Sängerin Karin Tiebel und Pianist Marcus Altmann kredenzen anspruchsvolle Chansons

Mal divenhaft, mal unnahbar, mal betroffen

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Deutsche Chansons aus den 20ern und 30ern mit Anspruch und Niveau präsentierte das aus Krankheitsgründen zum Duo geschrumpfte Karin-Tiebel-Trio am Donnerstagabend im Theaterrestaurant „Kastanie“.

Hollen - Von Ulf Kaack. Aus dem Karin-Tiebel-Trio ist am Donnerstagabend unfreiwillig ein Duo geworden. Krankheitsbedingt musste Bassist David Bär seine Teilnahme am Konzert in der bis auf den letzten Platz besetzten „Kastanie“ in Martfeld-Hollen absagen und ließ so das ambitionierte Ensemble um ein Drittel zur Zweierbesetzung schrumpfen.

Wer das Trio zuvor noch nicht gehört hatte, dem fiel das Fehlen des Kontrabasses nicht auf. Im Gegenteil: Die nun rein auf das Piano reduzierte Instrumentierung erwies sich als vollkommen ausreichend und gab dem Gesang von Karin Tiebel – vor allem als Blues- und Rockröhre, unter anderem bei New Jam, bekannt – viel Entfaltungsraum.

Deutschsprachige Chansons aus den 20er- und 30er-Jahren standen auf dem Programm. Ein Repertoire, das sich hervorragend in die lockere und offene Atmosphäre des Theaterrestaurants „Kastanie“ einfügte, die spärlich ausgeleuchtete Bühne ein hervorragender Ort dafür. Ein deutlich vernehmbarer Hauch des Pariser und Berliner Flairs jener Epoche wehte durch die einstige Diele, als die charismatische Karin Tiebel auf den Spuren von Edith Piaf und Josefine Baker zu wandeln begann.

Doch wer nun leichte, schlagerartige Kost erwartete, sah sich schnell getäuscht. Kredenzt wurden literarisch anspruchsvolle Chansons, teils vom zeitgenössischen Kabarett beeinflusst. Zwischen den Zeilen waren Parallelen zu Bertolt Brecht und Rainer Maria Rilke deutlich herauszuhören. In den Texten ging es vor allem um die Liebe, um die Suche nach dem großen und kleinen Glück, um Sehnsüchte. Das klingt stark nach Schlager, schürfte jedoch deutlich tiefer unter der Oberfläche. Jedes Lied eine Erzählung, jeder Text ein feingeschliffenes literarisches Kleinod in Versform. Mutmacher, lebensnahe Episoden, kleine Weisheiten, fein dosierte Lebensphilosophien.

Vor allem diese herrlich alte Sprache der Lieder wusste zu faszinieren. Redewendungen und Wörter, die längst auf Dudens Abfalldeponie des Verbalen gelandet waren, standen plötzlich im Raum und blitzten ganz tief in der Erinnerung der Zuhörer wieder auf. Formulierungen wie man sie heute nur noch in antiquierten Schwarzweiß-Streifen im sonntäglichen Vormittagsprogramm auf Arte vernehmen kann.

Was äußerst unterhaltsam war, zeichnete gleichzeitig ein merkwürdiges Sittenbild dieser doch als spießig und puritanisch geltende Epoche zwischen den Weltkriegen. Manch Anzüglichkeit war deutlich zu vernehmen. Das Frauenbild, das Karin Tiebel so plakativ personifizierte, war meist ein starkes, ein forderndes und dem maskulinen Weltbild überlegenes. Und dann kamen immer wieder die balladesken Momente auf, in denen sie in fragile, von Selbstzweifeln zerrüttete Rollen schlüpfte.

Überhaupt wusste die Sängerin mit schauspielerischem Talent zu überzeugen. Mal divenhaft, mal unnahbar, mal betroffen. Dabei stets selbstbewusst, von authentischer Dominanz und Lässigkeit, mimte sie ihre Lieder geradezu. Kostüme setzte sie dabei minimal akzentuiert ein: Federboa, Zylinder und ein abgewetzter Trenchcoat reichte dazu völlig aus.

Der Piano-Mann war exakt so einer, wie er im Buche steht: schwarzbefrackt und mit der obligatorischen Fliege um den Hals erledigte Marcus Altmann seinen Job an den weißen und schwarzen Tasten unauffällig und mit hintergründiger Virtuosität. Mal verhalten, mal ambitioniert zupackend stand er in Hollen in einem permanenten, nuanciert abgestimmtem Dialog mit Sängerin Karin Tiebel, verlor dabei in keinem Moment seine Lockerheit hinter seiner versteinerten Mine scheinbarer Unbeteiligtheit am Bühnengeschehen.

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