeloh ansässig. „1954 wurde das Hotel an Rudolph Schlobohm verpachtet, der es 1964 kaufte. Zu dieser Zeit gab es bereits ein Kino im Saal“, blickt Walter Spannhake, zurück. „Es hieß Kurlichtspiele, ein Ruf-Onkel von mir aus Wachendorf hat es zunächst unterhalten.“

Walter Spannhake selber war zu dieser Zeit noch in Mannheim beschäftigt. „Aber schon damals war ich eng mit einem Kino verbunden. Wer einmal Filmluft schnuppert...“

Als Walter Spannhake erfuhr, dass das Kino im Vilser Hotel zu verkaufen ist, griff er zu. „Das war 1969. Ich kam zurück und renovierte erst einmal von Grund auf, eröffnet wurde am 31. Juli 1969.“ Nach dem Tod Rudolph Schlobohms 1976 führte dessen Ehefrau das Hotel weiter, bis das Gebäude schließlich 1981 verkauft wurde. Zu dieser Zeit betrieb Walter Spannhake auch schon das Autokino am Ortsausgang Richtung Berxen.

„Ohne Kino kein Luftkurort“, erinnert der heute 80-Jährige. Denn das Vorhalten eines Lichtspieltheaters sei damals eine der Voraussetzungen gewesen, um als Luftkurort anerkannt zu werden.

Der Unternehmer investierte seinerzeit viel in das Autokino. „Es war ja vorher eine alte Sandgrube. Der Boden musste abgeschoben werden, das ist der heutige Wall, der noch zu sehen ist“, erklärt Spannhake.

Allein für die Leinwand wurden 102 Tonnen Stahl verbaut, Platz gab es im Autokino für fast 500 Autos. Zur Eröffnung im Juli 1977 spielte sogar das Heeresmusikkorps aus Hannover auf.

In den 1970er-Jahren gab es in Deutschland seines Wissens etwa 40 Autokinos, von denen heute noch knapp 20 betrieben werden. „Das Kino in Bruchhausen-Vilsen war damals das 20. in ganz Deutschland“, weiß Walter Spannhake, der außer dem Autokino auch Lichtspielhäuser in Nienburg, Diepholz, Syke, Sulingen und Rotenburg betrieb.

Geöffnet hatte das Autokino ganzjährig. „Im Winter gab es für jedes Auto eine kleine tragbare Heizung“, denkt Walter Spannhake zurück. Doch er räumt ein: „Wir hatten im Winter 40 Prozent weniger Umsatz. Da waren die Leute lieber in den festen Häusern.“ Umgekehrt sei es im Sommer gewesen. „Da lief es im Autokino super, die Leute brachten Campingstühle mit, es gab einen Kiosk für Getränke und Snacks.“

Doch irgendwann rentierte sich auch das Autokino nicht mehr, die großen Lichtspielhäuser machten den kleineren Kinos das Leben schwer. „Am 1. November 1992 war Schluss im Autokino, seitdem bin ich im Ruhestand“, erzählt Walter Spannhake.

Heute spaziert er täglich eine gute halbe Stunde durch den Luftkurort. Und widmet sich seinem zweiten großen Hobby, der Musik. „Ich fahre regelmäßig in die großen Konzerthäuser, nach Dresden oder Leipzig, zum Beispiel.“

Kino und Musik, diese Leidenschaften führte er in den 1980er-Jahren zusammen: Auf dem Autokinogelände fanden Musikfestivals statt – das Bruchhausen Open-Air wurde dort jährlich zwischen 1983 bis 1988 veranstaltet. Etliche Musikgrößen der Zeit traten dort auf, unter ihnen Edo Zanki, Uriah Heep, Udo Lindenberg und Heinz-Rudolf Kunze. „Außer den mobilen Heizstrahlern mussten wir nichts abbauen“, weiß er.

Heute stehen auf dem ehemaligen Autokinogelände Häuser. Die Gemeinde hat dort den dritten Abschnitt des Baugebietes Hoppendeich realisiert. Der Beschluss, das Baugebiet in die frühere Sandgrube zu erweitern, fiel 2016. Die Erschließungsstraßen heißen, wenig verwunderlich, „Im alten Autokino“ und „Zur Leinwand“. Und selbst in einen Roman hat es das Autokino geschafft. Autor Marcus Ehrhardt wähnt in „Mondseeflüstern“: „Die Fragezeichen in ihren Augen schienen größer zu sein als die Leinwand des ehemaligen Autokinos in Bruchhausen-Vilsen, einem kleinen Ort südlich von Bremen.“

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